Bravo-Sonderausgabe zu den 90er-Jahren: Blümchen, Dr. Sommer und ganz viele Boybands

Bravo feiert die 90er : Nicht politisch oder tiefsinnig, sondern bauchfrei und quietschbunt

Ein Traum für alle, die in den 90ern pubertierten: Die „Bravo“ hat ein Sonderheft herausgebracht, das sich mit den Jahren von 1995 bis 1999 beschäftigt - eine Zeitreise. Wir haben uns das Heft angeschaut und festgestellt: Eine Sache fehlt.

Gil Ofarim hat einmal die komplette Verwertungskette der „Bravo“ durchlaufen. Er war Hauptdarsteller der „Foto Love Story“. Weil ihn so viele „Girls“, wie es in der Welt des Jugendmagazins heißt, „hot“ fanden, ist Gil befördert worden. Er wurde zu einem der Teeniehelden in den späten 1990er-Jahren: „Gil jumpt und rockt“. Die „Bravo“ war in einer Zeit ohne Youtube und soziale Medien das ultimative Sprachrohr der Stars - mit der „Bravo“ konnten sie die Kinderzimmer erobern.

Nun ist das Sonderheft „Bravo Helden“ erschienen – es beschäftigt sich mit dem Zeitraum von 1995 bis 1999. 124 Seiten, eine Reise in eine Welt voller großer Träume und großer Träumer. Die Erfolgsformel der „Bravo“ in den 90ern: „Schöne Jungs, heftige Beats und freche Mädchen. Boybands, Eurodance und neue Girl-Power.“ Das Prinzip dieses Retro-Hefts, das all die ansprechen soll, die damals heimlich oder offen die „Bravo“ gelesen haben: viele zusammengeschusterte Originalseiten aus der „Bravo“ von damals, dazu ein paar aktuelle Interviews mit Gil Ofarim oder Sasha, der Kelly Family oder DJ Bobo. Für Nostalgiker dürfte die Lektüre eine nette Zeitreise in eine Welt voller Herzensbrecher und weinender Mädchen - Entschuldigung, natürlich „Girls“ - sein.

Boybands waren das große Thema dieses Jahrzehnts, und so dürfen sie natürlich auch in dem Sonderheft nicht fehlen: von Take That (Robbie Williams’ Ausstieg 1995 hat das Dr.-Sommer-Hotlineteam an den Rand seiner Kapazitäten gebracht) über NSync (mit Justin Timberlake!), die Backstreet Boys und Caught in the Act aus den Niederlanden bis zu Echt und Touché aus Deutschland. Die Kelly Family, die damals noch mit ihrem Familienbus über jeden Martkplatz der Nation tingelte, hatte lange einen schweren Stand bei der „Bravo“ – erfolgreich war sie dennoch.

Es geht in „Bravo Helden“ um Fashion - in der „Bravo“ hieß es natürlich nie einfach nur Mode-, die in den 90ern plüschig war und bunt und aus heutiger Sicht irre geschmacklos. Das Heft zeigt Technik-Spielereien wie Pager, Tamagotchis, riesige Handys, MP3-Player und Gameboys - und Dr. Sommer. „Bravo“ ohne Dr. Sommer ist nicht vorstellbar. In den 90ern haben die Doppelseiten, auf denen Leser ihre drängenden Fragen zu Kuscheln, Knutschen und körperlichen Problematiken loswerden konnten, ihren Teil zur Aufklärung beigetragen. Immer wieder hörte man von Eltern, die ihren Kindern das Heft deswegen verboten oder die Seiten kurzerhand rausgerupft haben. Was leider fehlt: die Foto-Love-Story.

Die 1990er waren nicht besonders politisch und nicht besonders tiefsinnig. Sie waren in erster Linie quietschbunt, bauchfrei und wummernd, sie ermöglichten Karrieren von Blümchen, den Spice Girls, Britney Spears und TicTacToe. Für alle, denen Letztere nichts mehr sagen: Die drei jungen Frauen sind vor allem wegen einer legendären Pressekonferenz in Erinnerung geblieben, in deren Verlauf sie sich so zerstritten, dass sie vor laufenden Kameras die Band auflösten. „Bravo“ war immer ganz nah dran. Die Grundregel im Verhältnis zwischen „Bravo“ und den Stars: Den Reportern mussten immer alle Geheimnisse verraten werden. Keine Tür blieb verschlossen. „Bravo“ fragte knallhart nach. Zum Beispiel im Gespräch mit den Backstreet Boys in der Reihe „Interview Intim“:

Wie beginnt ihr einen Flirt?

Nick: Mit Augenkontakt. Wenn ich merke, dass sie meinen Blick erwidert, spreche ich sie an. Dann mache ich ihr Komplimente, dass ich ihre Augen und Haar schön finde. Später schicke ihr dann rote Rosen.

A.J.: Ich blicke dem Mädchen erst tief in die Augen, dann gehe ich ein paarmal an ihm vorbei und begrüße es ganz unverfänglich mit „Hi“.

Kevin: Ich bin zu schüchtern, um offen meine Gefühle zu zeigen. Ich spreche lieber über Musik und versuche Gemeinsamkeiten auszuloten.

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