Daniel Küblböck nach Kreuzfahrt vermisst - „Mit modernen Mann-über-Bord-Systemen hätte man ihn längst finden können“

Ex-Kapitän im Gespräch: „Mit modernen Mann-über-Bord-Systemen hätte man Küblböck längst finden können“

Die Suche nach Daniel Küblböck war bisher ergebnislos, er soll auf einem Kreuzfahrtschiff über Bord gegangen sein. Was genau passiert in einem solchen Fall auf einem Schiff? Wie sind die Rettungschancen? Ein ehemaliger Kapitän gibt Antworten.

Daniel Küblböck war Passagier auf dem Kreuzfahrtschiff AidaLuna, als er am Sonntag über Bord gegangen sein soll. Was läuft auf einem Kreuzfahrtschiff ab, wenn so etwas passiert?

Wolfgang Gregor Vier Dinge müssen gleichzeitig passieren: Erstens, es muss sofort Gegenkurs eingeleitet werden. Zweitens, die Küstenwache muss verständigt werden. Drittens, man muss auf dem Schiff eine Suche nach der vermissten Person starten, für den Fall, dass sie doch noch an Bord ist. Außerdem sollte, viertens, die Reederei verständigt werden. Das ist zwar nicht hilfreich in der Situation. Aber sie sollte informiert werden. Die Küstenwache organisiert dann die Suche und bittet dafür auch Schiffe in der Nähe um Hilfe.

Was bedeutet denn „Gegenkurs einleiten“?

Gregor Der Kapitän muss ein Wendemanöver einleiten und an die Stelle zurückfahren, an der die vermisste Person vermutlich über Bord gegangen ist. Wenn die Information schnell an die Brücke gegangen ist, wurde an der Stelle eventuell sogar ein GPS-Marker gesetzt, an den das Schiff zurückkehren und die Suche beginnen kann.

Wolfgang Gregor war nautischer Offizier und Kapitän auf Last- und Containerschiffen. Er ist außerdem Autor des Buches „Der Kreuzfahrtkomplex - Traumschiff oder Albtraum“. Foto: Wolfgang Gregor/Walter Daschner

Wie genau sieht die Suche aus?

Gregor Wenn man genau weiß, wo der Passagier über Bord gegangen ist, fährt man dorthin zurück, lässt die Rettungsboote zu Wasser und beginnt zu suchen. Das hat aber auch Nachteile, denn von den Rettungsbooten aus hat man nur wenig Sicht. Die sind nur ein bis zwei Meter hoch. Es ist also wichtig, an zentralen Stellen des Kreuzfahrtschiffs Leute von der Crew zu positionieren, die Ausschau halten, etwa auf der Brücke, am Bug, am Heck und so weiter.

Die Suche ging teilweise durch die Nacht.

Gregor Das macht es sehr schwierig. Der Mond war am Wochenende abnehmend, vielleicht waren noch Wolken am Himmel. Da hat man so gut wie keine Sicht. Man kann unter solchen Bedingungen die Gischt kaum von den Kleidern eines Menschen im Wasser unterscheiden. Die Scheinwerfer geben auch nur einen Lichtkegel ab. Das bedeutet, selbst wenn man fünf oder sechs große Scheinwerfer auf dem Schiff hätte, könnte man die Wasseroberfläche nur punktuell beobachten. Man hat also sehr sehr schlechte Chancen, jemanden zu finden. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, ich musste selbst mal auf einem Containerschiff vor Australien nachts nach einen vermissten Seemann im Meer suchen. Man sieht so gut wie nichts.

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Zumal die Wassertemperatur vor Neufundland im Nordatlantik nur 10,5 Grad beträgt.

Gregor Das ist das eigentliche Problem. Bei dieser Temperatur ist die Überlebensdauer extrem schlecht, sie liegt durchschnittlich bei 60 Minuten. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum die Kreuzfahrtschiffe keine automatisierten Mann-über-Bord-Systeme installiert haben. Das halte ich für die eigentliche Frage.

Was sind das für Systeme?

Gregor Das sind Infrarot-Kameras, die rund um ein Kreuzfahrtschiff angebracht werden können und sofort erfassen, wenn ein Mensch über Bord geht. Sie geben diese Information zusammen mit den GPS-Koordinaten sofort an die Brücke weiter.

Sind die denn verlässlich?

Gregor Ja. Das zeigen zahlreiche Studien. Moderne Mann-über-Bord-Infrarotsysteme reagieren in Echtzeit. Deshalb gehe ich sogar davon aus, dass man Daniel Küblböck damit längst hätte finden können.

Die Systeme sind an keinem Kreuzfahrtschiff installiert?

Gregor Die MSC will das nun mit einem Schiff ausprobieren. Aber das ist ein einziges Kreuzfahrtschiff von vielen. Es ist für die Reedereien eine finanzielle Frage. Die Systeme sind nicht billig. Gleichzeitig muss man sich fragen, wie man an der Sicherheit der Passagiere sparen kann, wenn allein der Bau eines großen Kreuzfahrtschiffes bis zu 1,3 Milliarden Dollar kostet.

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