1. Panorama
  2. Deutschland

Anti-Islam-Proteste: So quälen sich die Kirchen mit "Pegida"

Debatte um islamfeindliche Bewegung : So quälen sich die Kirchen mit "Pegida"

Die Anti-Islam-Proteste schüren Fremdenfeindlichkeit; das ist zu verurteilen - so weit reicht der kirchliche Konsens. Wie aber mit den Teilnehmern umgehen? Schließlich laufen bei den Demos auch reichlich Christen mit.

Dieser Protest dürfte spektakulär werden, auch wenn er lautlos vor sich geht. Am Montagabend um halb sieben, wenn der islamkritische "Pegida"-Marsch durch Köln ziehen will, sollen am Dom die Lichter ausgehen. "Die Hohe Domkirche möchte keine Kulisse für diese Demonstration bieten", beschied Dompropst Norbert Feldhoff lapidar. Die Verdunkelungsaktion wird der bisher eindeutigste Protest der Kirchen gegen "Pegida" sein.

Zwar haben die Amtsträger sich mit einem Phänomen auseinandergesetzt, das seit Wochen den politischen Themenzettel dominiert - ungezählte Pfarrer haben "Pegida" zum Thema der Weihnachtspredigt gemacht; auch Bischöfe und leitende Geistliche bezogen Stellung. Auffällig ist dabei aber die Bandbreite der Reaktionen: Die Kirchen tun sich schwer mit einer einheitlichen Position.

Dass die Massenproteste fremdenfeindlich grundiert sind, Fremdenfeindlichkeit aber mit christlichen Werten unvereinbar ist - das ist Konsens. Der rheinische Präses Manfred Rekowski etwa zitiert das dritte Buch Mose: "Der Fremde soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer; und du sollst ihn lieben wie dich selbst." Und die Weihnachtskarte des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki zeigte eine Krippe mit dem Satz: "Auch Jesus war ein Flüchtling. Öffnen Sie Ihr Herz für unsere neuen Nachbarn!" Das spielt an auf die Flucht der Heiligen Familie vor dem Kindermörder Herodes nach Ägypten.

"Christen dürfen dort nicht mitmachen"

Wie aber konkret auf "Pegida" zu reagieren ist, daran scheiden sich die Geister. Am weitesten vorgewagt hat sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. "Christen dürfen dort nicht mitmachen", sagte er kurz vor Weihnachten. Ob das hilfreich war, darf freilich bezweifelt werden - Schicks Bannstrahl erinnerte doch arg an das alte katholische Muster, den Schäfchen vorzuschreiben, was sie lesen, hören, wählen dürfen. Prompt meldete sich der Münchner Kardinal Reinhard Marx mit den Sätzen: "Es gibt dazu keine oberhirtlichen Anweisungen. Jeder muss überlegen, hinter welchen Transparenten er herläuft." Unter Bischofsbrüdern ist das eine veritable Watschn.

Auch bei den Protestanten fehlt es einerseits nicht an markigen Worten. "Pegida" sei unerträglich, sagt etwa der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Sein Vorgänger Nikolaus Schneider kritisiert: "Von der Zielsetzung her ist ,Pegida' unchristlich." Und Schneiders Vorgängerin Margot Käßmann wäre nicht Margot Käßmann, wenn sie nicht noch eins draufgesetzt hätte: "Das sogenannte christliche Abendland hatte seine schwärzesten Zeiten, sobald es versucht hat, sich über andere zu erheben, sie zu vernichten durch Kreuzzüge, Pogrome oder mit dem Holocaust."

Aufrufe zum Dialog

Zum Dialog rief andererseits der sächsische Bischof Jochen Bohl auf - und bot auch gleich die Mitwirkung seiner Landeskirche an. Zwar sei Deutschlands Integrationskraft nicht überfordert. Zuletzt sei aber über "illusionäre Vorstellungen von Multikulturalität" diskutiert worden. Auch Schneider ist für Gespräche, hält aber nichts von Verständnis in der Sache: " Es wäre falsch, die Forderungen aufzunehmen. Hier müssen wir widersprechen und deutlich sagen, dass das Unsinn ist."

Bohl könnte bei Gesprächen auf bekannte Gesichter treffen. Daran erinnert sein rheinischer Kollege Rekowski: "Menschen, die sich vor Fremdem und Fremden fürchten, gibt es ja auch mittendrin und auch unter Kirchenmitgliedern." Dompropst Feldhoff wird noch deutlicher: Bei "Pegida" marschierten "auch gute Katholiken" mit, "die aktiv in der Kirche mitmachen". "Pegida" spricht eben auch Christen an - selbst wenn der Einfall der Organisatoren, in Dresden Kirchenlieder wie "Stille Nacht" singen zu lassen, bloß Provokation gewesen sein dürfte. Und obwohl die Amtskirche mit ihren Appellen, den Zuwanderern Verständnis entgegenzubringen, nach "Pegida"-Logik Teil jenes manipulativen "Systems" wird, das angeblich das Volk für dumm verkauft.

Obwohl? Oder weil? Anders gefragt: Protestieren die Kirchenmitglieder mit ihrer "Pegida"-Teilnahme nicht nur gegen angebliche Islamisierung, sondern zumindest indirekt auch gegen die politische Rolle ihrer eigenen Kirche? Jeder einzelne christliche Teilnehmer muss den Kirchen schon wegen dieses begründeten Verdachts eine Qual sein. Dass sich ihre Kirche politisch äußert, ist zum Beispiel vielen Protestanten ohnehin suspekt - nur 47 Prozent sprachen sich 2014 dafür aus. Und Feldhoff berichtet von Kirchenaustritten als Reaktion auf die Licht-aus-Ankündigung.

Ausländerfeinde gibt es auch in der Kirche

Das Unbehagen mancher Amtsträger, nicht nur die "Pegida"-Ziele, sondern auch die Demonstranten für ihre Teilnahme zu verurteilen, dürfte in diesem Dilemma gründen: Da spiegelt sich auch die Befindlichkeit nicht weniger Kirchenmitglieder. Gefeit gegen ausländerfeindliche Ansichten sind die nämlich keineswegs. In einer Studie der Ebert-Stiftung stimmten 2010 Katholiken und Protestanten sogar häufiger rechtsextremen Positionen zu als Konfessionslose. Das sei jedoch "keine Ursachenbeschreibung", beeilten sich die Autoren hinzuzufügen. Soll heißen: Ausländerfeind, Antisemit gar, wird man kaum durch die Kirche. Man bleibt es - leider Gottes - aber auch in der Kirche.

Einfach das Licht auszuknipsen wie in Köln, ist unbestritten ein starkes, effektvolles Zeichen. Sich unsichtbar zu machen, wird für die Kirchen aber kaum reichen, sollte sich "Pegida" als hartnäckig erweisen. Präses Rekowski jedenfalls hat einen Vorsatz gefasst: "Ich möchte hören und verstehen, was den Menschen Angst macht." Er fügt freilich auch hinzu, er habe "derzeit den Eindruck, dass viele von ihnen gar nicht ins Gespräch kommen wollen". Wenn das stimmt, dann wollen auch die eigenen Leute nicht mehr mit ihm reden. Dann ist, und dafür spricht einiges, "Pegida" nicht nur ein Problem für die Kirchen, sondern auch in den Kirchen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Nikolaus Schneider

(RP)