1. Panorama
  2. Coronavirus

Uniklinik Essen- Chef: „Nur Kontaktbeschränkungen bewahren uns vor dem Schlimmsten“

Appell des Chefs der Uniklinik Essen : „Nur Kontaktbeschränkungen bewahren uns vor dem Schlimmsten“

Der Chef der Uniklinik Essen erwartet, dass die Politik schon bald die Kliniken anweist, planbare Operationen zu verschieben. Er fordert rasche Kontaktbeschränkungen, um das Schlimmste zu verhindern. Eine Impfpflicht könne erst bei der nächsten oder übernächsten Pandemie-Welle helfen.

Professor Jochen Werner ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsklinik Essen. Er spricht über die Lage auf den Intensivstationen und fordert rasche Kontaktbeschränkungen.

Wie bewerten Sie die Entscheidungen der Bund-Länder-Runde von Dienstagabend?

Werner Ich bin sehr froh, dass die Politik offensichtlich wieder in die Handlungsfähigkeit gekommen ist. Wir haben wertvolle Monate verloren, vor der Bundestagswahl, als das Thema der Impfpflicht offensichtlich aus Furcht, Wählerbewegungen zu induzieren, unerwähnt blieb. Ich gehe davon aus, dass die jetzt eingeleiteten Entscheidungen eine relevante Anzahl Bürgerinnen und Bürger zur Impfung bewegen wird. Dies kann den Unterschied machen, ob wir der nächsten oder übernächsten Welle erfolgreicher entgegentreten können als es bei der vierten Welle der Fall ist. Aktuell werden uns nur Kontaktbeschränkungen vor dem Schlimmsten bewahren können. Ich warne davor, Omikron zu unterschätzen.

In Bayern und Thüringen verlegen Kliniken bereits Corona-Intensivpatienten in andere Häuser. Wie sieht denn die aktuelle Lage in der Uniklinik Essen aus?

Werner Wir behandeln heute an der Universitätsmedizin Essen insgesamt 53 Patientinnen und Patienten mit COVID-19, davon 26 intensivmedizinisch.

Wie viele freie Intensivbetten gibt es noch bei Ihnen?

Werner Es gibt prinzipiell noch ausreichend freie Intensivbetten. In der Hochphase vor rund einem Jahr haben wir - zum Vergleich - täglich um die 50 an COVID-19 Patienten intensivmedizinisch behandelt. Aber: Jede Ressource an Personal oder Infrastruktur fehlt bei der Behandlung unserer anderen schwerkranken Patienten. Dieser Punkt wird häufig vergessen oder nicht ausreichend gewichtet. Gerade die Behandlung dieser schwer erkrankten Patientinnen und Patienten ist aber eine zentrale Kernaufgabe jeder Universitätsmedizin. Darüber hinaus wird das ohnehin bereits seit fast zwei Jahren stark in Anspruch genommene medizinische und pflegerische Personal zusätzlich stark belastet. Dies kann nicht ewig so weitergehen. Der limitierende Faktor sind nicht die Betten, sondern das medizinische Personal.

 Prof. Jochen Werner ist Chef der Uniklinik Essen.
Prof. Jochen Werner ist Chef der Uniklinik Essen. Foto: Uniklinik

Wie viele der bei Ihnen behandelten Covid-Patienten sind ungeimpft?

  • Ein Gesichtsschutz auf einer Intensivstation (Symbolbild).
    22 Fälle in Deutschland : Warum Kinder mit Covid-19 auf Intensivstationen eine „absolute Rarität“ sind
  • Das Dortmunder Westfalen-Stadion beim Spiel gegen
    Vor der Ministerpräsidentenkonferenz : Gesundheitsämter sind überlastet
  • Ein Intensivpfleger arbeitet auf einer Intensivstation
    Beschlussvorlage für Corona-Gipfel : Bund und Länder planen strenge Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte

Werner Der Großteil, heißt drei Viertel, unserer an COVID-19 erkrankten, intensivmedizinisch behandelten Patientinnen und Patientinnen sind ungeimpft. Der Rest ist größtenteils unvollständig, selten vollständig geimpft. Darüber hinaus versorgen wir auf Normalstation an COVID-19 Erkrankter, die auch vollständig geimpft sind, aber meist schwere Einschränkungen ihres Immunsystems aufweisen, beispielsweise nach Transplantation oder im Zusammenhang mit einer Krebstherapie. Wir sehen jeden Tag ganz deutlich: Eine Impfung schützt maßgeblich vor der Ansteckung sowie vor schweren Krankheitsverläufen. Das ist Fakt, auch wenn diese Tatsache manchen nicht in ihre Argumentationslinie passt.

Sagen Sie planbare Operationen bereits ab oder planen Sie dies?

Werner Wir haben bislang streikbedingt Operationen absagen bzw. verschieben müssen, aber noch nicht coronabedingt. Wir stehen allerdings an einer Schwelle: Sollte sich das Pandemiegeschehen weiter verstärken, werden wir an der Universitätsmedizin Essen auch wegen der Pandemie wieder elektive Eingriffe verschieben müssen.

Fürchten Sie - wie die Krankenhausgesellschaft Bayern - einen Notstand zu Weihnachten?

Werner Aufgrund der Dynamik ist es schwer abschätzbar, wie sich die Lage zu Weihnachten entwickelt. Als Universitätsmedizin Essen sind wir mit unserem motivierten und hochqualifizierten Personal auf alle kommenden Herausforderungen vorbereitet, aber wir wünschen uns selbstverständlich im Sinne unserer Mitarbeitenden und aller Patienten eine Entspannung der Lage. Wir alle haben es in der Hand, durch Impfungen, verantwortungsvolles Verhalten und die Einschränkung von persönlichen Kontakten die Inzidenzwerte positiv zu beeinflussen. Für Weihnachten wird dies leider nur noch bedingt helfen, hier sind die entscheidenden Wochen unwiederbringlich verpasst worden. Zudem müssen wir uns immer vergegenwärtigen, dass diejenigen, die in 2 oder 3 Wochen lebensgefährlich erkrankt auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, sich bereits heute mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Deshalb hinkt die Wirkung der vollzogenen Impfung, gerade als Erstimpfung einige Wochen hinterher. Somit blicke ich nicht auf Weihnachten, sondern auf die nächsten 4 Monate.

Und was fordern Sie von der Politik?

Werner Die Politik wird wohl recht bald Krankenhäuser anweisen müssen, eine Reihe elektiver Eingriffe auszusetzen, um auf der einen Seite die Versorgung von COVID-19 Patienten vornehmen zu können und auf der anderen Seite Solitärleistungen an den Universitätskliniken, wie beispielsweise Transplantationen oder bestimmte onkologische Behandlungen nicht zu gefährden. Des Weiteren muss die Universitätsmedizin, die bundesweit einen großen Teil der Versorgung von COVID-19 Patienten übernommen hat, dafür finanziell unterstützt werden. Hier gibt es noch wesentlichen Nachholbedarf. Und schließlich erwarte ich von der Politik, dass, sobald die Totimpfstoffe zugelassen sein sollten, diese den Ärzten auch zur Impfung verfügbar sein werden. Totimpfstoffe werden so manchem Ungeimpften den moralischen Ausweg in die Impfung ermöglichen.