Der Mythos Habsburg lebt

Der Mythos Habsburg lebt

Mit einem Requiem im Wiener Stephansdom erreichen die Trauerfeierlichkeiten für Otto von Habsburg heute ihren Höhepunkt. Anschließend wird der Sarg in der Kaisergruft beigesetzt. Österreich zelebriert den Abschied vom Sohn des letzten Kaisers und fragt sich: Was blieb von der Monarchie?

Wien Die Kapuzinergruft, spöttelte Joseph Roth in seinem gleichnamigen Roman, sei ein Ort, an dem "die Symbole der alten Welt vermodern". Der begnadete Erzähler der Kaiserzeit und tragische Trinker, der 1939 in Paris starb, würde staunen, wie lange sich sein Abgesang auf die Donaumonarchie schon hinzieht. Die Beisetzung Otto von Habsburgs in der Gruft unter der Kapuzinerkirche am heutigen Samstag würde Roth an das Jahr 1916 erinnern, an den pompösen Staatsakt für den verstorbenen Kaiser Franz Joseph I.

"Otto der Letzte" nennt nun das Wochenmagazin "Profil" den in seinem 98. Lebensjahr Verstorbenen. Weil er der letzte Habsburger gewesen sei, den noch die Aura des Monarchen umgab, obwohl er selbst nie Kaiser war, sondern immer nur der Sohn des letzten Kaisers, Karl I.

Doch endet mit dem Tod Otto von Habsburgs auch die Zeit der Habsburg-Nostalgie? Sicher nicht. "Österreichs ganzes kulturelles Selbstverständnis ist unendlich geprägt von der Monarchie", sagt Hannes Leidinger, einer der wenigen kritischen Zeitgeschichtler und Co-Autor des "Schwarzbuchs der Habsburger". Die imperiale Pracht Wiens, die Schlösser und Klöster in der Provinz mit unermesslichen Kunstschätzen, die Hochkultur (Staatsoper, Burgtheater, Museen, Festspiele, Opernball) – ohne Vermarktung des Habsburg-Mythos wäre Österreich nur ein halb so erfolgreiches Tourismusland.

Auch die Republik selbst schmückt sich mit dem hinterlassenen Kaiserprunk. Der Bundespräsident, seit 1945 meist sozialdemokratischer Herkunft, residiert in der Wiener Hofburg, dem einstigen Machtzentrum der Habsburger. Selbst Minister und Staatssekretäre wollen auf ihre barockbeladenen Büros nicht verzichten, was ihnen zuweilen den Vorwurf der Abgehobenheit einträgt. Eine überragende politische Figur wie der frühere Kanzler Bruno Kreisky bekam den Beinamen "der rote Kaiser". Ein machtbewusster Bürgermeister bringt es allemal zum "Dorfkaiser".

Doch pflegen die Österreicher die imperiale Vergangenheit nicht sehr geschichtsbewusst, wie der ehemalige Vizekanzler und Europapolitiker Erhard Busek in einem Interview bekrittelt: "Da war einmal ein alter Herr mit Bart", so spielt der liberale Konservative auf den Lieblingskaiser Franz Joseph an, "dann waren Sissi und Mayerling. Das ist wie Kino, kein Geschichtsbewusstsein."

Mehr als 90 Prozent der Österreicher stehen zur Demokratie, den Kaiser wünscht sich nur eine Minderheit zurück. Was aber noch zuweilen schmerzt, ist der Verlust der einstigen Größe, weshalb man sich mit der Kleinheit der Republik bis heute nicht recht abfinden will. Die Seelenlage der Österreicher, meinte der große Lästerer Thomas Bernhard einmal, schwanke stets zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex. Pompöse Begräbnisse für Habsburger, wie das der letzten Kaiserin Zita 1989 und jenes ihres Sohnes Otto, bieten noch die seltene Gelegenheit, "Großmacht" zu spielen.

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Die gegenwärtige Habsburg-Nostalgie haben die Nazis unfreiwillig angefacht: Nach der katastrophalen "Hitlerei" hatten die Österreicher Sehnsucht nach einer heilen Welt, sie fanden sie weniger in der Zweiten Republik, die aus den Trümmern der "Ostmark" auferstand, als vielmehr in der verblichenen Kaiserzeit, die seither gnadenlos verkitscht und vermarktet wird. Die "Sissi"-Filme der 50er Jahre und andere Adels-Schmonzetten flimmern sonntags nachmittags über die österreichischen Bildschirme.

Eine ernstzunehmende politische Monarchiebewegung ist aus der Habsburg-Nostalgie dennoch nicht entstanden, "nicht einmal in Ansätzen", wie der Historiker Oliver Rathkolb schreibt. Die einzige, nicht wirklich ernsthafte Gefahr für die Demokratie war die "Habsburg-Krise" in den 60er und 70er Jahren, aus der die Republik nachhaltig gestärkt hervorging. Otto von Habsburg durfte danach zwar ungehindert nach Österreich einreisen, musste aber auch seine Träume, die Dynastie wieder an die Macht zu bringen, begraben. Der Thronfolger ohne Thron erfand sich danach als Europapolitiker neu.

Aber es brauchte noch rund vier Jahrzehnte, bis Mitglieder des ehemaligen Kaiserhauses für die Präsidentschaft kandidieren durften. Eine entsprechende Novelle des Wahlgesetzes wurde kürzlich im Parlament beschlossen. Für das nationale Parlament dürfen Habsburger schon länger kandidieren. Ottos Sohn Karl, nunmehr Oberhaupt des Familienclans, scheiterte aber 1999 kläglich: Seine Christlich-Soziale Allianz (CSA) erzielte peinliche 1,5 Prozent der Stimmen, trotz Werbens seines ehrwürdigen Papas.

Auch eine Monarchistenpartei geistert herum, die "Schwarz-Gelbe Allianz" – benannt nach den Farben der Habsburgerflagge. Die SGA brachte 2008 nicht einmal die nötigen Unterstützungserklärungen für eine Kandidatur zusammen, 2013 will man wieder antreten. Auf der Homepage schwärmen die Vorkämpfer von einem monarchistischen Staatenbund, bestehend aus Österreich und den unmittelbar angrenzenden ehemaligen Kronländern. Die aber werden gar nicht erst gefragt, ob sie überhaupt Gefallen an solch gestriger Utopie finden.

Das vielbeschworene Gemeinschaftsgefühl aus alten Zeiten spürten allenfalls die Geschäftsleute. Ohne den Exportmarkt Osteuropa wäre Österreich heute schwerlich einer der erfolgreichsten EU-Staaten. Rein wirtschaftlich gesehen ist tatsächlich eine Art von Donaumonarchie wieder im Entstehen.

(RP)
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