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Alles außer Homeoffice: Weshalb Kinder Jobs wie Bauarbeiter lieben

Berufswünsche von Kindern : Alles außer Homeoffice...

Kinder sind fasziniert von Bauarbeitern, Bauern, Hand- und Müllwerkern. Diese Perspektive ist ein guter Kontrapunkt. Denn manchem mangelt es arg an Wertschätzung für jene, die nicht einfach Homeoffice machen können.

Die ersten Helden unserer Kinder und Enkel sind unendlich viel cooler als Fußballprofis oder Prinzessinnen – nämlich Müllwerker. Was mancher Erwachsene zunächst irritiert oder belustigt zur Kenntnis nimmt, ist eigentlich nur folgerichtig. Schließlich fahren sie die größten und lautesten Autos, haben die buntesten und praktischsten Klamotten, sind braungebrannt und stark, unerschütterlich und lässig.

Und auch die Wichtigkeit ihres Jobs leuchtet schon den Jüngsten ein: Erst wenn die Müllmänner und (zugegebenermaßen sehr wenigen) Müllfrauen da waren, ist wieder Platz in der Tonne für die nächsten Windeln. Doch ist es eher ein Urinstinkt, der die Kurzen ans Fenster zieht, wenn draußen der Müllwagen rumpelt und piept, die Tonnen rollen, die Deckel knallen und schließlich alles prasselnd im großen Bauch der Maschine landet. Gebannt kleben Jungen und Mädchen an der Fensterscheibe, um alle Eindrücke aufzunehmen, sie quietschen und winken – und wenn sie ganz viel Glück haben, winkt einer dieser vielbeschäftigten und äußerst wichtigen Leute zurück. Dann ist auch der schlechteste Tag gerettet.

Das Thema zieht sich durch. Streichel­zoos und Spielplätze – gut und schön, aber es gibt Orte, an denen praktisch alle Kleinkinder stundenlang schauen und staunen könnten. Gemeint sind keine Hightech-Labors und schon gar keine Chefetagen von Investmentbanken oder Dax-Unternehmen. Sondern Bauernhöfe und Baustellen.

Unwiderstehlich werden Mädchen und Jungen angezogen vom Lärm, der verspricht: Hier passiert etwas! Trecker ziehen mühelos gewaltige Pflüge, Wasser- und Güllefässer. Mähdrescher ernten in Minuten ganze Felder ab, Bagger buddeln Löcher und beladen Lastwagen mit Sand, Kies, Erde, Bauschutt. Gabelstapler bewegen kleine Lasten, Lkw und Züge, Schiffe und Kräne große.

Und hinterm Steuer sitzt fast unweigerlich ein schwer unterschätzter Meister seines Fachs, der seine mächtige Maschine dank jahrelanger Erfahrung scheinbar mühelos im Griff hat – und im Zweifelsfall für den letzten Rest trotzdem zur Schippe greift und sich die Hände schmutzig macht.

Es ist auch aufschlussreich, welche Jobs in Kinderbüchern und -liedern auftauchen – und welche nicht. Bauer Nummer eins sorgt für Getreide, das der Müller in Mehl und schließlich der Bäcker in Brot und Brötchen verwandelt. Bauer Nummer zwei erntet, sortiert und verpackt das Gemüse. Bauer Nummer drei zieht Kühe, Schweine, Hühner, Schafe groß. Wie genau diese Tiere zu Frikadellen und Co. verwurstet werden, wird im Allgemeinen vornehm ausgeblendet, doch eine umso größere Rolle spielen dann wieder Marktfrauen und Metzger sowie diejenigen, die die Waren zu den Supermärkten transportieren, dort in Regale einsortieren und an der Kasse sitzen. Wie wichtig all das ist, leuchtet Kindern ein – auch und gerade, wenn sie erfahren, dass echte Bauern auf Unterstützung etwa durch Erntehelfer und Landmaschinenmechaniker angewiesen sind.

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Ebenso hoch im Kurs stehen bei den meisten Kindern Handwerker aller Art – Schreiner und Dachdecker, Friseurinnen und Maurer sowie Busfahrer und Lokführer. Aus eigener Erfahrung lernen sie schnell auch Tageseltern, Erzieher und Lehrer kennen, dazu Tier-, Kranken- und Altenpfleger. Polizisten, Feuerwehrleute, Sanitäter und Ärzte ohnehin, sowie Künstler, zum Beispiel aus dem Zirkus. Je nach Einkommen der Eltern vielleicht auch Putzfrauen, Köche und Gärtner. Und wenn nicht, ist ihnen umso klarer, welches Arbeitspensum eine Hausfrau erledigt.

Damit sind die wichtigsten Bereiche unseres Lebens umrissen: Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Bildung und Pflege, Sicherheit und Ordnung, Mobilität und Kultur.

Zugleich aber genießen just jene Jobs, deren Wichtigkeit wortwörtlich jedem Kind klar ist, oft herzlich wenig Sozialprestige, also Wertschätzung, was wiederum häufig mit geringem Gehalt einhergeht. In Amerika unterscheidet man Arbeitnehmer strikt nach „blue collar” und „white collar” – Blaumann oder Hemd. Hierzulande ist die Klassengesellschaft etwas komplexer, ist man zum Beispiel Arbeiter oder Angestellte, Selbstständiger oder Beamtin.

Seit der Corona-Pandemie aber ist die Trennlinie auch hierzulande wieder schärfer: In der Regel verläuft sie zwischen denen, die ihren Job im Zweifel am PC im Homeoffice erledigen können – und denen, die bei Wind und Wetter unter Leute müssen. Und körperlich arbeiten.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund schreibt: „Schwere körperliche Arbeit verrichten überdurchschnittlich oft Beschäftigte im Schichtdienst beziehungsweise in der Zeitarbeit und diejenigen, die nur einen Hauptschulabschluss haben und zwischen 800 und 2000 Euro brutto verdienen.“ So gesehen ist körperliche Arbeit meist tatsächlich Arbeit zweiter Klasse.

Was erwächst aus diesem Fakt? Jedenfalls kein Plädoyer für einen Umsturz unseres Wirtschaftssystems. Preise entwickeln sich schließlich am Markt, und Gehälter sind ja nichts anderes als Preise für Arbeitskraft. Und dass diese Marktmechanismen nach dem Grundsatz „Leistung muss sich lohnen“ völlig versagen, ist zum Glück eher die Ausnahme. So groß und wichtig – Pflege! Erziehung! – diese Ausnahmen auch sind. Zur Wahrheit gehört selbstverständlich auch, dass der kindliche Blick auf die Welt begrenzt ist. Corinna Schmude, Psychologin und Pädagogik-Professorin an der Alice Salomon Hochschule in Berlin, forscht zu Berufswünschen und betont: „Kinder sind fantastische Beobachter.“ Dennoch seien ihnen Berufe besonders präsent, mit denen sie selbst konfrontiert werden und die sich noch dazu an äußerlichen Merkmalen wie etwa Berufskleidung oder typischen Arbeitsmitteln festmachen lassen. Die Uniform der Heerscharen von Büro­arbeitern wie etwa das hellblaue Hemd zur dunklen Hose ist damit ebensowenig gemeint wie der Laptop.

„Kinder an die Macht!“ ist aus diversen Gründen keine ernsthafte Handlungsaufforderung. Einer ist, dass zumindest von Kleineren kaum Verständnis für die Notwendigkeit jener Art von Arbeit zu erwarten ist, die äußerlich unspektakulär in Büros und Banken sowie Amtsstuben (und übrigens auch Redaktionen) verrichtet wird. Unsere Welt wird immer komplexer und globalisierter. Deshalb braucht es neben Produzenten wie Bauern auch Groß- und Einzel- sowie Zwischenhändler aller Art. Neben Bauarbeitern auch Architekten und Statiker, Planer und Bauingenieure. Neben Ärztinnen und Pflegern auch Pharma-Forscher und Laborfachkräfte.

Die Liste lässt sich fortführen: Ohne Versicherungsfachleute kein Schutz vor den größten (und teuersten) Lebensrisiken. Ohne Politiker und Beamte keine Kommune, kein Kreis, kein Land, keine Bundesrepublik, kein Europa – keine Gesellschaft, wie wir sie kennen. Das Rechtssystem benötigt neben Polizisten zwingend auch Anwälte, Staatsanwälte und Richter. Die oft gescholtenen Banker braucht es schon für die Vergabe von Krediten – und für so ziemlich alles in unserem digitalisierten Alltag IT-Fachleute.

Kurz gesagt: Selbstverständlich hat praktisch jede denkbare Tätigkeit auch ihre Daseinsberechtigung. Und auch ihre ganz spezifischen Herausforderungen, Risiken und Stressfaktoren. Ganz platt gesagt: Fliesenleger haben schneller kaputte Knie, Topmanager erleiden häufiger einen Herzinfarkt. Das sollte man nicht gegeneinander aufrechnen, bloß im Blick behalten.

Und zumindest im Groben orientiert sich die Bezahlung von Berufen ja durchaus an der Länge und Schwierigkeit der Ausbildung sowie der zu tragenden Verantwortung. Dass Bildung und Wohlstand viel zu stark zusammenhängen – Abitur muss man machen dürfen, einen der 20.000 angebotenen Studiengänge sich leisten können – ist ein ganz anderes, trauriges Thema.

Was also soll dieser Text? Überhaupt nicht viel. Er will kein Aufruf sein zum munteren Vergleich von Äpfeln und Birnen, sondern bloß daran erinnern, dass wir alle aufeinander angewiesen sind: Denker und Macher, Innovatoren und Verwalter, Akademiker und Nicht-Studierte, und so weiter und so weiter. Die intuitive kindliche Perspektive auf den Wert von Arbeit tut gut. Und sei es als Mahnung: Wenn nur noch die arbeiteten, die ihren Job im Homeoffice erledigen können, ginge gar nichts mehr – hierzulande und auf der ganzen Welt. Etwas Dankbarkeit und Demut wären also durchaus angebracht.

Körperliche Arbeit ist nicht per se mehr wert als geistige, aber auch nicht weniger. Die Jobs, deren Zweck sich Kindern sofort erschließt, verdienen mehr Wertschätzung durch die Gesellschaft. Neben den Pflegekräften gilt das besonders für das unsichtbare Heer der oft prekär bezahlten Menschen, die produzieren, verpacken und transportieren, was wir alle jeden Tag fürs Leben brauchen.