Aufmerksamkeit: Reißerische Nachrichten sind interessanter

Die Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit: Was wichtig ist

Worüber sprechen die Leute? Was berichten die Medien? Und welche Themen werden sträflich vergessen? Jeder Einzelne muss mit seiner Aufmerksamkeit haushalten. Das wird immer schwieriger.

Zerrissenheit gehört zum Lebensgefühl des modernen Menschen. Womöglich ist das auch so, weil im Fluss der Informationen oft so schwer zu entscheiden ist, was wirklich zählt. Da wird nun etwa in der deutschen Öffentlichkeit mit Inbrunst diskutiert, welche Szenarien sich aus dem angekündigten Rückzug von Angela Merkel ergeben. Womöglich wäre es aber dringlicher, über Altersarmut, Elektromobilität oder die Digitalisierung in der Schule zu sprechen. Auch auf internationaler Ebene ist diese fragwürdige Verteilung von Aufmerksamkeit zu beobachten. Etwa als im vergangenen Jahr der Monsun in Südasien ganze Regionen verwüstete. Die 41 Millionen Betroffenen fanden jedoch weit weniger Beachtung, als kurz darauf das Schuhwerk von US-Präsidentengattin Melania Trump. Die war nämlich auf sehr hohen, sehr teuren Pumps in den Helikopter gestiegen, als Hurrikan Harvey über Texas wütete.

Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut – und damit zu haushalten eine Herausforderung für jeden Einzelnen in der Informationsgesellschaft. Jeden Tag gibt es weltweit viele Ereignisse, die von Bedeutung sein könnten. Hinzu kommen langfristige Entwicklungen, deren Auswirkungen für alle relevant sind. Doch sind meist eben nicht Klimawandel, Fluchtursachen in Afrika oder Pflegenotstand in Deutschland die beherrschenden Themen, sondern der persönliche Streit zwischen Seehofer und Söder. Oder neue Details zum Tod des Journalisten Jamal Khashoggi, der im saudischen Konsulat in der Türkei ermordet wurde. Mit fasziniertem Schauder stürzt sich die Weltöffentlichkeit auf das schreckliche Schicksal dieses Menschen. Welche Rolle Saudi-Arabien aktuell im Krieg im Jemen spielt, interessiert dagegen kaum.

Schon in den 1960er Jahren haben sich ein paar Friedensforscher Gedanken darüber gemacht, was wahrgenommen wird. Das Team um Johan Galtung und Mari Ruge wollten wissen, warum so wenig Menschen ihre Angst vor einem Atomkrieg teilten. Wieso drang ein derart existenzielles Thema nicht wirklich durch? Daraus entwickelte sich die Nachrichtenwert-Theorie, nach der Ereignisse Eigenschaften besitzen, die ihre Chancen auf Veröffentlichung erhöhen. Kulturelle Nähe etwa, persönliche Betroffenheit oder Dynamik.

„Schleichende Prozesse und komplexes Geschehen, zu dem Menschen die Vergleichsmaßstäbe fehlen, sind schwer zu kommunizieren“, sagt Helmut Scherer, Professor für Kommunikationswissenschaft in Hannover. Das habe mit der Aufmerksamkeitsstruktur des Menschen zu tun. Momente großer Gefahr seien nun mal überlebenswichtiger gewesen als langsame Entwicklungen. Medien verstärken diese Wahrnehmungsmuster, weil sie antizipieren, was die Menschen interessieren könnte. „Medien ticken wie ihre Nutzer“, so Scherer.

Allerdings haben Journalisten eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie müssen sich also selbstkritisch fragen, ob sie tatsächlich relevante Geschichten in die Öffentlichkeit bringen. „Qualitätsmedien geben immer wieder Beispiele, wie auch komplexe Themen anschaulich vermittelt werden können“, so Scherer, „das verlangt aber viel Recherchearbeit, hohes Spezialistentum, Aufwand bei der Präsentation, also Zeit und Geld.“ Wenn jedoch immer weniger Menschen für journalistische Qualität zahlen wollten, gerate das System an seine Grenzen.

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Die Initiative „Nachrichtenaufklärung“, eine medienkritische Nichtregierungsorganisation, listet einmal im Jahr „vergessene Nachrichten“ auf. In den Top Ten 2018 steht Inklusion in der Arbeitswelt an erster Stelle. Darauf folgen so unterschiedliche Themen wie die Abschaffung öffentlicher Schutzräume für den Fall eines atomaren Gaus, die finanzielle Erholung Portugals ohne Sparverordnungen oder die prekären Arbeitsbedingungen auf Containerschiffen.

Es liegt also nicht nur an den Themen selbst, ob sie in die Öffentlichkeit gelangen, sondern auch an den Auswahlgewohnheiten der Journalisten, am wirtschaftlichen Druck auf Redaktionen und an etwas, das man positiv allgemeine Interessenlage nennen könnte, negativ Borniertheit. „Wenn deutsche Medien etwa in Afrika kaum Korrespondenten beschäftigen, können selbst brisante Themen gar nicht vorkommen, das haben wir in der Flüchtlingsdebatte gesehen“, sagt Hector Haarkötter, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, „schon wenn man nach Frankreich oder in die Schweiz blickt, sieht die Berichterstattung, auch aus historischen Gründen anders aus.“

Haarkötter glaubt, dass das Bedürfnis nach Konsonanz, nach Übereinstimmung, bei den Medien in Deutschland eine große Rolle spielt: Medien berichteten, was die anderen bringen. Darum habe auch das Internet nicht die Vielfalt gebracht, die viele sich versprochen hatten. „Auch die Mediennutzer beschäftigen sich gern mit dem, was sie schon kennen“, sagt Haarkötter, „darum surfen sie nicht wirklich frei im Internet, sondern bewegen sich auf gewohnten Pfaden und richten sich in ihren Meinungsblasen ein.“

Der Professor fordert darum, Medienkunde als verpflichtendes Schulfach einzuführen. Junge Menschen müssten lernen, im Netz vielfältige Informationen zu einem Thema zu suchen und Quellen gegeneinander abzuwägen. Haarkötter hält dieses Bemühen im Informationszeitalter für eine Bürgerpflicht. „Es ist natürlich bequem, Lügenpresse zu schreien und sich nur an die Informationen zu halten, die ins eigene Weltbild passen“, so Haarkötter. Schon Kant habe aber Aufklärung definiert als den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. „Im Internet sind relevante Informationen nur einen Klick entfernt, aber man muss natürlich bereit sein, diese Klicks zu machen.“

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