1. Panorama

Serie 100 Jahre Erster Welkrieg: Das Ende einer Welt

Serie 100 Jahre Erster Welkrieg : Das Ende einer Welt

Ein großer länglicher Tisch, spärlich eingedeckt. Einige Gläser sind halb, einige ganz gefüllt. Über dem Tisch brennt eine verschnörkelte Lampe, das Fenster schmücken Gardinen, die Wand ein paar billige Drucke. Am Kopfende haben sich zwölf Wesen zum Foto aufgestellt.

Sind das noch Menschen?

Es sind Menschen, natürlich, deutsche Soldaten des Ersten Weltkriegs, aber sie sehen aus wie böse Insekten, wie Monster aus einer Fieberfantasie. Denn ihre Gesichter sind nicht zu erkennen — verschwunden unter vermutlich hellbeigen oder braunen Gasmasken. "Anpassen von Gasmasken an der Westfront" vermerkt lakonisch die Beschreibung; entstanden ist die Fotografie 1916 in Belgien.

Sie zeigt nicht das Inferno der Schlacht, keine Leichen in Granattrichtern, und doch ist sie schockierend. Denn sie enthüllt eine der Wahrheiten dieses Kriegs: Nie zuvor war der Mensch, wenn er ins Feld zog, so wenig Mensch wie zwischen August 1914 und November 1918. Nie zuvor hat er sich mit so viel ausgeklügelter Technik umgeben, um seinesgleichen umzubringen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs markiert, umfassender noch als die Entfesselung des Zweiten, eine historische Wasserscheide: Es gibt ein klares Davor und ein klares Danach. Nach 1918 ist der Weg zurück zu einem Leben, das auch nur entfernte Ähnlichkeit mit dem vor 1914 hat, für alle Zeiten blockiert.

Denn dies ist der erste Konflikt, der nicht nur zwischen Armeen im Feld geführt wird, sondern zwischen Völkern. Es ist der erste Krieg mit Fernwirkung, der auch die in Mitleidenschaft zieht, die vom Kampfgeschehen unberührt bleiben — im Deutschen Reich verhungern Hunderttausende, weil auf der Nordsee die Royal Navy die Lebensmittellieferungen blockiert. Die deutschen U-Boote ihrerseits bedrohen die britische Versorgung.

Dies ist der erste Krieg, der zum totalen Krieg weiterwuchert, mit neuen Waffen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Er ist, zumindest am Ende, der erste Krieg, der geführt wird, um künftige zu vermeiden. Dies ist der erste Krieg, in dem die ehemalige Kolonie Amerika in Europa eingreift — in der Überzeugung, für die Demokratie zu streiten.

Dies ist der erste Krieg, der ganze Gesellschaftsgefüge verändert. An seinem Ende stürzen nicht nur Regime, sondern soziale Ordnungen, jahrtausendalte Gewissheiten über das Zusammenleben der Menschen, über Oben und Unten, als unumstößlich geltende Dogmen.

  • Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg : Der Krieg, der alles änderte
  • Serie 100 Jahre Erster Weltkrieg : Als August Becker in den Krieg zog
  • RP-Talk zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges

Dies ist das Ende einer Welt.

In diesem Sinne ist es der "Große Krieg", als der er im Gedächtnis Großbritanniens, Frankreichs und Italiens steht. Die deutsche Bezeichnung "Erster Weltkrieg" ist fast irreführend: Geschossen und gestorben wird zwar in Frankreich und in Rumänien, in Mesopotamien und China, in Ostafrika und im Südatlantik — aber weltumspannend waren Kriege schon im 18. Jahrhundert gewesen. Die schiere räumliche Ausdehnung ist nicht das Unerhörte dieser 1564 Tage, es ist das gänzlich Unbekannte. Am Ende erweist sich der Krieg tatsächlich als unbeherrschbar. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hat das im Juli 1914, als der Frieden schon fast verloren war, in die Metapher vom "Sprung ins Dunkle" gefasst. Der nachdenkliche Bethmann meinte das nicht in flacher Kriegsbegeisterung, sondern eher im Sinne einer verhängnisvollen nationalen Pflicht.

1914 drückt das alte Europa auf den Selbstzerstörungsknopf. Das allein muss man noch nicht beklagen; denn der Krieg ist auch ein ungeheurer gesellschaftlicher Modernisierungsschub, an dessen Ende unter anderem das Frauenwahlrecht und eine demokratische Verfassung für Deutschland stehen. Ein Sündenfall, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie der US-Diplomat George F. Kennan es 1979 ausdrückte, ist er dennoch — vor allem deshalb, weil er auch auf dem Feld der Untaten die Tür zur Moderne weit aufstößt. Im Ersten Weltkrieg behandelt der Mensch den Menschen erstmals wie Ungeziefer — er schickt ihn auf Todesmärsche und versucht, ihn als Volk auszurotten (so wie die Türken mit den Armeniern), und er bemüht sich, ihn mit Giftgas zu vertilgen wie eine Laus (erstmals geschehen an der Westfront 1915 durch die Deutschen). Aus den Schützengräben von Verdun und Ypern führen Wege auch nach Auschwitz.

Der Krieg ist eine einzige Eskalation; schwindelerregend sind dementsprechend seine Folgen: In Deutschland, Russland und Österreich stürzen die Throne. Die Weimarer Demokratie kommt nie richtig auf die Beine — auch weil die Niederlage von 1918 eine offene Wunde bleibt. Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn verschwindet aus der Geschichte, desgleichen das Osmanische Reich; Russland stürzt sich in einen mörderischen Bürgerkrieg, aus dem der Bolschewismus als Sieger hervorgeht — Resultat sind 70 Jahre kommunistischer Diktatur.

Aber auch die Sieger werden nicht glücklich mit dem Frieden. Die USA wollen von der neuen europäischen Ordnung bald nichts mehr wissen und verabschieden sich in die Isolation. Großbritannien, einst reichste Nation Europas, ist hernach vor allem Schuldner Amerikas; das Empire beginnt bereits 1918 zu bröckeln. Frankreich hat der Krieg so ungeheure Opfer abverlangt, dass es unfähig ist, eine Friedensordnung jenseits von Revanchegelüsten zu gestalten, und zugleich so ermattet, dass es Hitler am Ende nichts entgegenzusetzen hat. Italien schließlich, das sich nur knapp auf die Siegerseite gerettet hat, erlebt bürgerkriegsähnliche Jahre und den Sieg des Faschismus.

Viele, Einzelne wie Regierungen, haben sich 1914 mehr von einem Krieg erhofft, als sie durch ihn befürchteten. Dass die Hoffnung trog, liegt angesichts von 15 Millionen Toten auf der Hand. Die monströse Blutspur, die dieser Krieg noch lange nach seinem Ende über den Kontinent zog, hat es den Europäern spätestens 1945 gründlich ausgetrieben, überhaupt irgendwelche Hoffnungen auf Krieg zu setzen.

1914 war der letzte Krieg, in den die Massen mit Hurrageschrei zogen. Ein Jahrhundert später gibt es Grund zur Hoffnung, dass auch in dieser Beziehung der Weg zurück unmöglich ist.

(fvo)