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Virologe Hendrik Streeck bei Markus Lanz: Sterblichkeitsrate ist geringer als angenommen

Virologe Hendrik Streeck bei Markus Lanz : „Es kommt darauf an, wie man zählt...“

Der Virologe Hendrik Streeck analysiert derzeit eine Forschungsreihe zur Verbreitung des Coronavirus im Kreis Heinsberg. Einige Ergebnisse überraschen. Markus Lanz will von ihm wissen: “Gehen wir die ganze Zeit von einer fünf mal höheren Sterblichkeitsrate aus?”

Den Virologen Prof. Hendrik Streeck, der per Video ins Studio zugeschaltet wird, überraschen die Zahlen nicht. Seine Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass 15 Prozent der Einwohner in Gangelt eine Infektion bereits durchgemacht haben oder derzeit infiziert seien. Sein Bonner Forscherteam präsentierte am Donnerstag Zahlen zur Sterblichkeit durch die Viruskrankheit, die in der Gemeinde bei 0,37 Prozent liege. Die Johns-Hopkins-Universität ging bislang von knapp 2 Prozent aus. Der Berliner Virologe Christian Drosten hatte am Donnerstag die Präsentation der Ergebnisse Streecks und seines Teams kritisiert.

Streeck erklärt, die Diskrepanz in der Annahme der Sterblichkeitsrate liege daran, wie sich die Zahlen zusammensetzen. Bei Johns Hopkins werden alle gemeldeten Fälle, die positiv getestet worden sind, Fällen gegenübergestellt, die gestorben sind. Entscheidend sei, was gezählt werde. “Wir haben eine repräsentative Stichprobe gemacht”, erklärt der Virologe seine Methode. Sein Team sei nicht davon ausgegangen, wer positiv oder negativ getestet wurde. Stattdessen luden sie 1000 Bürger stichprobenartig ein und testeten “ob jemand eine Immunität gegen das Virus hat und ob sie noch Träger des Virus und potentiell infektiös sind.” Bei dieser zunächst vorläufigen Analyse - erst die Hälfte der Ergebnisse sind ausgewertet - habe sein Team herausgefunden, dass 15 Prozent der Gemeinde Gangelt infiziert sind oder waren. “Damit kann man das erste Mal Rückschlüsse darauf ziehen, wie sich das Virus in der Bevölkerung insgesamt verhalten wird und Rückschlüsse auf die Gesamtmortalität ziehen.” Die Sterblichkeit liege demnach bei 0,37 Prozent.

“Das Problem ist, wie man testet - in Bereichen, wo man viel testet, findet man auch viele Infektionen. Dadurch haben wir bislang in Deutschland eine niedrigere Sterblichkeitsrate als in Italien oder Spanien, wo weniger getestet wird.“ Streeck schlägt vor, ähnliche “stichprobenartigen repräsentativen Studien wie in Gangelt auch anderswo durchzuführen“, um „unvoreingenommen“ zu testen.

Markus Lanz fasst Streecks Statistik zusammen: “Also haben wir jetzt erstmals einen Befund, bei dem wir sagen können: So gefährlich oder offenbar fünf Mal weniger gefährlich als bisher angenommen ist dieses Virus.” Eine wichtige Zahl, weil sie Panik verursachen oder vermeiden könne. Das sieht Streeck genauso. Zudem könne man „aus den Zahlen auch ein Stück weit die Dunkelziffer errechnen, nach der ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung an Covid 19 erkrankt seien, ohne es mitbekommen zu haben.“ Seiner Ansicht nach werde die Dunkelziffer in Regionen, in denen viel getestet werde, überschätzt.

Lanz wüsste gerne, ob der Virologe vorschlägt, künftig ganz anders zu testen. Streeck findet das jedoch gar nicht so wichtig: “Für Menschen, die schwer krank sind und mit Atemnot ins Krankenhaus kommen, ist es wichtig herauszufinden, woran sie erkrankt sind.” Jemand der eine leichte Erkältung oder einen grippalen Infekt habe, für den sei es in Ordnung, ungetestet zu Hause zu bleiben und darauf zu achten, andere nicht anzustecken.

“Die Zahl der Testung der Infektion, oder der Verstorbenen sollte nicht der Maßstab sein, wie wir mit den Maßnahmen umgehen”, findet Streeck. Allein die Kapazitätsgrenzen der Krankenhäuser sollte der Maßstab für Einschränkungen und Maßnahmen in der Bevölkerung sein. Bei den Intensivbetten gebe es derzeit zum Glück durchaus noch Luft nach oben.

Die Bürger hätten inzwischen Maßnahmen zur Hygiene und zum Abstand verinnerlicht. Jetzt gehe es darum, zu lernen mit dem Virus umzugehen. “Denn wir werden das Virus nicht aus der Gesellschaft rauskriegen”, sagte Streeck. Nun könne man in Deutschland weiterarbeiten, und nach und nach bestimmte Maßnahmen zurücknehmen.