1. Panorama
  2. Deutschland

Armutsbericht des Wohlfahrtsverbandes: Das Ruhrgebiet bereitet die größten Sorgen

Armutsbericht des Wohlfahrtsverbandes : Das Ruhrgebiet bereitet die größten Sorgen

Kein Thema wird in der Politik derzeit so diskutiert wie die Armutsgefahr in Deutschland. Das zeigte sich zuletzt in der Debatte um die Zuschussrente. Nun warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband, dass die Gefahr, arm zu werden, noch nie so hoch war. Insbesondere das Ruhgebiet und Berlin bereiten dem Verband Sorgen.

Es ist noch nicht einmal einen Monat her, da sorgte der Armutsbericht der Bundesregierung für Schlagzeilen, obwohl ihn das Kabinett noch nicht einmal angenommen hatte. Mehrere Zeitungen hatten berichtet, dass die Schwarz-Gelb den Bericht geglättet habe, die Regierung wies die Kritik allerdings zurück. Im Bericht selbst heißt es, dass es in Deutschland einige positive Entwicklungen gegeben hat. Das sieht der Paritätische Wohlfahrtsverband allerdings ganz anders.

In seinem Armutsbericht 2012, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde, stellt der Verband fest, dass in Deutschland jeder sechste armutsgefährdet sei. 2011 habe die Armutsgefährdungsquote in der Bundesrepublik mit 15,1 Prozent so hoch gelegen wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Ähnliche Zahlen hatte erst vor zwei Tagen die Nationale Armutskonferenz verkündet. Dort hieß es, jeder siebte Bundesbürger sei von Armut gefährdet.

Ähnlich wie die Nationale Armutskonferenz sieht auch der Paritätische Wohlfahrtsverband die Ausweitung des Niedriglohnsektors als einen Teil des Problems. Von einer relativen Konstanz der Armutsquoten, wie ihn die Bundesregierung in ihrem Bericht propagiere, könne keine Rede sein. Zudem zeige sich, dass sich eine positive wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr positiv auf die Armutsgefährdungsquote auswirke.

Ruhrgebiet: Quote legt um 20 Prozent zu

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat seinen Bericht allerdings auch nach Regionen aufgesplittet. Dabei zeigt sich, dass das Ruhrgebiet und Berlin die schlechteste Fünf-Jahresentwicklung gemacht haben. Sie seien die Problemregionen Nummer 1, heißt es vonseiten des Verbandes. "Was wir in Berlin und im Ruhrgebiet erleben, kommt einem armutspolitischen Erdrutsch gleich", sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

In den vergangenen fünf Jahren habe die Armutsgefährdungsquote in Berlin um 25 Prozent, im Ruhrgebiet um 20 Prozent zugenommen, konstatiert der Wohlfahrtsverband. Daraus erklärt sich auch, warum Nordrhein-Westfalen im Ranking der Bundesländer nur den neunten Platz erreicht. Die niedrigste Armutsgefährdungsquote gab es demnach 2011 in Baden-Württemberg und die höchste in Bremen.

Der Verband spricht von einem dreigeteilten Deutschland, auch wenn die Unterschiede in Ost und West sich allmählich verringern würden (was allerdings als Folge einer Verschlechterung in den westdeutschen Bundesländern gesehen wird). Der Süden Deutschlands fällt demnach positiv aus dem Gesamtbild heraus, danach folgt ein großes Mittelfeld von neun Bundesländern. Abgeschlagen seien dagegen Länder wie Sachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen.

  • Einschätzung der Nationalen Armutskonferenz : "Armut ist in Deutschland politisch gewollt"
  • Sozialbericht 2012 : NRW kämpft gegen wachsende Armut
  • Angeblich geschönte Passagen : Bundesregierung weist Kritik am Armutsbericht zurück

Gravierende Entwicklung in Duisburg

In Nordhrein-Westfalen stieg die Quote laut dem Bericht in einem Jahr von 15,4 Prozent auf 16,6 Prozent. Seit 2006 habe sie kontinuierlich um fast 20 Prozent zugenommen — und die Tendenz steige, wie übrigens im gesamten Bundesgebiet.

Im Ruhrgebiet selbst betrug die Quote 18,9 Prozent, ein Anstieg um 1,5 Punkte. Auch hier habe sie in den vergangenen Jahren erheblich zugelegt. Dabei stellt der Bericht auch einzelne Regionen des Ruhrgebietes gesondert heraus, da die Zahlen dieser noch deutlicher machen, in welche Richtung die Entwicklung geht. So habe die Armut in der Region Dortmund und in der Region Duisburg/Essen seit 2005 um mehr als 24 Prozent zugenommen. In Dortmund selbst stieg sie seither um mehr als 30 Prozent an, in Duisburg sogar um mehr als 45 Prozent.

Es ist nicht der erste Bericht, der auf diese Entwicklung insbesondere im Ruhrgebiet und NRW insgesamt aufmerksam macht. Laut dem Sozialbericht 2012 ist in NRW jeder siebte arm und sogar jedes fünfte Kind. Auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hatte in ihrer Regierungserklärung im September dieses Jahres den Kampf gegen die Armut zum wesentlichen Ziel ihrer Arbeit gemacht. Ein Schwerpunkt, den sich auch der Bund gesetzt hat. Wie das allerdings umgesetzt werden soll, darüber wird es wohl auch in den nächsten Monaten noch zahlreiche Debatten geben.

Hier geht es zur Infostrecke: Das Ranking der Bundesländer

(das)