Anschlag in Berlin: Wenn Live-Berichte zur Gratwanderung werden

Medien und der Terror von Berlin : Wenn Live-Berichte zur Gratwanderung werden

Sondersendungen bei RTL, ZDF und ARD, die Nachrichtensender berichten in Dauerschleife und die Online-Medien tickern live. Nach dem Anschlag in Berlin müssen Journalisten zwischen Informationspflicht und unnötiger Spekulation abwägen.

Als am Montagabend kurz vor 20 Uhr die ersten Meldungen von dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche bekannt werden, gibt es in den sozialen Netzwerken bereits die ersten Bilder und Videos. Der Ort des Anschlags ist zu sehen, zerstörte Weihnachtsmarktbuden, der Lkw, Menschen, die verletzt sind und die vom Unglücksort fliehen, Helfer und Tote. Nicht nur Augenzeugen filmen, fotografieren und berichten bei Facebook und Twitter, auch viele Medien sind schnell vor Ort. Der Anschlag ereignete sich nicht weit entfernt von verschiedenen Redaktionen in der Bundeshauptstadt.

Ein Redakteur der Berliner Morgenpost ist zufällig in der Nähe, als der mutmaßliche Täter mit dem Lkw in die Menschen rast. Er berichtet über Facebook in einem Live-Video, was um ihn herum passiert. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, was genau geschehen ist. Erst nach und nach trifft Polizei ein. Erstmal geht der Journalist von einem Unfall aus. In einigen Passagen berichtet er lediglich, dass er Menschen unter dem Lkw sieht und Verletzte auf dem Boden sitzen.

Aus Rücksicht und Respekt vor diesen Menschen werde er diese nicht zeigen, sagt der Journalist. Einige Verletzte sind aber dennoch zu sehen. Immer wieder wird er von anderen Menschen beschimpft, weil er in dieser Situation filmt. Dann greifen ihn Männer an und schlagen ihm das Handy aus der Hand. Der Journalist bleibt ruhig, hebt sein Handy wieder auf und sucht die Polizei. Von ihr erhofft er sich genauere Informationen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Polizei noch nicht gebeten, keine Videos vom Breitscheidplatz zu verbreiten.

In den sozialen Netzwerken wird das Video zum einen von vielen Nutzern mit Lob für die ruhige und besonnene Berichterstattung geteilt, zum anderen aber auch kritisiert. Ein Nutzer bezeichnet die Szene, in der dem Reporter das Handy aus der Hand geschlagen wird, als "bestes Bild des Abends". Generell kritisieren bei Twitter zahlreiche Nutzer in der Nacht auf Dienstag, dass die Medien am Anschlagsort filmen, statt abzuwarten, bis es genauere Informationen gibt. Einige werfen ihnen vor, die Rettungsarbeiten zu behindern.

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisiert den Reporter scharf. "Wir schämen uns" steht über dem Beitrag zu der Berichterstattung der "Berliner Morgenpost". Das Video zeige ungeschnitten nicht nur den zerstörten Weihnachtsmarkt, sondern auch Verletzte und Helfer. Das sei kein großer Scoop, den ein Journalist jahrelang suche. "Das ist nur wahnsinning geschmacklos und ein Verstoß gegen den Pressekodex", schreibt der DJV. Die Verletzten vom Breitscheidplatz bittet der Journalistenverband um Entschuldigung.

Auch zahlreiche Nachrichtensender und Online-Medien sind mit Reportern vor Ort, um die ersten Reaktionen, Interviews und Informationen einzuholen — N-tv, N24, das ZDF, RTL und das Erste. Auch CNN ist mit einem Team Minuten nach dem Anschlag vor Ort. Die meisten Online-Nachrichtenseiten berichten im Liveblog. Die "Berliner Morgenpost" zeigt das Video von seinem Reporter am Breitscheidplatz. Auch "Bild" zeigt Videos vom Tatort. Gleichzeitig hatte die Berliner Polizei inzwischen aufgerufen, keine Videos von der Tat und dem Ort im Internet zu veröffentlichen. Die meisten Medien halten sich daran. Die "Berliner Morgenpost" entfernt ihr Live-Video zunächst von Facebook und veröffentlicht es erst am Dienstag wieder — nachdem die Lage sich am Breitscheidplatz beruhigt hat.

Die TV-Sender informieren die Zuschauer über die Anweisungen der Polizei und sprechen am Anschlagsort mit dem Regierenden Bürgermeister Berlins, dem Polizeisprecher oder Experten, statt die Rettungsarbeiten zu filmen. Die Reporter vor Ort und die Moderatoren in den Fernsehstudios müssen die Gratwanderung schaffen zwischen schneller Information und dem Vermeiden von Spekulationen und voreiligen Schlüssen.

Terror in Berlin: Das ist die Todesstrecke des Lkw

Während CNN einer der ersten Sender gewesen sein dürfte, der mit Live-Schaltungen zum Breitscheidplatz auf Sendung ging, sortierten sich die deutschen Fernsehsender zunächst. Um kurz nach 21 Uhr sendete das Erste eine Sonderausgabe der Tagesthemen; Moderator Ingo Zamperoni sortierte professionell bis in die Nacht hinein die Informationen von Polizei, Reportern und Politikern. RTL unterbrach sein Programm nur wenig später und rekonstruierte die mögliche Fahrtroute des Lkw. Das ZDF stieg erst um 21.45 Uhr in die akutelle Berichterstattung ein — nach dem Abendfilm.

Alle Sender beziehen sich auf die bestätigten Informationen, vermeiden Spekulationen und Bilder von Toten und Verletzten. Die Reporter am Anschlagsort versuchen, für die Zuschauer das Geschehene zusammenzufassen und zu beschreiben, was sie nicht zeigen können. Die Einschaltquoten bei allen Sendern sind hoch. N24 verzeichnet nach Angaben des Branchenportals "Meedia" 14 Millionen Livestream-Abrufe bei Facebook. Ein Rekord für deutsche Live-Videos bei Facebook. Dennoch werden die TV-Sender und Online-Medien in den sozialen Netzwerken dafür kritisiert, dass sie in Dauerschleife über Stunden berichten — aus Sicht der Kritiker ohne neue Informationen zu haben. Viele werfen den Reportern Spekulation vor.

Tatsächlich aber entschied kaum ein Medium an diesem Abend, ob es nun ein Anschlag oder ein Unfall war. Auch wenn Berliner Polizei, Terrorexperten und Politiker Anlass dazu gaben, von einem Anschlag zu berichten, stellten die Reporter die Aussagen zwar dar, urteilten aber selber nicht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Lkw fährt in Berliner Weihnachtsmarkt - Bilder aus der Nacht

(rent)
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