Bald auch in NRW: So fahren sich die E-Scooter - Selbstversuch

Bald auch in NRW : So fahren sich die E-Scooter im Selbstversuch

Der E-Scooter e-floater im Test

Sie stehen kurz vor der Zulassung auch in Deutschland: E-Roller sollen die Mobilität in Städten individueller und umweltfreunlicher machen. Wie fährt es sich mit ihnen?

ADAC-Verkehrsübungsplatz, Kaarst
Zwei Reifen vorne, ein Reifen hinten. Das Deck, auch Griptape genannt, ist so breit, dass die Füße parallel draufpassen und auch bei Schuhgröße 45 genügend Platz haben. Der Lenker reicht bei einer Größe von 1,85 Metern bis zur Hüfte, an seiner rechten Seite ist der Schalter zum Beschleunigen montiert, auf der linken der zum Bremsen.

Zum ersten Mal auf einem Elektro-Scooter zu stehen, fühlt sich nicht unsicher an. Aber das 14 Kilogramm schwere Gerät der Marke E-Floater, das den Stadtwerken Mönchengladbach gehört, will auch bewegt werden. Über eine App auf dem Smartphone wird der E-Floater freigeschaltet. Vorder- und Rücklicht, die dann leuchten, signalisieren die erfolgreiche Anmeldung. Der 1,4 Kilogramm schwere Akku ist voll geladen, so dass nun 20 Kilometer auf dem E-Scooter möglich sein sollen.

Teststrecke ist der abgesperrte Verkehrsübungsplatz des ADAC in Kaarst, weil die mit dem Elektromotor ausgestatteten Tret­roller auf öffentlichen Straßen in Deutschland noch nicht erlaubt sind. Die Bundesregierung hat die Zulassung zwar auf den Weg gebracht, aber die Länder müssen noch zustimmen. Anbieter wie E-Floater oder „Tier Mobility“ sehnen den Schritt herbei, um die Geräte auf die Straßen zu bringen. Stichtag ist der 17. Mai, dann könnte der Bundesrat seine Zustimmung geben – und die „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“ könnte noch im Frühjahr in Kraft treten. Bei dem Hamburger Unternehmen E-Floater soll die Nutzung dann 15 Cent pro Minute kosten, die einmalige Startgebühr einen Euro betragen.

Die ersten Runden auf dem E-Scooter drehte Hendrik Gaasterland auf dem ADAC-Verkehrsübungsplatz in Kaarst. Foto: Tinter, Anja (ati)

 Bevor der Motor „anspringt“ und über den rechten Schalter das Tempo reguliert wird, muss man sich mit einem Fuß über den Asphalt abdrücken – so war es auch schon früher. Nach zwei schnellen Anlaufschritten nehmen die Füße die Parallelstellung auf dem Deck ein, und das Gefühl des sicheren Stands von gerade geht verloren.

Es ist doch eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Die erste Kurve wird gefühlt im Schneckentempo genommen, weil der scheinbar instabile Lenker nicht so direkt reagiert, wie man es vom Fahrrad kennt. Das Geheimnis: Zum Lenken muss auch das Körpergewicht verlagert werden. Für Anfänger ist das zunächst ungewohnt, doch nach zehn Minuten Training wird der Stand zusehends sicherer, die Geschwindkeit höher, die Risikobereitschaft nimmt zu. Und vor allem: Der Spaßfaktor steigt.

Waren die Kurven eben noch eine Mühsal, sind sie nun das Besondere auf dem E-Scooter. Geradeausfahren bei vollem Tempo – 25 Kilometer pro Stunde schafft der E-Floater in der Spitze – ist fast langweilig im Vergleich zum „Elchtest“, der Fahrt zwischen den Plastikhütchen hindurch. Es ist beinahe wie auf Skiern, wenn man sein Gewicht in die Kurven legt und ein Fuß für das Gegengewicht sorgt. Dieses „Carven“ funktioniert allerdings nur auf dreirädrigen Scootern.

Nach einer halben Stunde Training sind die Fortschritte enorm. Man dreht Kreisel im engsten Radius und gibt dazu Gas, in die Kurven geht es teilweise schon auf zwei Reifen in Schräglage. Auf einer abgesperrten Strecke oder – wenn die Zulassung erteilt wird – auf einer verkehrsberuhigten Straße ist das kein sonderlich mutiges Kunststück. 

Ein Unsicherheitsfaktor allerdings bleibt bis zum Schluss: das Bremsen. Der Bremsweg auf dem E-Scooter aus dem Jahr 2015 ist gefühlt länger als auf dem Fahrrad, auch wenn die Rücktrittbremse genutzt wird. Neuere Modelle sind mit einer besseren Technik ausgestattet. Wie beim Fahrradfahren wird von den Herstellern das Tragen eines Helms empfohlen. Am Ende stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist es auf dem Elektro-Scooter im öffentlichen Raum?

Innenstadt, Antwerpen

Der erste Gedanke: gelernt ist gelernt. Stolz flutet durchs Bewusstsein, verdrängt alle Zweifel, die aufkeimten, weil nicht nur gefühlt mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen war, seit beide Füße zuletzt auf einem Roller standen und es gelenkig um die Kurve ging. Nun dies: Kaum größer als damals ist das Gerät, das einen jetzt leicht über das Pflaster von Antwerpen trägt, doch die Balance gelingt auf Anhieb, und das bei einer Geschwindigkeit, als ginge es permanent bergab. Dazu scheint die Frühlingssonne, der Fahrtwind streicht durchs Haar – sympathischer könnte die erste Begegnung mit einer neuen Form der urbanen Mobilität nicht ausfallen.

Redaktuer Martin Bewerunge auf dem E-Scooter. Foto: Martin Bewerunge

400 elektrische Roller zum Ausleihen hat das vom ehemaligen Uber-Geschäftsführer Travis VanderZanden gegründete US-Unternehmen Bird über die belgische Stadt an der Schelde verteilt. Bird-Scooter fahren auch in Paris, Wien, Zürich, Brüssel, Madrid und London. Um sie nutzen zu können, ist auch hier ein Smartphone für die entsprechende App vonnöten. Und eine Kreditkarte.

Die App zeigt alle verfügbaren Roller in der Umgebung des eigenen Standorts an. Hat man einen ergattert, muss ein schwarz-weißer QR-Code in der Mitte des Lenkers mit dem Handy eingescannt werden. Ein Piepton begrüßt den Piloten, jetzt nur noch den Seitenständer einklappen und etwas Anlauf nehmen. Speed ohne Gefälle oder heftiges Treten ist tatsächlich eine neue Erfahrung. Bis zu 20 Kilometer pro Stunde erreichen Gefährt und Fahrer mithilfe des elektrischen Hinterradantriebs. Mehr ist nicht erlaubt.

Mehr ist auch nicht ratsam. E-Roller sind kein Spielzeug. Fußgänger, Radfahrer, Hindernisse nähern sich mit beachtlichem Tempo. Es ist voll an diesem Sonntagvormittag im Zentrum der bei Touristen beliebten Stadt. Die Geschwindigkeit ist verführerisch, die Neigung alsbald ausgeprägt, überall dort zu fahren, wo man fahren kann – aber nicht unbedingt darf. Einen Helm müsste man sich selbst besorgen, deshalb haben die Wenigsten einen auf. Rückspiegel wären auch nicht schlecht bei all den im Innenstadtgewusel Antwerpens mitschwimmenden Zwei- und Mehrrädern. Und Obacht: Die kleinen Vollgummireifen sorgen auf dem historischen Kopfsteinpflaster für ein markerschütterndes Erlebnis, Fugen und Rillen für Adrenalinschübe.

So weit muss es nicht kommen. Vergnügen entsteht durch langsames Cruisen, schließlich will man ja auch noch ein bisschen von der Umgebung sehen. Knapp 20 Zentimeter erhöht, genießt man den Blick über das gemeine Fußvolk, aus dem den Fahrer teils bewundernde, teils giftige Blicke treffen. Der Zeitgewinn beim Sightseeing ist enorm; am Ziel angekommen, stellt man den Roller einfach ab. „Fahrt beenden“ auf der App antippen, ein Foto vom Abstellort machen, das belegt, dass nicht verkehrsbehindernd geparkt wurde – fertig. Sodann werden Strecke und Fahrtzeit angezeigt sowie der Preis: ebenfalls einmalig ein Euro pro Fahrt plus 15 Cent pro Minute.

Tagsüber sind „Bird Watcher“ unterwegs, um die Elektroroller auf Fahrsicherheit und korrektes Parken zu überprüfen. Abends werden die Scooter eingesammelt, geladen, gegebenenfalls repariert und am nächsten Morgen an strategischen Orten wieder aufgestellt.

So könnte es demnächst in vielen deutschen Städten funktionieren – mehr oder weniger. „Es wird eine Weile dauern, bis sich die Leute an diese neue Form der Fortbewegung gewöhnt haben werden“, sagt Bird-Sprecherin Yenia Zaba, der Verkehr sei eben noch völlig auf Autos ausgerichtet. Aber genau das wollten viele staugeplagte Kommunen mit hoher Schadstoffkonzentration durch Abgase ja ändern. Die Gespräche über individuelle Lösungen für mehr E-Mobilität seien bereits im Gange.

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