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Brandstiftung auf Mallorca - Pfarrer-Ehepaar unterstützte die Kegelbrüder aus Münster

Seelsorge für vermeintliche Brandstifter : Wie ein Pfarrer-Ehepaar die Kegelbrüder auf Mallorca unterstützte

Seit rund zwei Jahren arbeitet das Pfarrer-Ehepaar Martje Mechels und Holmfried Braun für die Evangelische Gemeinde auf den Balearen. Zuletzt kümmerte sich das Paar intensiv um die Kegelbrüder aus Münster, die nach einem Brand eines Lokals wochenlang in Untersuchungshaft saßen.

Es ist kurz vor 23 Uhr am Abend des 15. Juli, als Pfarrerin Martje Mechels und ihr Mann Holmfried Braun Tim D. vor dem Gefängnis von Palma de Mallorca erleichtert in die Arme schließen. Zahlreiche Kamerateams und Fotografen halten den Moment in dieser lauen Sommernacht fest. Die Szene wiederholt sich mit den sieben Freunden von Tim D. bis kurz vor Mitternacht noch sieben Mal. Braun, gekleidet im Trikot des Fußballklubs Eintracht Frankfurt, strahlt über das ganze Gesicht - so, als ob sein Lieblingsverein gerade die Meisterschaft gewonnen hätte. „Das ist ein ganz besonderer Tag. Zum einen kommen die Jungs heute frei. Zum anderen feiere ich meinen 27. Hochzeitstag. Besser geht es nicht!“

Wochenlang haben Braun und Mechels auf diesen Tag hingefiebert: Tim D. gehört zu den acht Kegelbrüdern aus Münster, die rund zwei Monate in der Haftanstalt direkt neben Palmas Ringautobahn Ma-20 einsaßen. Sie und vier weitere ihrer Vereinskollegen stehen unter dem Verdacht, den Brand eines Lokals an der Playa de Palma ausgelöst zu haben. Zeugen wollen die Mitglieder des Kegelklubs „Stramm am Tisch“ gesehen haben, wie sie vom Balkon ihres Hotelzimmers Zigarettenkippen auf das Schilfdach des Schnitzelrestaurants „Why not Mallorca“ geworfen und so die komplette Terrasse des Lokals in Brand gesetzt haben sollen. Während fünf der 13 Deutschen zum Teil auf Kaution früher freikamen, mussten die acht übrigen insgesamt rund acht Wochen hinter Gittern verbringen. Am 15. Juli durften sie nun einer nach dem anderen ebenfalls das Gefängnis verlassen.

Abgeholt wurden sie von Braun, Mechels, dem deutschen Konsul Wolfgang Engstler und drei Angehörigen. Von Beginn ihrer Untersuchungshaft an hatte Braun die Kegelbrüder im Gefängnis betreut. Der evangelische Pfarrer organisiert zusammen mit einem katholischen Ehrenamtler den ökumenischen Gefängnisbesuchsdienst. „Wir waren mit die Ersten, die die Jungs in Haft besuchen und ihnen Dinge wie Uhren und etwas zu lesen bringen konnten“, sagte Braun im Gespräch mit dem GA. „Wir haben ihnen zudem Hilfestellung und in Gesprächen Trost gegeben, ihre Familien unterstützt und Besuchserlaubnisse für die Angehörigen organisiert.“

 Die acht Männer, die auf Mallorca wegen Brandstiftung in Untersuchungshaft gesessen haben, stehen nach ihrer Ankunft in Deutschland auf dem Flugfeld auf dem Flughafen Münster-Osnabrück zusammen.
Die acht Männer, die auf Mallorca wegen Brandstiftung in Untersuchungshaft gesessen haben, stehen nach ihrer Ankunft in Deutschland auf dem Flugfeld auf dem Flughafen Münster-Osnabrück zusammen. Foto: dpa/Helmut P. Etzkorn

Normalerweise besuchen Braun und seine Kollegen vor allem Langzeithäftlinge in Palmas Gefängnis. „Eine solch große Gruppe, die zudem nur in Untersuchungshaft ist, war schon eher außergewöhnlich“, so der 54-Jährige. „Doch wer, wenn nicht wir, hätte den Jungs in dieser schweren Zeit beistehen sollen?“

Auch in anderen Situationen ist es das Pfarrerehepaar, das um Menschen in Notlagen auf Mallorca hilft - ob Resident oder Urlauber. „Hier gibt es keinen staatlichen Sozialdienst, der sich kümmert“, erklärt Martje Mechels. „Für Deutsche, die Hilfe brauchen, sind nur wir da.“

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Neben dem Gefängnisbesuchsdienst organisiert die deutschsprachige evangelische Gemeinde auf den Balearen unter anderem auch eine Krankenhausseelsorge, um die sich vor allem Mechels zusammen mit zehn Ehrenamtlichen kümmert. „Das ist für Urlauber enorm wichtig, da sie meist kein Spanisch sprechen und deshalb mit der Situation im Krankenhaus überfordert sind.“

Wie die beiden Seelsorger vom Niederrhein nach Mallorca gekommen sind

Auch um alleinstehende, deutschsprachige ältere Menschen kümmern sich die Pfarrer. „Wir helfen allen, die etwa durch Armut, den Verlust des Partners oder Krankheit in Not geraten“, sagte die 53-Jährige. So unterstütze man beispielsweise auch Menschen, die ihre Miete nicht mehr zahlen können oder die ihren Partner verloren hätten. Wenn vor Ort nicht geholfen werden kann, organisiert die Gemeinde etwa auch die Rückkehr nach Deutschland.

Nach Mallorca gekommen sind Mechels und Braun mitten in der Corona-Krise. „Weil unsere fünf Kinder nach und nach das Haus verlassen haben, kam der Wunsch auf, etwas Neues zu wagen“, so Mechels. Und das Ausland habe sie schon immer gereizt. Vorher waren sie zwölf Jahre in Moers tätig: Braun war Pfarrer in der Gemeinde Asberg, seine Frau teilte sich dort zunächst sieben Jahre lang die Pfarrstelle mit ihrem Mann und wechselte dann zum Gemeindedienst für Mission und Ökumene Niederrhein. In einem „Pfarrercasting“ konnte sich das Paar schließlich gegen andere Kandidaten für den Posten im Gemeindehaus in S’Arenal durchsetzen. Im August 2020 kam das Paar dann mit Tochter Mia auf die Insel. Ihre Pfarrerstelle, die sich Mechels und Braun teilen, umfasst zu je 50 Prozent zwei Aufgabenbereiche: eine Hälfte ist die Arbeit für die rund 400 Mitglieder zählende Gemeinde, die zweite Hälfte ist für Tourismusseelsorge reserviert.

Seelsorger bleiben mit den Kegelbrüdern in Kontakt

Unter letzteren Punkt fiel auch die Betreuung der Kegelbrüder. Nachdem Mechels und Braun sie vom Gefängnis abgeholt hatten, ging es zusammen ins Gemeindehaus in S’Arenal, das in zehnter Reihe in Höhe des Ballermanns liegt. Dort wurde in der Nacht gemeinsam Pizza gegessen und auf die Freilassung angestoßen. Dass es am Ende mit der vorläufigen Freilassung aus der Untersuchungshaft der Kegelbrüder geklappt hat, kam für Mechels und Braun übrigens nicht überraschend: „Wir waren uns von Anfang an sicher, dass die Jungs unschuldig sind.“

Und falls die Männer sich demnächst vor Gericht auf Mallorca verantworten müssen, wird das Pfarrerehepaar wieder da sein, um sie zu unterstützen und ihnen Kraft zu geben. „Das ist schließlich unserer Aufgabe“, so Braun.

Dieser Artikel erschein zuerst beim Bonner General-Anzeiger.