Anwerbeabkommen: 50 Jahre Gastarbeiter aus der Türkei

Anwerbeabkommen: 50 Jahre Gastarbeiter aus der Türkei

Düsseldorf (RP). Zur Unterzeichnung des ersten deutschen Anwerbeabkommens ausländischer "Gastarbeiter" reiste 1955 ein deutscher Minister nebst Botschafter zur feierlichen Unterzeichnung in Rom an. Für die Türkei gab es keinen Festakt, kein Händeschütteln und auch kein Foto.

Am 30. Oktober 1961 fand in Bonn lediglich ein "Notentausch" zwischen dem Auswärtigen Amt und der türkischen Botschaft statt. Das zweiseitige Papier mit dem Aktenzeichen 505-83SVZ-92.42 markiert den Beginn einer Einwanderung, die keine der beiden Seiten geplant hatte.

Im Oktober 1961 hätte die Bundesregierung wahrscheinlich auch Außerirdische angeheuert, um das Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden. 500 000 offenen Stellen standen nicht einmal 150 000 Arbeitslose gegenüber. Die Gewerkschaften erkämpften mitten im Boom kürzere Arbeitszeiten. Am 13. August hatte die DDR die stetige Abwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte gestoppt. Der Mauerbau bedrohte in West-Berlin zudem große Teile der Industrie-Produktion, da die Ost-Berliner Arbeiter ihre West-Berliner Arbeitsplätze nicht mehr erreichten. Mit dem Türkei-Abkommen brachte die Bundesregierung vor allem Ordnung in den bis dahin ungeregelten Zuzug türkischer Arbeitskräfte.

Kein Foto, kein Festakt, keine Presse

1957 hatte Bundespräsident Theodor Heuss bei einem Türkeibesuch Berufsschulabsolventen nach Deutschland eingeladen. 150 kamen, viele heuerten bei den Kölner Ford-Werken an. Die guten Erfahrungen mit den "Heuss-Türken" brachten viele Unternehmen auf die Idee, auf eigene Faust in der Türkei Arbeitnehmer anzuheuern. Im Bundesarbeitsministerium herrschte die Auffassung, "dass der türkische Arbeiter leistungsmäßig und in der persönlichen Veranlagung und Haltung keinesfalls gegenüber dem italienischen Arbeiter zurücksteht". Das Auswärtige Amt fürchtete dagegen, andere nicht-europäische Staaten könnten sich auf ein Abkommen mit der Türkei berufen. Daher: kein Foto, kein Festakt, keine Presse.

Am liebsten hätte das Auswärtige Amt das Türkei-Abkommen ganz verschwiegen. Entsprechend fiel der Vertragstext aus: Es sollten ausschließlich Unverheiratete aus den "europäischen Gebieten" der Türkei angeworben werden. Anders als bei Italienern, Griechen und Spaniern wurde ein Familiennachzug ausgeschlossen. Eine Gesundheitsprüfung und eine Eignungsuntersuchung wurden verlangt, längstens zwei Jahre sollten türkische Arbeitnehmer in Deutschland bleiben — ohne Verlängerung. Auf der Zwei-Jahres-Klausel hatte vor allem die Türkei bestanden, die keineswegs den dauerhaften Export überschüssiger Arbeitskräfte plante. Ihr Kalkül war, die Rückkehrer zur Modernisierung des eigenen Landes einsetzen zu können.

"Die Deutschen sind genau wie wir Türken"

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In einer Broschüre der türkischen Anstalt für Arbeit lernten die Gastarbeiter über Deutschland: "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein nationalistischer Staat. Die dort lebenden Deutschen sind, genau wie wir Türken, Nationalisten und Feinde des Kommunismus." Von den deutschen Arbeitern sollten sich die Gastarbeiter Fleiß und Disziplin abgucken — und möglichst samt des erarbeiteten Lohns mit nach Hause bringen. Bis heute akzeptiert die Türkei nicht, dass aus "Gastarbeitern" faktisch Auswanderer wurden, für die der türkische Staat nicht mehr zuständig ist. Das Integrationsland Deutschland vergaß sehr schnell, dass die "Gastarbeiter" auf deutschen Wunsch zu Einwanderern wurden. Schon im Dezember 1962 verlangten die Arbeitgeber-Verbände, die Zwei-Jahres-Klausel aufzuheben: Alle 24 Monate neue Arbeiter anzulernen, könne man sich nicht leisten.

Die Ankunft der türkischen Arbeiter in Deutschland wurde so unauffällig wie die Unterzeichnung des Abkommens organisiert — ohne Rücksicht auf die Menschen, die kamen. Am Düsseldorfer Flughafen fand die Abfertigung von Türkei-Flügen noch bis in die 80er Jahre in zugigen Hallen hinter dem Frachtbereich statt. Am Münchner Hauptbahnhof, wo die meisten Türken per Zug am Gleis 11 ankamen, wurde ihnen ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg als Aufenthaltsraum zugewiesen — damit sie nicht sichtbar auf dem Bahnsteig herumstanden.

Nur das Nötigste dabei

Die ersten Türken, die in Düsseldorf und München ankamen, hatten in ihren Koffern nur das Nötigste an Kleidung. In ihren Jackentaschen trugen sie ein paar Papiere von der deutschen Anwerbestelle in Istanbul, die sie nicht lesen konnten. Und einen Zettel. Auf ihm stand oft nur ein Wort: der Name der Stadt, in der sie arbeiten sollten. Ohne diesen Zettel wären sie wohl verloren gegangen. Die meisten sprachen nur Türkisch, viele der einfachen Arbeiter und Bauern aus Anatolien konnten kaum lesen und schreiben.

Sie alle trieb der Traum, sich ein Goldstück aus dem Wirtschaftswunderland herauszubrechen. In der deutschen Anwerbestelle in Istanbul ließen sie eine erniedrigende körperliche Untersuchung über sich ergehen. Niemand begehrte auf. Zu groß war der Traum von der Reise ins Glück. Geld für die Rückfahrt hatten die wenigsten, die Schande des Scheiterns wäre gegenüber der Familie und der Heimat unerträglich gewesen.

Tatsächlich gingen viele in die Türkei zurück — bis ihr Gastland sie am 23. November 1973 mit dem Anwerbestopp zu einer Entscheidung zwang: Wer jetzt ging, durfte nicht wiederkommen. Von der türkischen Regierung aufgefordert, sich nicht zu assimilieren, von der deutschen Gesellschaft höchstens geduldet, saßen viele "Deutschländer" plötzlich zwischen den Stühlen — und igelten sich zunehmend ein. Auf dem damaligen Höhepunkt der Debatte fragte die "FAZ" im August 1973: "Werden die Türken die Neger des Ruhrgebiets?"

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(RP)
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