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 20 Jahre Rechtschreibreform: „Zerstörungsakt“ oder Vereinfachung?

20 Jahre Rechtschreibreform : „Viel Wind um recht wenig“

Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum lernten um - oder versuchten es: Als die Rechtschreibreform 1998 eingeführt wurde, war das aber noch lange nicht das Ende der Debatte über deren Nutzen. Wie fällt die Bilanz nach 20 Jahren aus?

Für die einen war es die Vision von einer barrierefreien und einfachen Rechtschreibung, für die anderen ein kulturelles Desaster: An der Rechtschreibreform schieden sich vor 20 Jahren die Geister. „Es war eine hochemotionale Debatte“, erinnert sich Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Ehrenvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. 1996 wurde die Reform beschlossen, am 1. August 1998 trat sie in Kraft.

Am Anfang stand der Wunsch nach einer einfacheren Rechtschreibung, die die Zahl der Fehler stark reduzieren sollte. Stolpersteine wie die Unterscheidung von „ss“ und „ß“ sollte es nicht mehr geben. Es stand sogar zur Debatte, die Großschreibung innerhalb eines Satzes komplett abzuschaffen. Ein Frevel in den Augen der Gegner, die sich auch gegen andere Vereinfachungspläne wehrten wie etwa doppelte Vokale oder den Unterschied zwischen „ei“ und „ai“ zu streichen. „Boot“ wäre dann zum Beispiel nur noch mit einem „o“ geschrieben worden und aus „Kaiser“ wäre „Keiser“ geworden. Am Ende wurde die Reform wesentlich weniger radikal.

„Die Debatte hat auch die Lehrerschaft in zwei Teile zerrissen“, erinnert sich Meidinger. Und in der deutschen Bevölkerung war das Reformwerk von Anfang an unbeliebt. 70 Prozent der Deutschen waren laut einer Studie des Allensbach-Instituts vor 20 Jahren gegen die Einführung der neuen Orthografie.

Die Folge: Zahlreiche Klagen bis hoch zum Bundesverfassungsgericht, das im Juli 1998 grünes Licht für die Reform gab. Mittlerweile habe sich die Aufregung aber gelegt, sagt Meidinger. „In der Schulpolitik, aber auch in Gesprächen auf Lehrer-Kongressen und mit Eltern ist die Rechtschreibreform kein Thema mehr“, stellt der Schulleiter aus dem bayrischen Deggendorf fest. Vor zehn Jahren sei das noch anders gewesen.

Vier Jahre nach Einführung der Reform, 2002, lehnten laut der Allensbach-Studie immer noch 56 Prozent der Bundesbürger sie ab. Als Reaktion auf die anhaltenden Widerstände setzten die Kultusminister 2004 den Rat für deutsche Rechtschreibung ein. Das Gremium erarbeitete eine Art Reform von der Reform, die dann 2006 beschlossen wurde.

„In der Rückschau muss man sagen, es war unheimlich viel Wind um recht wenig“, bilanziert Meidinger. Für das Resultat hätte man keine Rechtschreibreform gebraucht. „Das, was an Änderungen übrig geblieben ist, das hätte man auch so wie früher von Auflage zu Auflage des Dudens regeln können.“

Sabine Krome, Leiterin der Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung, nimmt die Reformer hingegen etwas in Schutz. „Wenn man so ein Jahrhundertwerk gestaltet, kann man die Konsequenzen nicht gleich vollständig überblicken.“ Ein Verdienst der Reform sei es, dass sie die erste einheitliche Regelung der Rechtschreibung im deutschsprachigen Raum geschaffen habe. Denn auch Österreich und die Schweiz waren an dem Werk beteiligt. Zudem sei die Rechtschreibung systematischer geworden.

Das betreffe vor allem die Groß- und Kleinschreibung, sagt Krome. Zum Beispiel sei jetzt für die Schreibenden einleuchtender, dass Substantivierungen wie „der Nächste“ immer großgeschrieben werden. Auch der Gebrauch von „ss“ und „ß“ sei nun logischer als vorher.

Dennoch gibt es nach wie vor scharfe Kritik. Die Reform habe nicht erreicht, dass Schüler weniger Fehler machten, erklärt der Germanist Uwe Grund. Mit einer 2016 veröffentlichten Studie will er belegen, dass die Reform sogar kontraproduktiv gewesen sei.

„Nach der Rechtschreibreform werden in der Schule erheblich mehr orthografische Fehler gemacht als zuvor“, prangert Grund an. Gerade in den Bereichen Groß- und Klein-Schreibung, Getrennt- oder Zusammenschreibung sowie dem Gebrauch von „ss“ und „ß“ seien keine Verbesserungen eingetreten. Mitunter sei sogar das Gegenteil der Fall. Bei der „s-ss-ß-Schreibung“ sei die Fehlerquote nach der Reform sogar deutlich gestiegen. „Erst die Reform-Regel hat die Probleme geschaffen, die sie aus der Welt schaffen wollte“, kritisiert Grund.

Dass die Rechtschreibung von Schülern sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten deutlich verschlechtert habe, räumt auch Krome ein. Allerdings liegen die Gründe aus ihrer Sicht nicht bei der Rechtschreibreform. „Die Kurzformen der sozialen Medien fördern Rechtschreibkompetenzen nicht unbedingt.“

Schulleiter Meidinger sieht das ähnlich. „Die Zunahme der Rechtschreibfehler hängt eher damit zusammen, dass Schüler weniger lesen und schreiben“, beobachtet er. „Dazu kommt, dass der Rechtschreibunterricht in den Schulen abgewertet worden ist.“ Bei der Benotung fielen Rechtschreibfehler in vielen Bundesländern kaum noch ins Gewicht.

Reform hin oder her: Wer sicher in der Rechtschreibung werden wolle, müsse letztlich einfach viel lesen und schreiben, sagt Meidinger. Seine Bilanz: „Ich fürchte, auch mit den neuen Regeln ist das eine Rechtschreibung, an die man sich mehr gewöhnen muss, als dass man sie systematisch erlernen kann.“

(wer/epd/dpa)