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USA: Gefängnisse als „Pulverfass“ in der Corona-Krise

Forderung nach Freilassung : US-Gefängnisse als „Pulverfass“ in der Corona-Krise

Nicht nur für Ältere, auch für Gefängnisinsassen stellt die weltweit grassierende Coronavirus-Pandemie eine besondere Gefahr dar. In den USA sitzen rund 2,2 Millionen Menschen hinter Gittern. Experten warnen vor einer Ausbreitung der Krankheit in den Gefängnissen.

Experten warnen, dass sich in den überfüllten Gefängnissen Infektionen mit dem hochansteckenden Erreger rapide ausbreiten könnten. Denn das Virus macht nicht vor Gefängnismauern Halt.

Wegen Mordes und eines Raubüberfalls verbüßt Christopher Blackwell eine Strafe von 45 Jahren in einer Haftanstalt im Bundesstaat Washington, in dem bislang die meisten Corona-Todesfälle in den USA registriert wurden. Ihn habe „nicht überrascht“, dass in der vergangenen Woche ein Gefängnisangestellter in dem Bundesstaat positiv auf das Coronavirus getestet worden sei, schreibt er in einem Artikel für die Nichtregierungsorganisation The Marshall Project.

Die Reaktion der zuständigen Behörden ist skurril: Sie hätten daraufhin Schilder an den Telefonen aufhängen lassen, dass die Gefangenen vor der Nutzung eine Socke über die Hörer stülpen sollten - „um die Verbreitung von Keimen zu verhindern“, berichtet Blackwell.

Die Insassen seien auch aufgefordert worden, auf Sauberkeit zu achten. Doch alkoholbasierte Desinfektionsmittel seien verboten. Selbst an einen Lappen zu kommen, sei schwierig, schildert der 38-Jährige.

Blackwell sorgt sich insbesondere um ältere Häftlinge, darunter ein gut 80-jähriger Freund, den er in dem Artikel „Bill“ nennt. Er sei „einer der vielen Insassen“, die derzeit zu ihrem eigenen Schutz isoliert würden. „Wie können wir Menschen wie Bill an einem Ort beschützen, der von vielen als 'Pulverfass' für ein Virus wie das hinter Covid-19 bezeichnet wird“, fragt sich Blackwell.

Auch Menschenrechtsgruppen, Ärzte und Politiker schlagen angesichts der tödlichen Gefahr durch das Coronavirus hinter Gittern Alarm. Ihre Forderungen sind dringlicher denn je: Erst in dieser Woche berichteten örtliche Medien, dass Wärter der Gefängnisse Rikers Island und Sing Sing im Bundesstaat New York positiv auf das Coronavirus getestet worden seien.

Die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) rief die Behörden am Mittwoch zu „sofortigem Handeln“ auf. An Gouverneure appellierte sie, die Strafen von Gefangenen herabzusetzen, die als "besonders gefährdet" gelten und in den nächsten zwei Jahren freikommen würden. Zudem forderten die Aktivisten die Polizei auf, Menschen nicht mehr wegen kleinerer Vergehen festzunehmen.

Es sei besonders wichtig, die Zahl der Insassen zu reduzieren, sagt Gregg Gonsalves von der Yale School of Public Health. Ältere Gefangene, die keine Gewalttäter seien, sollten entlassen werden, rät er. „Für sie ist es drinnen gefährlicher als draußen.“

Neben Mahnungen zu mehr Hygiene isolieren die US-Behörden bislang besonders gefährdete Häftlinge und untersagen Besuche. Besonders das Besuchsverbot ist jedoch nicht ohne Risiko: In Italien sorgte diese Maßnahme für Revolten, zwölf Insassen starben. Bei ähnlichen Aufständen kamen in Jordanien zwei Häftlinge ums Leben.

(ala/AFP)