Einsturz des Kölner Stadtarchivs: Brisante Zeugenaussage belastet KVB

Einsturz des Kölner Stadtarchivs: Brisante Zeugenaussage belastet KVB

Düsseldorf (RPO). Mit einer Gedenkfeier im Historischen Rathaus erinnert die Stadt Köln heute an den Einsturz des Stadtarchivs. Genau ein Jahr nach dem Einsturz des historischen Gebäudes ist Ursache der tödlichen Katastrophe immer noch nicht geklärt. Eine brisante Zeugenaussage belastet Medieninformationen zufolge jedoch sowohl Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) als auch die Bezirksregierung Düsseldorf. Unterdessen wurden weitere Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem Kölner U-Bahn-Bau bekannt.

Am ersten Jahrestag des Unglücks sollen Betroffene die Gelegenheit erhalten, gemeinsam zurückzuschauen und einen Blick in die Zukunft zu werfen, erklärte Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) heute. Die Aufklärung der Ursachen des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs wird sich genau ein Jahr nach dem Unglück noch Monate hinziehen, so Oberstaatsanwalt Günther Feld gegenüber der " Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"). Noch immer ist nicht geklärt, ob eine undichte Schlitzwand, ein hydraulischer Grundbruch oder falsche Angaben des Baugrundgutachters ursächlich für die tödliche Katastrophe waren.

Böll-Sohn macht Stadt verantwortlich

Für den Sohn von Schriftsteller Heinrich Böll, René Böll, trägt die Stadt Köln die Hauptschuld am Einsturz. Sie habe den Bau der U-Bahn in Auftrag gegeben und organisiert, ihn jedoch nicht kontrolliert, sagte er dem "Deutschlandradio Kultur" am Mittwoch. Bislang habe aber niemand die Verantwortung für das Geschehen übernommen. Zusammen mit anderen Kölner Kulturschaffenden überlege er, gegen die Stadt notfalls auch gerichtlich vorzugehen.

Ingenieur belastet KVB

Eine Zeugenaussage, aus der die "FAZ" zitiert, belastet sowohl KVB als auch die Bezirksregierung Düsseldorf. Sie stammt von Rolf Sennewald, der nach Angaben der Zeitung Geschäftsführer eines weltweit tätigen Ingenieurbüros in München ist. Ihn hatte die Kölner Kriminalpolizei bereits am 1. April 2009 befragt.

Sennewald wurde mit der statisch-konstruktiven Prüfung von insgesamt sechs U-Bahn-Baustellen in Köln beauftragt. Bereits Anfang 2004 habe er um eine Gespräch mit der KVB gebeten, in dem er auf schwerwiegende Mängel bei der Bauaufsicht hinweisen wollte, zitiert ihn die "FAZ" in seiner Zeugenaussage. Entsprechend den Vorschriften hätte die KVB einen Bauüberwacher beauftragen müssen, der von den ausführenden Firmen unabhängig arbeitet. Eine doppelte Bauaufsicht wurde den Angaben der Zeitung zufolge damals aber aus finanziellen Gründen abgelehnt, obwohl diese insgesamt nur fünf Millionen Euro Mehrkosten verursacht hätte – knapp zwei Promille der Gesamtkosten des Mega-Projekts. Die Bezirksregierung Düsseldorf als technische Aufsichtsbehörde hätte das Bauprojekt unter diesen Umständen stoppen müssen, berichtet das Blatt weiter.

Bericht über weitere Unregelmäßigkeiten

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Auch der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtet zum Jahrestag des Einsturzes von neuen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau: Für die Grube am Waidmarkt, wo vor genau einem Jahr das Stadtarchiv einstürzte, seien nicht nur Vermessung- und Betonierungsprotokolle von Wandabschnitten gefälscht worden, auch die Aufzeichnungen zu den abgepumpten Sandanteilen aus dem Erdreich der Baustelle seien "inhaltlich unbefriedigend", berichtete das Blatt unter Berufung auf eine noch nicht veröffentlichte Mitteilung des nordrhein-westfälischen Bauministeriums.

Die "Sandmengenmessungen" vor dem Einsturz seien nicht gemäß den geltenden Vorschriften durchgeführt worden, heißt es demnach in dem Papier des Ministeriums. Nach dem Unglück seien die Messverfahren auf Anweisung der Technischen Aufsichtsbehörde bei der Bezirksregierung Düsseldorf "regelkonform angepasst und umgesetzt" worden. Angesichts der zahlreichen gravierenden Mängel gehe das Ministerium davon aus, dass es sich "um ein massives kriminelles Verhalten mehrerer beteiligter Personen handeln muss". Die "offensichtlich hochkriminellen Vorgänge" müssten "dringend aufgeklärt werden".

NRW hilft mit einer Millionen Euro

Das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt sich mit einer Million Euro an der Stiftung für den Wiederaufbau des Kölner Stadtarchivs. Das gab Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) am Dienstag, einen Tag vor dem Jahrestag des Einsturzes, in Düsseldorf bekannt. Durch das Geschehen am 3. März 2009 seien wichtige Teile der kulturellen und historischen Identität des Landes bedroht. "Mit unserer Unterstützung wollen wir dazu beitragen, das Archivgut dauerhaft zu erhalten", so Rüttgers. Die Stadt Köln habe zugesichert, dass insgesamt 63,1 Millionen Euro für die Rettung und Restaurierung des beschädigten Archivguts zur Verfügung gestellt werden.

Gedenkminute

Mit einer Gedenkminute haben die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) heute an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs erinnert. Um 13.58 Uhr, dem Zeitpunkt des Unglücks vor einem Jahr, verharrten die Busse und Bahnen für zwei Minuten an den Haltestellen, wie eine Sprecherin mitteilte. Durchsagen in den Fahrzeugen und an den Haltestellen informierten die Fahrgäste über den Anlass der Betriebsunterbrechung.

Die Arbeiten am Waidmarkt gelten als Auslöser für den Einsturz des Stadtarchivs am 3. März 2009. Bei dem Unglück waren zwei Anwohner ums Leben gekommen, viele kostbare Archivalien wurden verschüttet.

(sdr/KNA/ddp/AFP)