Berlin & Frankfurt: Warum prügeln sich Youtuber in der Öffentlichkeit?

Nach Vorfällen in Berlin und Frankfurt : Warum prügeln sich YouTuber in der Öffentlichkeit?

Mehr als 1000 Menschen haben in den vergangenen Tagen für Chaos in der Öffentlichkeit gesorgt – mehrere Personen wurden verletzt. Auslöser waren in beiden Fällen Streitigkeiten zwischen YouTubern und deren Fans. Was steckt dahinter?

Binnen drei Tagen ist es in Berlin und Frankfurt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit mehreren Hundert Menschen gekommen. Dem vorausgegangen waren jeweils Aufrufe von insgesamt vier jungen Männern, die bei der Online-Plattform YouTube über sich selbst und ihr Leben berichten. Die YouTuber wollten ihre Streitigkeiten in der Öffentlichkeit austragen und zogen viele ihrer jungen Fans mit hinein.

Was war am Alexanderplatz in Berlin los?

Am Donnerstag, 21. März, trafen sich 400 Jugendliche und junge Männer in Berlin. Nach Angaben der Polizei gerieten etwa 50 von ihnen in Streit und gingen mit Faustschlägen, Fußtritten und Pfefferspray aufeinander los. 100 Polizisten brauchte es, um die Situation wieder zu beruhigen. Anschließend wurden 13 Ermittlungsverfahren eingeleitet, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Landfriedensbruchs. Insgesamt wurden neun Beteiligte festgenommen. Zwei Polizisten wurden leicht verletzt.

Was war der Grund für die Massenschlägerei?

Ein schon länger andauernden Streit von zwei jungen Männern mit Videokanälen auf dem Internetportal YouTube: Thatsbekir (18) aus Stuttgart und Bahar Al Amood (17) aus Berlin. Im Internet sind Videos zu finden, in denen besonders Bahar Al Amood seinen erfolgreichen Kontrahenten beleidigt. Es geht um eine veröffentlichte Telefonnummer und persönliche Beleidigungen. Beide hatten wohl ihre Anhänger per Video für den Donnerstagnachmittag zum Alexanderplatz gerufen. Bei der Ankündigung des Treffens war schon von „Prügeln“ die Rede.

Inzwischen haben beide YouTuber sogenannte Statement-Videos veröffentlicht, in denen sie sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation geben. Der Inhalt kurz zusammengefasst: „Nur wegen ihm, Alter“ oder „Der andere ist an allem Schuld“.

Was passierte auf der Zeil in Frankfurt?

Am Samstag, 23. März, versammelten sich rund 600 Jugendliche und junge Erwachsene auf der Zeil. Das Treffen lief aus dem Ruder, als die Teilnehmer ohne Rücksicht auf Passanten die Einkaufsstraße auf und ab liefen. Die Polizei erteilte dem Organisator einen Platzverweis, woraufhin ein Beamter aus der Menge heraus einen Faustschlag ins Gesicht bekam. Dabei wurde der Polizist leicht verletzt, der mutmaßliche Täter festgenommen. Daraufhin warfen andere Teilnehmer Flaschen und Steine in Richtung Polizei und trafen dabei mehrere Beamte. Zwei Stunden später löste sich die Menge auf.

Was steckte dahinter?

Auch hier war die Ursache ein Streit zwischen zwei YouTubern. Zu dem Treffen eingeladen hatte Kaan Yavuzyasar alias Kaan Yavi. Der Grund: Er wollte dort Mohamed Satiane, der als „Momonews“ bekannt ist, zu einem „Eins gegen eins“ herausfordern. Denn ein Freund von „Momonews“ habe Kaan Yavi bei einem Videodreh ein Ei auf dem Kopf zerschlagen. „Was los, Alter. Willst du kämpfen? Kein Problem“, sagt Yavi in einem Video in Richtung Mohamed Satiane. Das wollten viele Fans der beiden YouTuber sehen und stifteten dabei selbst Chaos. Doch der Widersacher Mohamed Satiane kam nicht. Er besuchte stattdessen Yavis Heimatstadt Langenfeld, um von dort aus ein Video online zu stellen.

Wer sind diese rivalisiereden YouTuber überhaupt?

Rapper Thatsbekir hat rund 270.000 Abonnenten bei YouTube und veröffentlicht dort unter anderem „Diss-Tracks“, in denen er andere Rapper beleidigt. Bahar Al Amood hat mit 18.000 Followern deutlich weniger Fans in der Online-Community. Nach einem Bericht der „Berliner Morgenpost“ soll er zu einer arabischstämmigen Berliner Großfamilie gehören.

Der Frankfurter Mohamed Satiane ist der erfolgreichste Influencer des Quartetts. Er lädt seine Videos bei Facebook hoch, dort folgen ihm mehr als eine Million Menschen, bei Instagram sind es mehr als 300.000. Sein Herausforderer Kaan Yavi hat bei YouTube rund 330.000 Abonnenten. Beide machen Comedy und zeigen Videos aus ihrem Leben.

Und warum machen die das?

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach im Falle der Berliner Vorkommnisse von einer „Zusammenkunft von zu viel Testosteron, die mehr oder weniger so gewollt war“. Sprich: Eine bewusste Inszenierung, um zum Gesprächsthema zu werden und mit den nächsten Videos noch mehr Menschen zu erreichen. Der GdP-Landeschef Norbert Cioma spricht davon, dass „ganz bewusst Pulverfässer“ aufgemacht werden, „um mehr Follower, Abonnenten und Klicks zu generieren.“ Es werde „mit voller Absicht“ das Risiko eingegangen, dass die Lage eskaliert.

Die Berliner Polizei kommentierte das Geschehen passend zur Zielgruppe auf YouTube mit einem von Musikbeats unterlegten Video. Darin heißt es, bei allem Verständnis für „Beefs“ (Streits), „Battles“ (Schlagabtausch) und „Disses“ (Beleidigungen): „Vergesst nicht, dass alles auch Folgen im realen Leben haben kann.“

Passiert so etwas öfter?

„Wir sehen in der Rapperszene und zunehmend auch bei anderen Influencern, dass sie teilweise sehr fahrlässig mit ihrem Einfluss umgehen“, sagt Cioma. Geplante Auseinandersetzungen wie die in Berlin und Franfkurt seien „scheinbar in Mode.“ Es gebe jedoch Sinnvolleres als seinen Bekanntheitsgrad dafür zu nutzen, jungen gewaltbereiten Menschen eine Plattform in der Öffentlichkeit zu bieten.

Es war nicht das erste Mal, dass Treffen, zu denen in den sozialen Netzwerkn aufgerufen wird, vollkommen aus dem Ruder laufen. Auch Rapper wie Capital Bra oder Ufo361 lösten mit ähnlichen Aktionen in der Vergangenheit Polizeieinsätze aus.

Dabei orientieren sich die deutschen Rapper und Influencer anscheinend an einem weltweiten Trend. Immer häufiger überschreiten YouTuber Grenzen, um möglichst viele Klicks für ihre Videos zu generieren. Ein US-YouTuber reiste beispielsweise in einen japanischen Wald, der für viele Selbstmorde bekannt ist. Dort filmte er ein Suizidopfer und machte sich darüber lustig. Andere YouTuber behaupteten vor laufender Kamera etwa, dass sie eine Bombe hätten oder bezahlten Menschen, um rassistische Schilder hochzuhalten. Frei nach dem Motto: Alles für den nächsten Klick.

Was sind die Folgen für die deutschen YouTuber?

In den Fällen von Berlin und Frankfurt prüft die Polizei nun, ob Ermittlungen eingeleitet werden. Ein YouTuber sagte schon „das mit der Polizei“ tue ihm leid, ein anderer gab zu, „es ist ein bisschen eskaliert“. Trotzdem kann es sein, dass die Verantwortlichen für die Kosten der Polizeieinsätze aufkommen müssen. Etwaige Anzeigen wegen Körperverletzung werden unabhängig davon bearbeitet.

(kron/dpa)
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