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Warum Übergewicht in der Pandemie so gefährlich ist

Dicke Probleme : Warum Übergewicht in der Pandemie so gefährlich ist

Mehr als die Hälfte der Deutschen sind übergewichtig, ein Viertel von ihnen sogar schwer. Was viele jedoch verdrängen: Sie stecken sich leichter mit Covid-19 an und zählen zur Risikogruppe für schwere Verläufe. Alles über die Risiken der viel zu vielen Kilos.

Manchmal hängt der Pandemie der Hauch des Schicksalhaften an, dem die Menschheit hilflos ausgeliefert sei. Ganz so hilflos, sind wir jedoch nicht, denn es gibt Risikofaktoren, die man selbst in der Hand hat. Eines davon: Übergewicht.

„Ab einem BMI von 28 nimmt die Sterberate langsam zu“, sagt Ernährungsmediziner Hans Hauner. Er ist Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums (EKFZ) an der Technischen Universität München und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie berät unter anderem Politik und Gesellschaft in wichtigen Zukunftsthemen. Starkes Übergewicht erhöht bei einer Covid-19-Infektion also die Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhauseinweisung, einen schweren Verlauf oder sogar den Tod.

Laut einer kalifornischen Studie steigt das Risiko bei einer starken Adipositas (BMI von 40), an Covid-19 zu sterben, um das Dreifache. Der BMI gilt als gebräuchlichste Formel, um festzustellen, ob Gewicht und Größe in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Vor allem jüngere Männer sind laut dieser Untersuchung betroffen.

Zahlreiche Wissenschaftler, wie auch der Direktor des Ernährungsprogramms der WHO, Francesco Branca, halten darum Übergewicht für den größten Risikofaktor für eine schwere Corona-Erkrankung. Ist das den Deutschen klar?

Nein, sagt Hauner. Nach wie vor würden die Risiken von Übergewicht unterschätzt. Adipositas werde seit Jahrzehnten nicht ernst genommen. Zwei Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland sind übergewichtig. Sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) über 25. Jeder vierte Erwachsene ist sogar adipös (BMI über 30), wie aus dem Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts hervorgeht. In Summe sieht man sich in Anbetracht der vielen Übergewichtigen in Deutschland einer beachtlichen Zahl an Risikopatienten gegenüber.

Aktuelle Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung zeigen, dass auch bei den über 80-Jährigen die Zahl Fettleibiger gravierend zugenommen hat. Zwischen 2009 und 2018 sieht man bei den 85 bis 89-Jährigen sogar eine Steigerung um 80 Prozent. Das wird in Zeiten der Pandemie einmal mehr zum Problem. Denn neben dem Alter und der damit einhergehenden Anfälligkeit für zahlreiche Erkrankungen potenzieren sich durch das Zuviel auf der Waage rasch weitere Risiken.

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Denn Übergewicht ist kein isoliertes Problem. Die Entstehung von Diabetes, Herz-Kreislauf- sowie verschiedene Krebserkrankungen steht damit in Zusammenhang. Allein jede einzelne dieser Krankheiten lässt Menschen, wenn sie sich mit Covid-19 infizieren, zu potenziellen Risikopatienten werden. Mehrere Erkrankungen verbessern die Situation also keineswegs.

Müssen Adipöse mit einer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus, ist die Sorge vor einer invasiven Beatmung laut Experten mehrfach begründet. „Einerseits haben diese aufgrund ihrer höheren Körpermasse einen gesteigerten Sauerstoffbedarf“, erläutert die Deutsche Lungenstiftung. Andererseits sei ihr Lungenvolumen oft deutlich vermindert. Denn bei Fettleibigen ist das Zwerchfell aufgrund der vermehrten Fettablagerung in den inneren Organen weniger beweglich. Dies sorgt dafür, dass die Lunge nur eingeschränkt dehnbar und weniger gut belüftet ist. Der Sauerstoffbedarf steigt durch diese Situation also nochmals an.

In Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion kann das besonders brenzlig werden. „Entzündliche Prozesse werden angefacht, so dass sich eine chronisch-schwelende Entzündung entwickelt“, sagt Adrian Gillissen, Vorstandsmitglied der Deutschen Lungenstiftung und Direktor der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie der Ermstalklinik Reutlingen-Bad Urach. Daraus lässt sich erklären, warum bei diesen Menschen das Risiko besonders hoch ist, künstlich beatmet werden zu müssen. Zudem sei das Immunsystem stark Übergewichtiger sei schwächer, sagt Hauner. Das kann die Funktion des Lungengewebes und der Bronchien zusätzlich beeinträchtigen.

Adipöse können sich zudem leichter mit Sars-Cov-2-Viren infizieren. Der Grund: Im Fettgewebe gibt es mehr Andockstellen für Coronaviren, sagt der Münchner Ernährungsmediziner. Was die Situation zusätzlich verschärft: Die meisten Fettleibigen bewegen sich zu wenig. Das macht sie anfälliger für kardio-vaskuläre Probleme. Übergewichtige leiden daneben häufiger an Arterienverkalkung. Im Falle einer Corona-Infektion kann sie zu akuten Durchblutungsstörungen führen.

Die Pandemie hat ihrerseits das Gewichtsproblem vieler Deutscher verschärft. In einer Umfrage des EKFZ gaben rund 40 Prozent der Befragten an, im Schnitt 5,6 Kilo zugenommen zu haben. Die Studie zeigt außerdem, dass 52 Prozent der Befragten in der Corona-Krise weniger körperlich aktiv sind. Betroffen sind demnach vor allem Männer, jüngere Menschen und besser Gebildete. Mögliche Gründe: geschlossene Sportvereine und Fitnessstudios. Viele essen aus Langeweile oder zur Stressbewältigung einfach mehr.

Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass in Ländern, in denen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung übergewichtig sind, fast zehnmal so viele Menschen an Covid-19 sterben als in Ländern mit einer geringeren Rate von Übergewicht. Solche Zusammenhänge wies man in den USA, aber auch in Mexiko, Peru, Großbritannien, Spanien, Italien und Tschechien nach.

Unklar ist die Situation in Deutschland. „Hierzulande gibt es keine Daten darüber, wie viele Adipöse ins Krankenhaus eingewiesen werden oder schwere Verläufe haben“, sagt Hauner. Neben dieser Tatsache moniert der Experte, dass man gesundheitspolitisch vieles verschlafen habe. Die Pandemie mache diese Versäumnisse nun sehr deutlich. Die Deutsche Allianz nichtübertragbarer Krankheiten (DANK) hält für die Mehrzahl tödlicher Covid-19-Verläufe Volksleiden wie Adipositas, Diabetes, Krebs, Herzkreislauf- oder chronische Atemwegserkrankungen für verantwortlich. Viele tausend Corona-Tote hätten vermieden werden können, wenn man eine konsequente Präventionspolitik verfolgt hätte.

Schutz bietet die Impfung. Erwachsene mit einem Body-Mass-Index über 30 und Kinder ab zwölf Jahren, deren Gewichtsperzentile über 97 liegt, zählen laut Stiko zu den Risikogruppen mit besonderer Indikation für eine Covid-Impfung. Derzeit zählen Adipöse jedoch nicht zur Gruppe der Menschen, die bevorzugt eine Booster-Impfung erhalten sollen.

Mehr Prävention in Sachen Übergewicht fordert auch Hauner. Für dringlich hält er unter anderem, ein stärkeres Augenmerk auf adipöse Corona-Kranke zu richten. „Aus den bisherigen Erkenntnissen erscheint es möglicherweise sinnvoll, Konsequenzen für die Behandlung Adipöser mit Corona zu ziehen“, sagt er. Dazu zähle beispielsweise eine bessere Beobachtung sowie womöglich eine frühere intensivmedizinische Betreuung dieser Gruppe.

Übergewichtigen rät er dazu, trotz andauernder Pandemie wieder mehr auf Bewegung und Ernährung zu achten und auf lange Sicht Gewicht zu reduzieren. Das lässt sich über eine gemeinsam mit dem Arzt geplante Kost erreichen und die Umstellung auf mehr Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und fettreduzierte Milchprodukte. Daneben sollten Abnehmwillige bewusst den Konsum von Süßigkeiten, Fastfood, fettreichen Fleischprodukten und kalorienreichen Getränken reduzieren. Adipösen könne auch eine zeitlich begrente Formula-Diät (Pulverdiät) unter ärztlicher Aufsicht helfen, Pfunde zu verlieren.

Die WHO empfiehlt entweder ein mäßig starkes Ausdauertraining für 150 bis 300 Minuten über die Woche verteilt oder alternativ eine intensivere Belastung von 75 bis 150 Minuten in der Woche durch Walking, Joggen, Radfahren, Schwimmen oder andere Sportarten. Neu ist die Empfehlung, zusätzlich an mindestens zwei Tagen pro Woche muskelstärkendes Krafttraining wie Liegestützen oder Hanteltraining zu betreiben.