60 Jahre Lego - Der Stein der Leisen

60 Jahre Lego: Der Stein der Leisen

Spielen kann man mit fast allem. Ganze Welten aber lassen sich nur mit Lego erschaffen, beleben und immer wieder verändern. Eine Liebeserklärung zum 60. Geburtstag der bunten Steinchen.

Am Anfang war der Standard-Stein, vier Noppen lang und zwei Noppen breit - und am Ende steht er auch. Jeder Besucher des jüngst eröffneten "Lego House" im dänischen Billund, der Heimat des Bausteinsystems, bekommt zum Abschied sechs der klassischen, knallroten Steine geschenkt. Vor den eigenen Augen werden die Elemente von einer Spritzgussmaschine ausgespuckt, mit individuellem Aufbau-Vorschlag.

Streng genommen braucht keiner mehr als sechs dieser Steine. Denn es gibt mehr als 100 Millionen Varianten, sechs klassische Legosteine so aufeinander zu stecken, dass ein turmartiges Gebilde entsteht. Insgesamt lassen sie sich sogar in 915.103.765 Kombinationen miteinander verbinden. Alle auszuprobieren würde fast 300 Jahre dauern.

In meinem Kinderzimmer sind wie in so vielen in aller Welt trotzdem Tausende, wenn nicht Zehntausende Legosteine in allen Farben und Formen zusammengekommen. Denn obwohl mein Großvater Tischler war, bestand pädagogisch wertvolles Spielzeug für meine Eltern nicht zwangsläufig aus Holz, sondern im Zweifel auch aus Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat, kurz: ABS.

Punkt, Punkt, gebogener Strich

Auf diesen Kunststoff war in den Fünfzigerjahren Billunds Dorfschreiner Ole Kirk Kristiansen umgeschwenkt, nachdem über die Jahre drei Brände seine Werkstatt wiederholt in Schutt und Asche gelegt hatten. Nach langen Experimenten war es sein Sohn Godtfred, der den uns bekannten Legostein am 28. Januar 1958 in Kopenhagen unter der Nummer 92683 zum Patent anmeldete - mit Röhren auf der Unterseite, die zwischen die Noppen auf den Oberseiten anderer Steine passen, auf zwei Tausendstel Millimeter genau.

Gepresst wurden sie zunächst in Schwarz und Weiß, Blau und Rot und nur in den simpelsten Formen: als Ziegelsteine, Fenster, Türen, Dachschrägen. Der endgültige Durchbruch gelang Lego zehn Jahre später mit der Erfindung der "Minifiguren": Kleine Männchen mit beweglichen Armen und Beinen, austauschbaren Hosen und Oberteilen. i-Tüpfelchen ist das erste und jahrelang auch einzige Gesicht, ein minimalistischer Geniestreich: Punkt, Punkt, gebogener Strich - jeder Kopf ein dreidimensionaler Smiley.

Seit ich denken kann, habe ich mir zu jedem Geburtstag und Weihnachtsfest bis zur Volljährigkeit Lego gewünscht und auch bekommen. Meine ersten Steine gehörten zu einem Duplo-Bauernhof, die letzten zu einem Roboter-Set von Lego Technic mit Kameras und Sensoren, das sich frei programmieren ließ. Irgendwann dazwischen vertraute mir mein Vater die elektrische Lego-Eisenbahn an, mit der er in den Sechzigern gespielt hatte.

Unverwüstlich und immer neu kombinierbar

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Denn ihren stolzen Preis haben die Steine deshalb, weil sie unverwüstlich sind - und immer neu kombinierbar. Mittels der Bauanleitungen lassen sie sich zu Bauernhöfen und Feuerwehrautos zusammenstecken, zu Ritterburgen und Raumschiffen.

Doch wer es dabei belässt, verpasst das Beste: das Ausdenken eigener Konstrukte - vom bonbon-bunten und undefinierbaren Plastikhaufen bis hin zum maßstabsgetreuen Modell echter Autos und Schiffe aus Millionen Steinen, fotorealistisch bis ins letzte Detail: Selbstbauen verschafft auch Selbstvertrauen, regt die Fantasie an und das räumliche Denken, lehrt Geduld, Konzentration, Fokussierung, stärkt die Hand-Augen-Koordination und wer weiß noch was.

  • Von Beruf Lego-Experte : Der Herr der Steine

Lego befreit von der Ohnmacht und den Zwängen, die jedes Kind kennt und jeder Erwachsene noch besser. Wer still vor sich hin baut, hat buchstäblich alles in der Hand, ist Denker und Macher, Designer und Arbeiter, Architekt und Abrissunternehmer, Maurer, Mechaniker und Märchenerzähler zugleich. Und bei alledem: Kreativer, Künstler, mit kindlichem Herz und Hirn.

Mehr als ein Spielzeug

Designer Bjarne Tveskov (50), der die ersten Raumschiffe entwarf, hat zugegeben: "Ich habe immer versucht, ein Lego-Baguette für ein Weltraum-Set zu zweckentfremden." Gelungen ist es ihm nie, aber was soll's? Irgendjemand anders wird es geschafft haben, irgendwo, irgendwann, und ein Foto davon wird andere inspirieren, über Flickr oder Facebook, Fachmedien wie die "Brothers Brick" und "zusammengebaut.com" oder durch Fan-Zeitschriften wie das "Brick Journal".

Lego ist mehr als ein Spielzeug; ein Material, Medium, eine Sprache. Egalitär ohnehin. Wer viele Steine hat, kann natürlich größere und imposantere Modelle bauen. Doch Fans halten auch Tugenden wie Improvisation und Minimalismus hoch. Beneidet wird, wer mit den wenigsten Teilen auskommt und diese am kühnsten in immer neuen Kombinationen umnutzt.

Das Pazifismus-Dogma der Gründer allerdings ist leider längst aufgeweicht: Zwar kann man bis heute keine Panzer oder Kampfjets kaufen, doch zu den größten Umsatzbringern zählen die Bausätze zur schlachtenreichen Fantasy-Saga "Herr der Ringe" und dem Sternenkriegs-Epos "Star Wars". Auch die Eigenentwicklungen "Ninjago" und "Nexo Knights" setzen auf Action.

"Keiner war gut in Sport"

Der Forscher Christoph Bartneck hat bewiesen, dass die Figuren immer böser dreinschauen und mit immer mehr Miniaturwaffen ausgerüstet sind. Aber die lassen sich ja zweckentfremden: Schwerter zu Pflugscharen eben - Umschmelzen unnötig, Umstecken reicht.

Designer Bjarne Tveskov wurde mit 17 Jahren als Lego-Designer eingestellt und traf auf andere berufliche Spielkinder. "Das Einzige, was wir gemeinsam hatten: Keiner war gut in Sport", erinnert er sich. "Zuvor hatte ich gedacht, ich wäre der Einzige, der nichts dafür übrig hat. Erst bei Lego entdeckte ich, dass es auf dieser Welt einen Platz gibt für Menschen wie mich."

Dieser Platz ist auf dem Teppich, zwischen den vielen kleinen Steinen der Leisen.

Der Autor Tobias Jochheim (31) arbeitet für unsere digitale Sonntagszeitung.

(tojo)
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