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Stuttgart: Das grüne Dienstwagen-Problem

Stuttgart : Das grüne Dienstwagen-Problem

Das Stuttgarter Kabinett des ersten Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann will bei den Dienst-Limousinen abrüsten. Der Chef steigt vom Mercedes-Benz 600 um in eine 450er S-Klasse.

Baden-Württembergs neuer Regierungschef Winfried Kretschmann (63) hört es nicht ungern, wenn man ihn einen Philosophen in der Politik nennt. Kretschmann (seine Freunde nennen ihn Kretsch) zählt zu den Menschen, die versuchen, erst zu denken und dann zu reden. Ob der erste Grünen-Länderchef ein Beispiel sein wird für Karl Marx' These, wonach beim Menschen das Sein das Bewusstsein bestimme, wird sich in Kürze im Arbeitsalltag zeigen.

Zeige mir deinen Dienstwagen, und ich sage dir, wer du bist, beziehungsweise, wie weit nach oben du es gebracht hast – nach diesem Maßstab müsste es über dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten kaum einen Höheren auf Erden geben. Denn traditionell stellt die in Stuttgart beheimatete Weltfirma Daimler-Benz dem jeweiligen Landesvater (eine Ministerpräsidentin hat es im Südwest-Staat noch nicht gegeben) ihr Pkw-Prachtexemplar vor die Villa Reitzenstein, den Dienstsitz am Hang über der Landeshauptstadt.

Kretschmann, der privat einen betagten Mercedes mittlerer Größe fährt beziehungsweise von seiner Frau Gerlinde fahren lässt, nimmt also dienstlich seit seiner Vereidigung am 12. Mai im klotzigen 600er Platz. Der Wagen ist eine Hinterlassenschaft von Kretschmanns Vorgänger Stefan Mappus (CDU). Für "Kretsch", einen Grünen der ersten Stunde, ist es natürlich ein politisches Unding, auch nur einen Tag länger als der Leasing-Vertrag läuft, in einer spritschluckenden, viel CO2 ausspuckenden XXL-Limousine unterwegs zu sein. 517 PS, im Durchschnitt fast 15 Liter Super und dazu 340 Gramm CO2-Emission pro Kilometer – das erscheint einem nicht bloß scheinheiligen grünen Umweltfreund so inakzeptabel wie eine Autobahn ohne Tempolimit.

Noch im Sommer wird Winfried Kretschmann den 600er gegen eine 450er S-Klasse tauschen. Wegen der Gefährdungs-Einschätzung wird der 450er zwar ebenso wie der 600er gepanzert sein. Wenn aber nicht sicherheitspolizeiliche Gründe dagegen sprechen, würde Kretschmann nach Auskunft seiner Sprecher auch einen Dienstwagen ohne Panzerung akzeptieren. Der wäre leichter als der gepanzerte 450er, käme mit weniger PS aus und näherte sich womöglich gar einem umweltpolitisch korrekten CO2-Wert von 130 Gramm. Diesen Wert hatte das neue grün-rote Landeskabinett kürzlich für Regierungs-Pkw pauschals als Obergrenze vorgegeben. Schon sollen einige Minister und Staatssekretäre in Stuttgart bangen, dass sie sich künftig in kleineren, vielleicht sogar lahmeren Elektro-Modellen chauffieren lassen müssen. Umweltminister Winfried Hermann (Grüne) soll ein mit Finanzminister Nils Schmid (SPD) abgestimmtes Fahrzeugpark-Konzept erarbeiten. Es ist möglich, dass das Stuttgarter Kabinett bereits am Dienstag einen Beschluss mit CO2- senkender Wirkung fasst.

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Im deutschen Paradeland der Premium-Automobile sieht die Wirtschaft den Umsteuerungs-Eifer von Grün-Rot mit gemischten Gefühlen. Einerseits sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche vor kurzem in Kretschmanns Gegenwart, man werde so grüne Autos bauen, dass die anderen in der Branche gelb vor Neid würden. Andererseits fürchten Bosse und Arbeiter bei Daimler und Porsche, dass Kretschmann und Co. mit ihrem missionarischen Drang die weltweit bewunderten, großvolumigen deutschen Exquisit-Autos schlechtreden.

Vielleicht verziehen, aber gewiss nicht vergessen ist bei Daimler und Porsche, dass Kretschmann, noch bevor er vor zwei Monaten zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, dafür geworben hatte, künftig weniger Autos zu produzieren. Das klang damals im Ländle so seltsam, wie wenn ein Winzer vom Kaiserstuhl zu weitgehendem Weinverzicht aufgerufen hätte.

Kretschmann hat seinen Fehler eingesehen. Schon in seiner ersten Regierungserklärung stellte er fest, niemand bei Grün-Rot wolle den Menschen vorschreiben, welches Auto sie kaufen sollen. Am vergangenen Montag war der Friedensschluss mit der Auto-Industrie anscheinend perfekt. Daimler-Boss Zetsche präsentierte dem Landesvater mit dem Bürstenschnitt und der knarzenden Stimme modernste Unternehmens-Entwicklungen zum Bau energieeffizienter Fahrzeuge. Kretschmann lobte: Wenn solch neue, sparsame Typen marktreif würden, wäre auch er für mehr statt weniger Autos.

50 Kilometer südlich von Stuttgart dürfte Tübingens junger grüner Oberbürgermeister Boris Palmer darüber müde lächeln. Palmer, seit 2007 im Amt, verzichtet auf ein Dienstauto. Er benutzt stattdessen ein Pedelec – ein Fahrrad mit einem Motörchen.

(RP)