Berlin: Das Schicksal der "Verräterkinder"

Berlin: Das Schicksal der "Verräterkinder"

Was die Söhne und Töchter von NS-Widerstandskämpfern erlebt haben, erzählt der Dokumentarfilm "Verräterkinder". Autor und Regisseur Christian Weisenborn setzt sich darin auch mit der eigenen Vergangenheit auseinander.

Zwei Jungen in Latzhose stehen vor dem Auto ihres Vaters. Sie spielen im Grünen, toben mit den Eltern - leicht verblasste, schwarz-weiße Erinnerungen einer scheinbar unbeschwerten Kindheit flimmern über die Leinwand. Die Stimme des längst erwachsenen Christian Weisenborn führt die Zuschauer in die Nachkriegsjahre der Bundesrepublik- und zu seinem Schicksal. Zu Feiern, bei denen Freunde der Eltern von Widerstand, andere von Spionage sprechen. "Früh merkte ich: Unsere Familie war anders als andere", erzählt der Regisseur von "Verräterkinder - Die Töchter und Söhne des Widerstands".

Es ist ein sehr persönliches Werk des Filmemachers, dessen Eltern Teil eines Freundeskreises von NS-Widerstandskämpfern waren. 1942 wurden sie als Mitglieder der von der Gestapo "Rote Kapelle" genannten Gruppe verurteilt. Mit Glück entgingen sie der Hinrichtung, 57 ihrer Freunde nicht. In seinem Dokumentarfilm interviewt Weisenborn fünf Kinder, deren Eltern für ihren mutigen Kampf gegen das Nazi-Regime mit dem Tod bestraft wurden - etwa als Mitglieder der "Roten Kapelle" oder als Drahtzieher oder Mitwisser des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Lange galt ihr Engagement nicht als mutig. Als "Verräterkinder" waren sie viele Jahre stigmatisiert. "Meine Mutter kam mit verweinten Augen vom Elternsprechtag. Es ging wohl um meine Leistungen, und der Lehrer hatte gesagt, vom Sohn eines Verräters könne er auch nichts anderes erwarten", berichtet Axel Smend mit tränenerstickter Stimme. Sein Vater Günther, Mitglied des Generalstabs und Verschwörer vom 20. Juli, wurde 1944 hingerichtet.

Nahtlos gehen die Erinnerungen der "Verräterkinder" in Weisenborns Film ineinander über. Dieselben Erfahrungen einen sie. Weisenborn führt die Geschichte der Widerstandsgruppen zusammen, die für fast alle Mitglieder mit der Hinrichtung in Berlin-Plötzensee endete. Der Film zeigt Kinder, die lange nicht verstehen konnten, warum ihre Eltern erst als Verräter verachtet, dann als Helden stilisiert wurden. "Mein Vater hat über meine Mutter und ihren Widerstand nicht gesprochen. Ich war wütend auf sie, weil sie mich verlassen hatte, und durfte es nicht sein", sagt Saskia von Brockdorff. Ihre Mutter wurde als Mitglied der "Roten Kapelle" hingerichtet, als die kleine Tochter sechs Jahre alt war.

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Die Protagonisten berichten von letzten Botschaften ihrer Eltern. Sie berichten von den Leiden der zurückgelassenen Mütter und Kinder. "Die Bevölkerung wurde nach dem Krieg ja nicht ausgewechselt", sagt Axel Smend. Vier Monate nach der Geburt des Sohnes wurde Vater Günther hingerichtet. Auch wenn er ihn nicht kennengelernt habe, sei der Vater ihm immer Orientierungshilfe gewesen. "Die Frage ist doch, was ist die Botschaft aus dem Widerstand - auch für unsere Enkel?", sagt Smend. Von der Trauer um die toten Eltern erzählt Hans Coppi und davon, wie schwierig es war, einen Zugang zu den toten Eltern zu finden. Als seine Mutter Hilde mit ihm schwanger war, wurde sie 1942 wegen ihrer Arbeit für die "Rote Kapelle" verhaftet. Hans wurde im Gefängnis geboren, und er war noch nicht vier Wochen alt, da wurde der Vater hingerichtet, acht Monate später seine Mutter. Der Junge wuchs bei der Oma und mit einer schmerzenden Lücke im Leben auf.

Saskia von Brockdorff quälte sich lange mit der Frage, warum ihre Mutter die Gefahr suchte und sie alleine ließ. Erst 60 Jahre nach der Hinrichtung erreichte sie deren Abschiedsbrief. In der Doku liest sie daraus vor - bedächtig, wissend um diesen Schatz. "Ich habe das Beste gewollt", schrieb Erika von Brockdorff, "daran sollst du dich immer halten, wenn man mich kleinmachen will in deinen Augen. Ich habe den festen Glauben, dass mal eine Zeit kommt, wo man anders über mich und die vielen andren denkt."

(RP)
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