Eichmann-Prozess vor 50 Jahren: 'Da saß kein Teufel, da saß ein stolzer Bürokrat'

Eichmann-Prozess vor 50 Jahren : 'Da saß kein Teufel, da saß ein stolzer Bürokrat'

Es war der größte Prozess des 20. Jahrhunderts. Angeklagt des millionenfachen Mordes erschien der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann am 11. April 1961 vor dem Bezirksgericht in Jerusalem. Er sei nur "ein kleines Rädchen" in Hitlers Maschine gewesen, behauptete er. Im Bonner Kanzleramt verfolgte man den Prozess nervös. Die Bundesrepublik fürchtete peinliche Enthüllungen.

Nicht, dass er sich die Hände schmutzig gemacht hätte: Im Eichmann-Prozess wurde ihm attestiert, dass er persönlich keinen Menschen getötet habe. Doch der Leiter des "Judenreferats" im Reichssicherheitshauptamt war ein gnadenloser Schreibtischtäter. Er organisierte die Transporte in die Vernichtungslager, ließ die Fahrpläne ausarbeiten und sorgte für eine in den Augen der NS-Mörder zufriedenstellende Auslastung der Gaskammern in den Konzentrationslagern.

Eichmann wirkte auf die Ankläger wie ein Besessener der Vernichtung. "Ich höre noch immer seine Schritte da draußen und sehe, wie er sich mir gegenübersetzt. Eichmann war ein absolut Besessener gewesen. (...) Noch am Schluss, als er den Krieg längst verloren glaubte, fuhr er persönlich nach Auschwitz, um die Zahl der Tötungen von zehn- auf zwölftausend täglich heraufzusetzen", erinnerte der stellvertretende Ankläger, Gabriel Bach (84), im Gespräch mit der "Zeit".

Eichmann überraschte viele. Er habe "einen Nazi erwartet, wie man ihn aus Filmen kannte: groß, blond, mit stechenden blauen Augen, ein brutales Gesicht", so schilderte der israelische Vernehmungsoffizier Avner W. Less sein erstes Zusammentreffen. Um dann ein wenig enttäuscht festzustellen, dass ihm kein Monster gegenübersaß, "kein Frankenstein und kein Teufel mit Klumpfuß". Sondern ein penibler, humorloser und auf seine Zuverlässigkeit stolzer Bürokrat, der die Hacken zusammenschlug, wenn die Vernehmung begann.

Eichmann stritt alles ab

275 Stunden Verhöre und mehr als 3.500 Seiten Protokoll sind das Ergebnis der Vernehmungen. Demnach zeichnete sich Eichmann durch eine ungeheuerliche Empfindungslosigkeit aus. Die Anklage warf dem SS-Mann unter anderem Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen vor. Eichmann hatte eine klare Verteidigungsstrategie: Bis etwas aus den Dokumenten bewiesen war, stritt er alles ab.

Wenn das nicht weiterhalf, bezeichnete er sich als kleines Rad und schob jede Schuld auf andere. Generell aber berief er sich auf einen angeblichen Befehlsnotstand. Eichmann fertigte Diagramme der vermeintlichen Machtstruktur im "Dritten Reich" an. Ganz oben, ganz groß: Hitler. Ganz unten, ganz klein: Eichmann.

Im Schlussplädoyer erklärte er sich als nicht schuldig im Sinne der Anklage. "Meine Schuld ist mein Gehorsam, meine Unterwerfung unter Dienstpflicht und Kriegsdienstverpflichtung und Fahnen- und Diensteid", betonte er. Damit sei er zugleich Opfer.

Geheimdienst-Coup des Jahrhunderts

Der Fall Eichmann ist eine der größten Geheimdienst-Geschichten des vergangenen Jahrhunderts. Bevor Israels Ministerpräsident Ben Gurion im Parlament von der Gefangennahme berichtete, wussten nur Geheimdienste, dass Eichmann noch lebte. Auch in der Öffentlichkeit des Dritten Reiches war er kaum bekannt.

Doch nach seiner Verhaftung schrillten in Deutschland die Alarmglocken: Die in den 50er Jahren weithin verdrängte Geschichte der Schoah rückte in die Schlagzeilen. Die Schmierereien an der Kölner Synagoge Ende 1959, der Ulmer Einsatzgruppen-Prozess gegen zehn Gestapo- und Polizeiangehörige, die mehr als 5.500 Juden ermordet hatten: Die ganze "braune Jauche" drohe hochzukommen, hieß es. Regierungskreise fürchteten einen immensen Ansehensverlust im Ausland und weitere Enttarnung von Altnazis in hohen Ämtern.

Konrad Adenauer in Sorge

Auch Kanzler Konrad Adenauer soll nervös auf Eichmanns Festnahme reagiert haben. Es sei möglich, so wird in einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" ein Staatssekretär zitiert, "dass belastendes Material gegen Bedienstete der Verwaltung des Bundes und der Länder bekannt werden wird". Auch im Fall Hans Globke drohte Gefahr. Der damals in Bonn zum Staatssekretär avancierte Jurist hatte 1936 einen Kommentar zu den "Nürnberger Gesetzen" verfasst. Bald stellte sich aber heraus: Eichmann war mit dem Fall Globke wohl nicht vertraut.

In Israel verkündete am 11. Dezember 1961 das Gericht das Todesurteil für Eichmann. Am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehenkt. Seine Asche verstreute man weit außerhalb des israelischen Gebiets ins Mittelmeer. Für Israel hatte der Prozess eine therapeutische, die Gesellschaft zusammenführende Funktion: Auch dort war der Holocaust zuvor weitgehend tabuisiert.

50 Jahre alte Videos

Eltern sprachen nicht darüber, Kinder trauten sich nicht, Fragen zu stellen. Viele Israelis fühlten sich schuldig, weil sie rechtzeitig aus Europa geflohen waren und ihre Angehörigen dort zurückgelassen hatten. Und viele Entkommene empfanden Scham, weil sie überlebt hatten und glaubten, sich andauernd dafür rechtfertigen zu müssen.

Auch 50 Jahre nach dem Prozessbeginn spielt der Fall Eichmann in Israel eine wichtige Rolle. Die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem stellte zusammen mit dem israelischen Staatsarchiv Videomitschnitte aus dem Prozess ins Internet. In einem eigenen You-Tube-Kanal werden über 200 Stunden aus dem Prozess gezeigt — darunter zahlreiche Zeugenaussagen von Holocaust-Überlebenden aus den Lagern, auf die Eichmann äußerlich wie gewohnt reagiert: ohne Regung.

(KNA/AFP/DAPD/RPO)