Elbe-Hochwasser schwillt ab - Anspannung bleibt: Das "Wunder von Mühlberg"

Elbe-Hochwasser schwillt ab - Anspannung bleibt : Das "Wunder von Mühlberg"

Mühlberg/Magdeburg (rpo). Die 5.000 Einwohner des südbrandenburgischen Ortes Mühlberg können in ihre Häuser zurückkehren. "Der Deich hat gehalten, das Wunder von Mühlberg ist eingetreten", sagte der Chef des Brandenburger Krisenstabs am Dienstag in Potsdam. Während auch die Magdeburger Innenstadt bislang verschont geblieben ist, wächst in Norddeutschland die Angst vor der Flutwelle.

Der Wasserstand der Elbe in Magdeburg wird nach Einschätzung von Experten bis Sonntag über der kritischen Marke von sechs Metern liegen. Nach dem Höhepunkt der Jahrhundertflut mit 6,70 Meter in der Nacht werde das Wasser nur sehr langsam zurückgehen, teilte der Landesbetrieb für Hochwasserschutz mit. Die Jahrhundertflut wälzt sich weiter durch Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In pausenlosem Einsatz versuchen die Helfer, aufgeweichte Deiche zu sichern oder zu reparieren. Die Experten sind sich uneins, wann der Höhepunkt an den gefährdeten Punkten genau erreicht wird.

Flutwelle ist 560 Kilometer lang

Die Flutwelle, die mit ihrer zerstörerischen Wirkung die Elbe entlang rollt, ist derzeit nach Angaben eines Hochwasserexperten rund 560 Kilometer lang. "Wenn wir vom Pegelstand des mittleren Hochwassers ausgehen, reicht der Anstieg der Welle ungefähr von Boizenburg bis Niegripp mit rund 220 Kilometern Länge. In Niegripp ist derzeit der Scheitelpunkt der Flutwelle und danach haben wir einen abfallenden Bereich von rund 340 Kilometern", sagte Bernhard Schürmann vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz in einem dpa-Gespräch. Boizenburg liegt in Niedersachsen und Niegripp in Sachsen-Anhalt.

Dresden: 617.000 Euro Soforthilfe

Bei sinkenden Pegelständen der Elbe bereiten sich die Einwohner Sachsens auf die Rückkehr zum Alltag vor. Katastrophenalarm herrscht noch in sechs Landkreisen. In Dresden sollte der Alarm laut Krisenstab noch im Verlauf des Tages aufgehoben werden. Bis auf Nieder-Gohlis seien alle evakuierten Stadtgebiete wieder freigegeben worden. Nur die Augustusbrücke und das "Blaue Wunder" sind noch komplett gesperrt.

Die Zahl der Flutopfer blieb bei 15. Vermisst werden noch 17 Menschen, 108 wurden verletzt. Auch in Torgau wird die Rückkehr in evakuierte Gebiete vorbereitet. Bei den Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten werden neue Probleme deutlich. Die technische Infrastruktur in den Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist teilweise komplett zerstört. Die Hilfsorganisationen können keine Sachspenden mehr für die Flutopfer entgegennehmen, weil die Lager voll sind und die Kräfte zum Verteilen fehlen. Die Dresdner Ortsämter zahlten am Montag 617 000 Euro Soforthilfe für die Flutopfer aus. Meldungen über Plünderungen wies die Polizei zurück. In den Katastrophengebieten herrschte am Dienstag vielfach Verkehrschaos. In Dresden stauten sich die Autos kilometerlang.

In Westmecklenburg wurden am Morgen in Dömitz 5,75 Meter und in Boizenburg 4,27 Meter gemessen. Normal sind rund zwei Meter. Das Wasser steige stetig um etwa drei Zentimeter pro Stunde, berichteten die Behörden. Bei Boizenburg sind zwei Dörfer von Wasser eingeschlossen. Wird in Dömitz die kritische Höhe von 6,80 Meter überschritten, sollen Ortschaften in der Region evakuiert werden, teilte das Landratsamt Ludwigslust mit. Im Extremfall müssten bis zu 15 000 Menschen ihre Wohnungen räumen. Ein Alten- und Pflegeheim sowie zwei Kinderheime wurden geräumt.

Wegen der Jahrhunderflut haben in Sachsen- Anhalt bis Dienstag rund 60.000 Menschen ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen. Das teilte die Staatskanzlei in Magdeburg mit. Betroffen seien zahlreiche Ortschaften in sechs Landkreisen sowie einige Bereiche Magdeburgs. Im Kampf gegen die Fluten seien neben landeseigenen Kräften 17.000 Helfer aus anderen Bundesländern im Einsatz, unter anderem von Technischem Hilfswerk (THW), Feuerwehr, Bundeswehr, Bundesgrenzschutz und Hilfsorganisationen.

Mühlberg: Der Deich hat gehalten

Die 5.000 Einwohner des südbrandenburgischen Ortes Mühlberg können in ihre Häuser zurückkehren. "Der Deich hat gehalten, das Wunder von Mühlberg ist eingetreten", sagte der Chef des Brandenburger Krisenstabs Hans-Jürgen Hohn am Dienstag in Potsdam. Mühlberg war am Wochenende zwischenzeitlich von den Helfern aufgegeben worden, weil das Wasser nur noch wenige Zentimeter unter der Deichkrone gestanden hatte. Doch während im Süden des Landes die Pegel sinken, hat sich die Situation im Norden verschärft. In der Prignitz wurden nach Angaben des Krisenstabes 28 Bewohner des Ortes Breetz evakuiert.

Im niedersächsischen Hitzacker wird die Welle wahrscheinlich nicht so hoch auflaufen wie befürchtet. "Wir erwarten, dass die Flut etwas schneller kommt, dafür aber auch etwas niedriger", sagte Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD). Bernhard Schürmann vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz in Lüneburg: "Ich hoffe, dass sich der positive Trend von Magdeburg fortsetzt."

Schleswig-Holstein rüstet sich

In Schleswig-Holstein setzten rund 1000 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Bundeswehr und Technischem Hilfswerk ihre Arbeiten gegen das drohende Elbhochwasser fort. Besonders um einen Deich östlich von Lauenburg wurde noch gekämpft. "An einer Stelle im Bereich des Lauenburger Klärwerkes suppt das Wasser bereits durch den Deich", sagte Feuerwehr-Sprecher Peter Schütt. In Hohnstorf gegenüber von Lauenburg überstieg die Elbe den Stand von 6,68 Meter. Normal ist im Sommer bei Lauenburg ein Wasserstand von etwa 5 Metern. Für das Wochenende werden bis zu 9,80 Metern erwartet.

Hält der Deich den anhaltenden Wasserdruck nicht, wird das Wasser nach Schätzungen des Krisenstabes im Kreis Herzogtum Lauenburg bis zu neun Kilometer weit ins Hinterland laufen und zunächst ein Industriegebiet und danach einige kleinere Gemeinden überschwemmen. Das Atomkraftwerk Krümmel bei Geesthacht (Schleswig-Holstein) ist nach Angaben der Kraftwerksleitung und der Stadtverwaltung sicher.

In weiten Teilen Sachsens herrscht weiter akute Deichbruchgefahr. Obwohl das Wasser zurückgeht, weichen die Dämme unter der Dauerbelastung der vergangenen Tage auf und werden brüchig, wie ein Sprecher des Dresdner Innenministeriums am Dienstag erklärte. Besonders heikel sei die Lage in Torgau, wo das Wasser derzeit bei 7,93 Metern stehe.

Zur Verschärfung der Situation in Torgau trage außerdem bei, dass sich das Wasser der Elbe inzwischen in den Weißniger-Bach, einen Nebenfluss der Elbe, staue, sagte Ministeriumssprecher Sebo Koolman. Über die Zahl der Evakuierten in Sachsen konnte er keine Angaben machen. "Die Situation ist derzeit sehr unübersichtlich, wir wissen nicht, wer schon in seine Häuser zurückgekehrt ist und wer noch nicht", erklärte Koolman.

In Dresden lag der Elbepegel am Dienstagmittag bei 6,09 Metern. Die Evakuierungen in den meisten Stadtteilen wurden aufgehoben, am Mittwoch soll in den meisten Schulen der Stadt wieder der Unterricht stattfinden, wie der Sprecher sagte.

Bayer spendet eine Million Euro für Region Bitterfeld

Die Bayer AG (Leverkusen) konzentriert ihre Aktivitäten und Spenden auf die Geschädigten der Hochwasserkatastrophe um Bitterfeld. Vorstandsmitglied Werner Spinner hat am Dienstag Landrat Uwe Schulze (CDU) im Krisengebiet symbolisch per Handschlag eine Million Euro als Soforthilfe für die von den Fluten am schlimmsten betroffenen Menschen übergeben.

Flut sorgt in Bayern für Schäden bis zu 1,5 Milliarden Euro

Die Jahrhundert-Flut hat in Bayern vermutlich Schäden in Milliardenhöhe angerichtet. Die Summe könne zwischen 500 Millionen Euro und 1,5 Milliarden Euro liegen, hieß es am Dienstag im Münchner Innenministerium. "Das ist lediglich eine grobe Prognose", sagte Sprecher Christoph Hillenbrand. Nicht alle betroffenen Gemeinden hätten schon einen Schadensüberblick geben können. Allein die Schäden an Privatgebäuden würden derzeit auf 150 Millionen Euro geschätzt. Weitere Bereiche seien noch nicht erfasst.

(RPO Archiv)
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