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Leben im Alltag: Das Prinzip Freundlichkeit

Leben im Alltag : Das Prinzip Freundlichkeit

Düsseldorf (RP). Weihnachten artet für viele Menschen zum Stress aus. Alles muss perfekt, Familie und Gäste fröhlich und die Menschen freundlich sein. Aber was davon kann man in den Alltag retten? Perfektion, ständig feierliche Laune? Wohl kaum. Auch Freundlichkeit scheint immer mehr aus der Mode zu kommen. Dabei ist genau diese Freundlichkeit, die unser Leben schlagartig ändern kann.

Diese Tugend versteckt sich in unauffälligen Gesten: Da hält einer die Tür auf, obwohl der andere noch fünf Schritte entfernt ist. Da holt einer der Nachbarin einen Tannenbaum, obwohl er dafür zweimal fahren muss. Da geht einer an seinem freien Nachmittag zum Sportplatz und bringt Kindern das Fußballspielen bei. Es ist derselbe stille Antrieb, der in diesen Szenen wirkt: Freundlichkeit.

Doch schon der Begriff klingt betulich nach Gouvernante und Knigge-Höflichkeit. Dabei ist Freundlichsein eine höchst anspruchsvolle Fähigkeit, denn sie setzt voraus, dass der Mensch von sich absieht, sich in den anderen hineinversetzt, mit ihm empfindet und in seinem Sinne handelt. Manchmal auch gegen die eigenen Interessen. Freundliche Menschen öffnen sich ihrer Umgebung, überwinden die sichere Distanz zum anderen.

Aus diesem Impuls können Lebenswerke wachsen, wenn Menschen zu Wohltätern werden, die Leprakranke pflegen oder Kinder von der Straße holen. Auch Mutter Teresa führten Güte, Wohlwollen, Empathie auf ihren Weg, getragen von der christlichen Botschaft. Und so ist Freundlichkeit ihrem Gesicht eingeschrieben, sie liegt im anteilnehmenden Blick, im milden Lächeln dieser Frau, das unvergessen ist.

Trotzdem ist Freundlichkeit aus der Mode gekommen. Wer freundlich ist, gilt schnell als naiv, lebensfremd, zu weich für diese Welt. Gutmenschen — in diesem Begriff gipfelt das ganze Unbehagen an der altmodischen Tugend. Wer wirklich etwas erreichen will, wer bestehen muss im harten Konkurrenzkampf, kann sich nicht aufhalten mit zu viel Mitempfinden.

Der meint, die Freundlichkeit denen überlassen zu müssen, die sich so viel Weichheit leisten können. Und weil immer mehr Menschen diesen Druck empfinden, weicht Freundlichkeit aus dem Alltag, ist der Umgangston rau wie die Manieren — und wer es mit Freundlichkeit versucht, muss damit leben, dass er den harten Machern als bieder gilt. Als nett. Karriere machen die anderen.

Mit Freundlichkeit erwirbt man weder Respekt noch Prestige, denn es geht dabei nun mal nicht um einen selbst, sondern um den Nächsten. Darum hat die Freundlichkeit es schwer in unseren Tagen. Doch sollte man auch die Vergangenheit nicht verklären. Im 19. Jahrhundert etwa verkam die Freundlichkeit in bestimmten Kreisen zu süßlich-sentimentaler Zurschaustellung von Mildtätigkeit.

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Mit gehörigem Klassendünkel wurde dann für die Armen gehäkelt und beim Weihnachtspunsch für wohltätige Zwecke gesammelt. Manche Charity-Gala von heute erinnert fatal an diese verzuckerte Nächstenliebe, die zu Recht Argwohn herausfordert.

Und natürlich gibt es ernstzunehmende Theoretiker, die den modernen Zweifel am Freundlichsein nähren. Der Philosoph Thomas Hobbes etwa dachte bereits im 17. Jahrhundert den aufkommenden Individualismus konsequent zu Ende und erklärte den Egoismus zum eigentlichen Antrieb des Menschen. Dann wäre Freundlichkeit nur Tarnung. Man ist gütig, um sich gut zu fühlen und um seine eigentlichen Ziele geschmeidiger zu erreichen.

Doch weil sie nur Mittel zum Zweck ist, ist es mit der Freundlichkeit auch schnell vorbei, wenn es hart auf hart kommt. Und weil negative Theorien immer nüchtern wirken, unsentimental und realistisch, ist es schwer, sich den Freundlichkeitsskeptikern zu entziehen. Doch so leicht es ist, zynisch über Gutmenschen zu grinsen, der Mensch trägt auch die Anlage zur Güte in sich — er weiß ja genau, was Freundlichkeit ist.

Also ist zu überlegen, woher die Abneigung gegen die Freundlichkeit kommt. Die amerikanischen Autoren Barbara Taylor und Adam Phillips unternehmen diesen Versuch in ihrem Buch "Freundlichkeit — diskrete Anmerkungen zu einer unzeitgemäßen Tugend" und nutzen dazu die Denkmuster der Psychoanalyse.

Freundlichkeit, so ihre These, löst im Menschen das paradoxe Gefühl aus, zugleich mächtig und ohnmächtig zu sein. Der freundliche Mensch erkennt die Bedürftigkeit des anderen und hilft — erkennt in diesem Moment aber auch, dass er selbst einmal angewiesen sein könnte auf fremde Hilfe. Freundlichkeit setzt Sensibilität voraus, doch macht die Sensibilität nun mal immer auch verletzlich. Wer sich anderen freundlich zuwendet, muss deren Angreifbarkeit aushalten — und damit auch die eigene.

Doch genau darin liegen die Kraft und der tiefe Wert der Freundlichkeit, die eben keine biedere Tugend ist. Der freundliche Mensch ist weder moralisch überlegen, noch getarnt egoistisch. Wer es schafft, sich dem anderen zuzuwenden, obwohl er darin der eigenen Verwundbarkeit begegnet, wer nicht ausweicht, sondern handelt, der ist stark.

Der überwindet die Urangst des Menschen vor der Sterblichkeit — in vielen, noch so banalen Gesten. Darum kann stolz sein, wer gütig ist — und eine Gesellschaft dankbar für jeden freundlichen Menschen.

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(RP)