London: Das Tagebuch von Maddies Mutter

London : Das Tagebuch von Maddies Mutter

Am Tag von Maddies achtem Geburtstag erscheint heute in Großbritannien ein Buch über die vergebliche Suche nach dem Kind. Geschrieben hat es Kate McCann, die Mutter Maddies. Titel: "Madeleine"

Sie hatte dreimal diesen Traum: Ein überraschender Telefonanruf, die Tür geht auf, und ein kleines blondes Mädchen mit einem markanten Fleck im rechten Auge rennt freudig ins Zimmer. Es ist Maddie. "Ich fühle sie, rieche sie, ich spüre, wie sie sich an mich schmiegt. Ich bin so glücklich", schreibt die 43-jährige Mutter Kate McCann. "Und dann wache ich auf. Sie ist natürlich nicht da, und der Schmerz ist unerträglich."

Maddie wäre heute acht Jahre alt geworden. Die kleine Britin Madeleine McCann wurde am 3. Mai 2007 vermutlich im Schlaf aus einem Appartement im portugiesischen Ferienort Praia de Luz an der Algarve entführt, während ihre Eltern 100 Meter weit weg in einem Restaurant mit Freunden zu Abend aßen.

Die Tragödie eines Elternpaares aus Rothley in Leicestershire bewegte die Welt, sie sorgte für unzählige Schlagzeilen. Sie beschäftigte Milliardäre und Fußballstars, die EU-Regierungen, den britischen Königshof und den Papst. Tausende Spuren und Theorien wurden überprüft, alle vergeblich. Bis heute gibt es keine Gewissheit, was an jenem Abend in der Appartementanlage "Ocean Club" geschah. Kate, eine frühere Kinderärztin, findet es "schockierend", sich nicht vorstellen zu können, wie ihre Tochter jetzt aussehen würde. Doch sie und ihr Ehemann Gerry klammern sich fest an ihre Hoffnung. "Sie braucht uns. Darum muss die Suche weiter gehen", sagt die Mutter, die ihr Drama jetzt in einem erschütternden und schonungslos offenen Buch geschildert hat. Es heißt einfach "Madeleine". Kate soll an dem 384-seitigen Buch neun Monate lang ohne fremde Hilfe gearbeitet haben. Mit den Erlösen aus seinem Verkauf sollen die Kassen des Fonds wieder aufgefüllt werden, aus dem die McCanns die Arbeit der Privatdetektive und die Medienkampagnen für Maddie bezahlen.

In den Monaten nach der Tragödie in Portugal hatten Prominente wie Joanne K. Rowling und viele Menschen aus der ganzen Welt insgesamt drei Millionen Euro für den Fonds gespendet. Von dieser Summe sollen nur noch einige Zehntausend Euro übrig geblieben sein. Kate und Gerry bräuchten Geld, um noch etwa 1900 Hinweisen und Spuren nachgehen zu können, die zum Entführer führen könnten, sagte ein Freund der Familie. "Madeleine könnte noch immer irgendwo da draußen in den Klauen eines Verbrechers sein. Jedes kleinste Detail könnte zur Lösung dieses Falls beitragen", sagt er.

Die in den Zeitungen veröffentlichten Auszüge aus "Madeleine" gewähren einen Einblick in das Gefühlschaos einer gebrochenen Frau, die nach dem Verlust ihres Kindes an Albträumen litt und zeitweise an Selbstmord gedacht hat. "Pausenlos zogen diese lebendigen, grausigen Bilder durch meinen Kopf: Madeleine kalt auf einer großen grauen Tischplatte liegend. Und ein Monster, das meine Tochter streichelt." Die Qual sei so unerträglich gewesen, dass sie sich "die eigene Haut abreißen" wollte, gesteht Kate McCann. In den Tagen nach der Entführung habe sie gegen einen dringenden Wunsch nach dem Tod ankämpfen müssen: "Ich wollte möglichst weit hinaus in den Ozean schwimmen, bis ich völlig erschöpft untergehen und die Erlösung finden würde."

Kate schildert ihre Wut und Verzweiflung über die angeblich unfähige portugiesische Polizei, die am Anfang der Ermittlungen wertvolle Zeit verloren und dann die Eltern zu Sündenböcken gemacht habe. Die McCanns standen lange in Verdacht, Maddie getötet und die Leiche im Meer entsorgt zu haben. Sie wurden erst im Juli 2008 offiziell für unschuldig erklärt.

"Es war die grausamste Folter. Ich fühlte mich wie ein verrücktes Tier in einem Käfig", schreibt Kate und schildert, wie sie aus Zorn über die Ermittler ein Kinderbett in ihrer Ferienwohnung zertrümmert habe. Sie nennt ihren Mann Gerry und ihre beiden Kinder Sean und Amelie die Quelle ihrer Kraft. Die sechsjährigen Zwillinge hatten 2007 im Bett neben Madeleine geschlafen, als sie entführt wurde. "Sean", schreibt die Mutter, "hat mir versprochen, nach ihr zu suchen, wenn er groß geworden ist."

(RP)