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Jahresausblick: 2015 wird spannender, als Sie denken

Jahresausblick : 2015 wird spannender, als Sie denken

Das kommende Jahr bringt kein großes Sportereignis, keinen Deutschen im All, kein gar nichts. Leider. Oder zum Glück? Gucken wir mal.

2014 war: Weltmeisterjahr, Superwahljahr, Ende-von-"Wetten, dass..?"-Jahr.

2016 kommen: Fußball-EM in Frankreich, Olympia in Rio, US-Präsidentschaftswahl und 500 Jahre Reinheitsgebot.

2015 wird vor allem: leer. Bei allem Respekt für das Jahr des Habichts und Feldahorns, der vorgezogenen Neuwahlen in Israel und Schweden, der voraussichtlichen Fertigstellung des Wiener Hauptbahnhofs sowie der Weltmeisterschaften in Leichtathletik, im Rudern und Rugby.

Als Konsumenten werden wir versorgt — aber sonst?

Die kreativen Köpfe aus der Unterhaltungsindustrie laufen zur Hochform auf mit originellen Ideen wie "Superman vs. Batman", "Bad Boys 3", "Jurassic Park 4", "Terminator 5", iPhone 6c, 6s und 6plus, "The Fast and the Furious 7", "Star Wars 7", "James Bond" Nr. 24 ... kurz: als Konsumenten werden wir natürlich trotzdem versorgt. Aber sonst?

Selbst in den unendlichen Weiten: Fehlanzeige. Auf die Internationale Raumstation (ISS)ISSfliegt 2015 kein Deutscher. Auf dem Mond war seit 42 Jahren überhaupt niemand mehr, auf dem Mars wird bis auf weiteres niemand landen. Die erste Landung auf einem Kometen ist 2014 (halbwegs) geglückt, eine zweite würde keinen interessieren. Bestes Beispiel: Alan Eustace. Ein Mann, der aus 41.419 Metern Höhe Richtung Erde gesprungen ist. Was Journalisten weltweit nur eine kurze Meldung wert war. Ein gewisser Felix Baumgartner hatte 2012 für einen kürzeren Sprung noch verdammt viel Medienaufmerksamkeit bekommen. Immerhin: Am 14. Juli soll die Sonde "New Horizons" Pluto erreichen. Aber der ist ja nicht mal mehr ein "richtiger" Planet.

Andererseits waren viele der prägendsten Ereignisse und Entwicklungen von 2014 — Erstarken von islamistischen Terroristen und Rechtspopulisten, Ebola-Ausbruch, Ukraine-Konflikt und Flüchtlings-Tragödien in Syrien und auf dem Mittelmeer, Rassismusdebatte in den USA, die gleich zwei mysteriösen Abstürze von Malaysia-Airlines-Flugzeugen, der Suizid von Robin Williams — ebenfalls nicht vorauszusehen.

2015 wollen wir nicht noch mehr dergleichen, Danke der Nachfrage.

Was wir wollen, spielt leider keine Rolle

Schade nur, dass das keine Rolle spielt. Dass wir kein Wiederaufflammen des Kalten Kriegs mit Russland wollten und keinen Nahostkonflikt ohne absehbares Ende. Kein Voranschreiten von Turbokapitalismus, Digitalisierung, Beschleunigung, die unerbittlich in alle Bereiche unseres Lebens vordringen, bis es von der Dystopie aus "The Circle" nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Märkte haben sich der Kontrollinstanzen längst entledigt. Schnellere Hamsterräder, stromlinienförmigere, transparentere Leben werden uns aufgedrängt, die Reaktionsmöglichkeiten sind begrenzt.

Theoretisch sind wir so frei wie nie zuvor, praktisch spüren wir vor allem weniger Sicherheit denn je und sind mit unserer Wahlfreiheit überfordert, angesichts etwa der 16.634 Studiengänge, die allein an deutschen Hochschulen angeboten werden.

Unsere Welt wird immer komplexer, und scheinbar leichte Antworten darauf immer falscher. Die Zahl der Wahlmöglichkeiten wird auch 2015 weiter zunehmen. Was zu Unsicherheit führt, die Ängste gebiert, die Intoleranz schüren, die sich in Gewalt äußert, die zu Gegengewalt führt. Zwischen Nationen und Religionen, Generationen und Geschlechtern. Während wir uns längst viel entschlossener unentrinnbaren Phänomenen wie dem Klimawandel widmen sollten. Oder der Pleitewelle bei inhabergeführten Läden, weil wir lieber online kaufen, um ein paar Euro zu sparen.

Wenige Events = mehr Zeit fürs Wesentliche

So gesehen ist die Abwesenheit der ganz großen "Events" 2015 ein Segen.

Weil dadurch Zeit frei wird. Für vernünftige Ernährung, genügend Schlaf und Sport, Musik und Bücher, Filme und Serien. Für echte Kommunikation, gesprochen, handgeschrieben oder getippt. Für unsere Freunde und Familien, Partner, Kollegen, Nachbarn. Und für unsere eigenen Körper und Seelen.

Bis zur nächsten weltpolitischen Katastrophe oder persönlichen Prüfung — gesundheitlich, finanziell, privat, beruflich. Beides wird kommen, früh genug. In unserer Verantwortung liegt, wie wir die Zeit bis dahin nutzen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl: Ruhe und Wärme, Großzügigkeit und Liebe tun nicht nur in der Weihnachtszeit gut. Sondern immer.

(tojo)