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Virologe Hartmut Hengel: „Das Virus erfindet sich immer wieder neu“

Virologe Hartmut Hengel : „Ich glaube, dass das Virus im Herbst mit einer neuen Variante zurückkommt“

Der Freiburger Virologie-Professor Hartmut Hengel spricht im Interview über die Zeit nach Omikron, die Mängel der Impfstoffe und die Kommunikationsschwächen der Politik. Seine Meinung zur Impfpflicht ist differenziert.

Herr Professor Hengel, momentan haben Sie einen krisensicheren Beruf, oder irre ich mich?

Hengel Auf den ersten Blick mag das so scheinen. Aber es besteht eine massive Überforderungssituation, die unser Fach auch gefährdet.

Wieso?

Hengel Die virologischen Institute an den deutschen Universitätskliniken sind nicht für Pandemien dimensioniert, und sie leiden unter dem finanziellen Druck, der in den vergangenen Jahrzehnten in der Hochschulmedizin in Deutschland aufgebaut worden ist. Wir wurden lange Zeit totgespart, nun aber werden wir täglich gebraucht. Dazu kommt, dass es im Osten Deutschlands fast keine Universitätsinstitute für Virologie mehr gibt.

 Hartmut Hengel auf einem Archivbild.
Hartmut Hengel auf einem Archivbild. Foto: Christoph Goettert (goet)/Göttert, Christoph (goet)

Klingt nicht gut. Apropos schlechte Aussichten: Wie schätzen Sie denn die Corona-Zukunft ein? Gibt es ein halbwegs normales Leben nach Omikron?

Hengel Die aktuelle Lage zeigt uns Virologen die sprichwörtlich atemberaubende Vielfalt von Sars-CoV-2. Es hat nun eine neue Variante generiert, die sich von den bisherigen Mutanten fundamental unterscheidet, weil die Übertragbarkeit viel höher ist. Gleichzeitig verlaufen die Infektionen milder. Spannend ist für mich, dass ein Virus, das so gut durch die Luft fliegen kann, nun eben nicht aus den tiefen Atemwegen kommt, sondern eher aus den oberen Atemwegen. Normalerweise ist es so, dass Erreger, die besonders tief aus der Lunge kommen, für Aerosole prädisponiert sind, das kennen wir von der Tuberkulose oder von den Windpocken.

Neue Daten aus Südafrika zeigen, dass es aber durchaus Omikron-Tote gibt, doch im Verlauf eben deutlich später.

Hengel Auch in Deutschland sterben Menschen an Omikron, es sind vor allem ältere Menschen. Andererseits gibt es immer noch Delta-Fälle, die sich über viele Wochen hinziehen, was die Versorgungssituation auf den Intensivstationen erschwert.

Ich weiß von einem Patienten auf einer Intensivstation, der liegt dort aktuell bereits in der 16. Woche.

Hengel Solche Fälle gibt es auch bei uns in Freiburg. Das sind vor allem jüngere Menschen, die noch gute körperliche Reserven haben und mit Hilfe der künstlichen Lunge lange durchhalten.

Herr Streeck hat dieser Tage gesagt, dass wir uns – was Corona betrifft – auf ein Leben mit Sommer- und Winterreifen einstellen müssen. Stimmen Sie ihm zu?

Hengel Ich glaube auch, dass wir im Sommer 2022 wieder eine sehr deutliche Verbesserung bekommen, wenn die klimatischen Verhältnisse besser werden. Das deckt sich übrigens auch mit der aktuellen Entwicklung in Südafrika. Die Durchseuchung, die wir durch Omikron erleben werden, wird aber nicht ausreichen für eine wirksame Herdenimmunität. Das wäre eine Fehleinschätzung. Eher glaube ich, dass das Virus im Herbst oder Winter in Form einer neuen Variante zurückkommt. Bis dahin werden wir vermutlich immer noch relativ viele Ungeimpfte haben – sie bleiben potentielle Opfer für schwere Verläufe.

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Also wir werden nach Omikron noch einen weiteren griechischen Buchstaben benötigen?

Hengel Ja, das glaube ich schon. Wenn ich über die Variantenentwicklung nachdenke: Wieso sollte alles mit Omikron plötzlich aufhören? Das Virus hat seine Kreativität in der Generierung neuer Varianten bewiesen. Es erfindet sich immer wieder neu.

Glauben Sie nicht, dass die Situation im kommenden Herbst doch entspannter sein wird – in dem Sinn, dass die schweren Fälle möglicherweise doch nicht so häufig vorkommen, weil es im Land eine gewisse Grundimmunität gibt?

Hengel Natürlich würde ich mir wünschen, dass die nächste Welle nicht so ausfällt wie Delta und Omikron. Aber wie stabil die Immunität durch die jetzigen Impfstoffe langfristig ist, wissen wir nicht wirklich. Wir ahnen schon jetzt, dass sie keine so nachhaltige Immunität erzeugen, wie wir uns das erhofft haben. Wir müssen möglicherweise unsere Impfstrategie erweitern.

Wie denn?

Hengel Wir müssen weitere Impf-Antigene in unser Impfkonzept einbeziehen. Momentan setzen wir nur auf ein einziges und dabei besonders variables Antigen.

Sie meinen das Spike-Protein?

Hengel Ja. Und das ist nicht optimal. Oder anders gesagt: Das ist ergänzungsbedürftig. Wir könnten weitere Antigene einbeziehen, die auch für die T-Zell-Immunität besser geeignet sind als das Spike-Protein. Trotzdem dürfen diese Überlegungen keinesfalls ein Grund dafür sein, sich jetzt nicht impfen zu lassen. Denn auch die aktuelle Impfung schützt vor einem schweren Verlauf.

Momentan wird den Leuten ja alle zwei Tage eine neue Verordnung um die Ohren gehauen. Verstehen Sie den Ärger der Menschen?

Hengel Ja, den verstehe ich. Nehmen Sie die Verkürzung des Genesenenstatus. Ein Grund dafür wird sicher sein, dass sich so mehr Menschen boostern lassen. Aber es wurde nicht optimal kommuniziert.

Der Medizinstatistiker Gerd Antes hat neulich in unserer Zeitung erneut kritisiert, dass in der Frühphase der Pandemie keine große Kohorte von Menschen gebildet und immer wieder getestet worden sei. Dann hätte man genauer gewusst, wie es etwa um die Grundimmunität der Bevölkerung bestellt ist.

Hengel In der Tat, das ist ein Mangel. Andererseits gibt es in Deutschland die sogenannte nationale Kohorte, die streng repräsentativ gebildet worden ist. Das sind immerhin 20.000 Menschen. Warum diese Kohorte nicht genutzt werden kann, kann ich nicht erklären. Mangelt es an Geld, verbietet es der Datenschutz? Ich weiß es nicht.

Der Datenschutz ist ja ein großes Hemmnis, etwa auf dem Weg zu einem nationalen Impfregister.

Hengel Das sehe ich auch so. Wenn wir auf demokratische Länder mit Impfregister schauen, müssen wir fragen, ob wir in Deutschland an dieser Stelle eine Selbstknebelung und Selbstbehinderung von sinnvoller Wissenschaft und Empirie haben.

Ich finde die deutsche Virologie übrigens in ihrer Außendarstellung problematisch. Tausend Leute reden durcheinander, und alle sagen etwas anderes. Da wissen die Leute nicht, auf wen sie sich verlassen sollen. Die Querdenker-Konkurrenz nutzt aber Youtube-Kanäle. Warum klappt das bei den Virologen nicht?

Hengel Nun, wir erreichen die Bevölkerung durchaus, aber eben nicht auf die dauererregte und wissenschaftlich haltlose Weise, wie es beispielsweise Herr Bhakdi tut. Auf den Social-Media-Kanälen muss notgedrungen vereinfacht und emotionalisiert werden, und das kann nicht die Art und Weise seriöser Wissenschaft sein.

Vielleicht fehlt es ja auch einfach an Geld, um so etwas zu stemmen?

Hengel Da sprechen Sie einen richtigen Punkt an. Die Gesundheitspolitik sollte realisieren, dass die Gesellschaft für Virologie aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen und ohne öffentliche Förderung nur unter maximaler Selbstausbeutung besonders idealistischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überhaupt arbeitsfähig ist und die Politik beraten kann. Aber das ist ein generelles Problem, unter dem die kleinen Fachgesellschaften leiden. Hier müsste man darüber nachdenken, wie man im Interesse unseres Allgemeinwohls eine bessere und ausgewogenere Beratung der Politik durch die Wissenschaft erreicht.

Was halten Sie von einer allgemeinen Impfpflicht?

Hengel Ich bin kein Freund einer allgemeinen Impfpflicht, weil ich als Arzt und Wissenschaftler an die Aufklärung glaube. Ich könnte mir allerdings für den Herbst, wenn entgegen allen Hoffnungen die Lage doch wieder dramatischer wird, eine zeitlich befristete Impfpflicht vorstellen. Auch eine Impfpflicht für Menschen über 50 ist ein guter Gedanke, der dem italienischen Vorbild folgt.

Wir Deutschen haben in zwei Jahren Pandemie leider keine guten Erfahrungen damit gemacht, wenn uns jemand befristete Auflagen angekündigt hat. Sie wurden sehr oft verlängert.

Hengel Ja, es gab zu viel Wunschdenken während der Pandemie. Man kann doch eine klare Befristung in ein Gesetz schreiben. Das würde die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen. Es geht ja nicht darum, Freiheitsrechte zu begrenzen, sondern die besonders verletzlichen Menschen vor einer gefährlichen Krankheit zu schützen – denn noch einmal gesagt: Das Impfen ist jetzt wichtig und wäre es noch viel mehr, wenn es eine neue virulente Variante geben sollte, die mehr schwere Verläufe hervorruft als Omikron.