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Von der Leyen über dementen Vater: "Alzheimer ist kein Zustand, sondern Prozess"

Von der Leyen über dementen Vater : "Alzheimer ist kein Zustand, sondern Prozess"

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Schauspielerin Maria Furtwängler verbindet eine traurige Erfahrung: Beide Frauen mussten erleben, wie ihre einst starken Väter ihre Lebensgeschichte einfach vergessen haben.

Ursula von der Leyen ist nicht nur Politikerin. Sie ist auch Ärztin. Doch in diesem einen Moment halfen ihr weder das politische noch das medizinische Wissen: Ihr Vater, der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, konnte sich nicht mehr an ihren Kosenamen erinnern. "Ich bin 54 Jahre alt. 53 Jahre war ich für meinen Vater Röschen, Röschen Albrecht. Aber Röschen gibt es nicht mehr, Röschen ist weg. Er fragt nur noch: ,Wann kommt Ursula nach Hause?'", erzählt die Bundesarbeitsministerin.

Maria Furtwängler und ihr Vater Bernhard. Der Architekt starb 2012. Foto: dpa

Ernst Albrecht ist an Demenz erkrankt. Nicht nur den Kosenamen seiner einzigen Tochter, auch weite Teile seiner politischen Laufbahn hat der heute 83-Jährige vergessen. Seit rund zehn Jahren leidet Ernst Albrecht an Alzheimer, 2008 machte seine Tochter die Erkrankung öffentlich. Nach und nach vergisst der einst so mächtige Mann seine Lebensgeschichte und erkennt Familienmitglieder nicht mehr.

Auch Schauspielerin Maria Furtwängler musste erleben, wie ihr Vater Bernhard Furtwängler an Demenz erkrankte. Der Architek, ein Neffe des Dirigenten Wilhelm Furtwängler, starb in der Silvesternacht im Alter von 82 Jahren.

Krankheit beeinflusst die ganze Familie

In einem Doppelinterview mit dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung", erzählen die beiden Frauen vom Umgang mit ihren Vätern. Die ähnlichen Erfahrungen haben die Spitzenpolitikerin und die TV-Kommissarin einander nähergebracht. 2012 hatten die beiden erstmals gemeinsam bei einer Konferenz in München als "prominente Töchter" von den Erkrankungen ihrer Väter berichtet und dort bereits zu einem offeneren Umgang mit der Demenz alter Menschen aufgerufen. "Alzheimer ist kein Zustand, sondern ein Prozess über viele Jahre hinweg", sagte von der Leyen damals.

Zu diesem Prozess gehört es auch, Veränderungen zu akzeptieren, sagt die Mutter von sieben Kindern heute, deren Großfamilie bei Ernst Albrecht auf dessen Anwesen bei Hannover lebt. "Ich habe gelernt: Die Scham ist in Ordnung, die Wut ist in Ordnung, auch dass der Alzheimer-Kranke Glück, Freude, solche Gefühle innerlich natürlich noch hat."

Beide Frauen sagen, die Krankheit ihrer Väter habe auch sie selbst verändert. "Es hat mir geholfen, ganz erwachsen zu werden. Den Vater zu überwinden und mich abzunabeln, indem ich aus der kindlichen Bewunderung gegenüber diesem beeindruckenden Vater in eine Haltung gewechselt bin, die einfach nur akzeptiert, dass er ist, wie er ist", sagt die 54-jährige von der Leyen. Furtwängler berichtet Ähnliches: "Ich bin sicherlich mir gegenüber in vielen Dingen geduldiger geworden, ich muss nicht mehr so vieles machen, und ich muss schon gar nicht mehr so vieles perfekt machen."

Arglosigkeit wird Angriffspunkt für Betrüger

Das Verhältnis zwischen Maria Furtwängler und ihrem Vater sei ohnehin nie einfach gewesen. Durch die Erkrankung habe sie aber auch andere Seiten an ihm kennengelernt, den Gentleman, sagte sie vor einigen Monaten in einem anderen Gespräch. Er habe sich höflich bedankt, wenn sie etwa mit ihm zum Schwimmen gegangen sei. Sie habe ihm dafür auch Schwimmflügel gekauft: "Anfangs hat er sich geweigert, sie anzuziehen. Er war entsetzt. Als er dann schwamm, schwankte er zwischen Lachen und Weinen. Dieses Bild vergesse ich nie."

Doch die Demenz habe auch bizarre Spielräume eröffnet, mit denen sie vorher nie gerechnet hätten, sind sich die Frauen einig. Betrüger etwa hätten die Arglosigkeit ihres Vaters ausgenutzt, berichtet Furtwängler. Briefe mit Gewinnversprechen habe ihr Vater für bare Münze genommen und die Bearbeitungsgebühren überwiesen. Als sehr schwierig beschreiben beide auch die Auseinandersetzung über das Autofahren. Die Väter hätten nicht einsehen wollen, dass sie nicht mehr fahrtüchtig seien. "Da geht es um den Verlust von Autonomie. Und das Autofahren war für ihn immer ganz wichtig", sagt Furtwängler. "Mein Vater wollte bei der Polizei anrufen und den Führerschein einfach noch mal machen."

Von der Leyen erzählt, man habe ihr gesagt, sie müsse den Schlüssel verstecken, sonst komme jemand zu Schaden. "Diesem Rat bin ich irgendwann gefolgt. Es gab fürchterliche Auseinandersetzungen über Wochen." Statt über Politik sprechen Vater und Tochter nun über das Wetter, den Regen, der nicht aufhört, oder die Sonne, die so schön scheint.

(csi)