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Bundeswehrinstitut bestätigt ersten Affenpocken-Fall in Deutschland​

Erster Fall in Deutschland : Affenpocken-Patienten geht es nach Angaben der Klinik gut

Dass Deutschland erste Fälle von Affenpocken melden würde, war nur eine Frage der Zeit. Jetzt ist die erste Infektion offiziell bestätigt worden. Das Virus könnte schon länger im Umlauf sein. Pockenimpfungen könnten möglich werden. Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat sich zu Wort gemeldet.

Dem ersten in Deutschland gemeldeten Affenpocken-Patienten geht es nach Angaben des behandelnden Krankenhauses in München relativ gut. Der junge Mann habe sich „sehr verantwortungsbewusst direkt nach Symptombeginn in medizinische Betreuung begeben, um andere vor einer Infektion zu schützen“, sagte am Freitag Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie der Münchener Klinik Schwabing. Er habe mit leichten Schluckstörungen und erhöhter Temperatur nur geringfügige Symptome und brauche noch keine speziellen Medikamente.

Der Patient werde weiter in dem Krankenhaus bleiben, da von einer drei bis vier Wochen andauernden Infektiosität ausgegangen werde, erläuterte Wendtner, der Anfang 2020 auch den bundesweit ersten bekannten Corona-Patienten behandelt hatte. Er wies darauf hin, dass Affenpockenviren in West- und Zentralafrika bei Nagetieren verbreitet seien und normalerweise von Tieren auf Menschen übertragen würden.

Es sei ungewöhnlich, dass es aktuell mehrere Fälle in unterschiedlichen Ländern auch außerhalb Afrikas gebe. Die Infektionsketten müssten nun nachvollzogen werden. „Darüber hinaus sollte jetzt nicht spekuliert werden“, sagte der Mediziner.

Affenpocken: Länder in der ganzen Welt melden Fälle

Bei dem Münchner Patienten handelt es sich um einen aus Brasilien stammenden 26-Jährigen. Laut dem bayerischen Gesundheitsministerium war er von Portugal über Spanien nach Deutschland gereist und seit etwa einer Woche in der bayerischen Landeshauptstadt.

Nach dem Nachweis des ersten Falls von Affenpocken in Deutschland geht Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) davon aus, dass der Ausbruch eingegrenzt werden kann. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Affenpocken auch in Deutschland nachgewiesen werden“, erklärte Lauterbach am Freitag in Berlin.

Durch die Meldungen aus Großbritannien und anderen Ländern sowie schnelle Informationen durch das Robert-Koch-Institut (RKI) seien die Ärzte und Patienten in Deutschland „sensibilisiert“. „Aufgrund der bisher vorliegenden Erkenntnisse gehen wir davon aus, dass das Virus nicht so leicht übertragbar ist und dass dieser Ausbruch eingegrenzt werden kann“, betonte der Minister. „Das kann aber nur gelingen, wenn schnell gehandelt wird.“ Das Virus werde jetzt genauer analysiert, und es werde geprüft, ob es sich um eine ansteckendere Variante handeln könnte.

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Wie das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr am Freitag in München mitteilte, wurde das Virus am Donnerstag bei einem Patienten zweifelsfrei nachgewiesen. Der Patient habe die charakteristischen Hautveränderungen gezeigt. Weitere Details nannte das Institut zunächst nicht.

Wegen mehrerer Fälle von Affenpocken in anderen europäischen Ländern hatte das Robert Koch-Institut (RKI) erst am Donnerstag zu Wachsamkeit aufgerufen. Besonders Reiserückkehrer aus Westafrika sowie Männer, die Sex mit Männern haben, sollen demnach bei ungewöhnlichen Hautveränderungen unverzüglich einen Arzt aufsuchen.

Seit Anfang Mai wurden in mehreren europäischen und nordamerikanischen Ländern dutzende Verdachtsfälle und bestätigte Infektionen mit Affenpocken gemeldet. Nach ersten Fällen in Großbritannien meldeten auch Spanien, Portugal, Italien, Schweden und Frankreich sowie die USA und Kanada bestätigte Fälle und Verdachtsfälle.

Die Zahl in Spanien nachgewiesener Affenpocken-Fälle ist nach einem Medienbericht auf 30 gestiegen. Zudem gebe es weitere 23 Verdachtsfälle, berichtete die Zeitung „La Vanguardia“ am Freitag unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Zur Situation in Portugal schrieb die Zeitung „Publico“, dass inzwischen 23 Fälle bestätigt seien.

Zu den Symptomen der Affenpocken beim Menschen gehören Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und ein Ausschlag, der oft im Gesicht beginnt und dann auf andere Körperteile übergreift. Die meisten Menschen erholen sich innerhalb mehrerer Wochen von der Krankheit, ein tödlicher Verlauf ist selten.

Üblicherweise wird die vor allem in Zentral- und Westafrika verbreitete Krankheit durch engen Kontakt mit infizierten Nagetieren übertragen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist selten und nur bei engem Kontakt möglich, kann aber durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder Schorf der Infizierten auftreten, vermutlich auch bei sexuellen Handlungen.

Nachweise der Affenpocken auch in Deutschland waren für den Mediziner Norbert Brockmeyer nur eine Frage der Zeit. „Es würde mich wundern, wenn wir nicht in wenigen Tagen in Deutschland auch einige Infizierte finden“, sagte der Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft am Vortag der Deutschen Presse-Agentur. STI steht für sexuell übertragbare Infektionen.

Er gehe anhand der Vielzahl von Fällen in anderen westlichen Ländern davon aus, dass das Virus schon seit einer Weile unbemerkt im Umlauf war, sagte Brockmeyer: „Wer denkt heute schon noch an Pocken?“ Durch die gestiegene Aufmerksamkeit nach kürzlich erschienenen Meldungen ausgehend von Großbritannien sei nun mit einem neuen Infektionsbewusstsein und damit mit vermehrten Nachweisen zu rechnen.

Am stärksten gefährdet sind laut dem Mitgründer des Zentrums für sexuelle Gesundheit und Medizin „Walk in Ruhr“ in Bochum Menschen, die sexuelle Kontakte zu vielen verschiedenen Menschen haben. Das Virus könne aber grundsätzlich auch bereits bei engem Körperkontakt übertragen werden, insofern hält Brockmeyer auch in der Allgemeinbevölkerung Vorsicht für ratsam. „Es darf aber keine Hysterie entstehen. Die Affenpocken werden gut kontrollierbar sein.“

HIV-Schwerpunktpraxen und Zentren, die auf sexuell übertragbare Krankheiten spezialisiert sind, der Öffentliche Gesundheitsdienst und Allgemeinmediziner müssten nun natürlich über die Affenpocken Bescheid wissen und informiert werden - aber auch die breite Bevölkerung, damit man bei ungewöhnlichen Hautveränderungen an diese Krankheit denke.

Von wissenschaftlicher Seite gelte es zu prüfen, wie ansteckend das Virus sei und ob es sich um eine mutierte, ansteckendere Variante handle. „Es ist ja leider so, dass wir in Deutschland eine Riesenpopulation haben, die nicht gegen Pocken geimpft worden ist - insbesondere im sexuell aktiven Alter“, sagte Brockmeyer. Das Potenzial an Infektionen durch den Erreger sei damit deutlich größer als etwa noch vor 20 Jahren. Je nach weiterer Entwicklung müsse man Pockenimpfungen in Erwägung ziehen.

Die gute Nachricht ist, dass der Pockenimpfstoff gut gegen Affenpocken wirkt“, sagte der Epidemiologe Eric Feigl-Ding dem Science Media Center. „Die schlechte Nachricht ist, dass die meisten Menschen unter 45 Jahren nicht gegen Pocken geimpft sind.“

In Nigeria werden seit 2017 vermehrt Infektionen mit Affenpocken bei Menschen diagnostiziert. Laut RKI sind Affen in den afrikanischen Endemiegebieten jedoch nicht die Reservoirtiere.

(dni/chal/axd/dpa/AFP)