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Überproduktion von Beatmungsgeräten in den USA

„König der Beatmungsgeräte“ : Trump sorgt für Überproduktion in den USA

Mit der steigenden Zahl an Covid-19-Patienten befürchteten die US-Behörden, die Beatmungsgeräte könnten knapp werden. Präsident Donald Trump zwang daraufhin die Industrie zur Produktion der Apparate in großem Umfang. Nun haben die USA zu viele davon.

Als die Forderung nach Beatmungsgeräten immer lauter wurde, machte Präsident Donald Trump Ende März ein kühnes Versprechen: Seine Regierung werde binnen 100 Tagen 100.000 Stück beschaffen. Zu dem Zeitpunkt hatte das US-Gesundheitsministerium noch keine neuen Geräte geordert, in den folgenden drei Wochen gab es sich dann aber alle Mühe, Trumps Versprechen Wirklichkeit werden zu lassen. Das Ministerium investierte fast drei Milliarden Dollar, um US-Hersteller zur Produktion der medizinischen Geräte in einem beispiellosen Tempo zu bewegen.

Bis Mitte Juli könnten nun mehr als 100.000 Beatmungsgeräte geliefert werden, wie aus Verträgen hervorgeht, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen. Das wäre denn gut eine Woche nach Ablauf der 100-Tage-Frist, die Trump am 27. März gesetzt hatte. Bis Jahresende sollen gar fast 200.000 neue Beatmungsgeräte verfügbar sein. Die Zahl der Apparate, die US-Kliniken vor der Corona-Pandemie hatten, würde sich damit mehr als verdoppeln.

„Wir sind zum König der Beatmungsgeräte geworden, Tausende und Abertausende Beatmungsgeräte“, prahlte Trump am 29. April. Doch schon im April ging die Nachfrage nach den Maschinen zurück - obwohl die Zahl der Todesfälle durch das neuartige Coronavirus in den USA inzwischen auf über 80.000 gestiegen ist. Der Grund: Viele Ärzte haben ungewöhnlich hohe Todesraten bei Patienten an Beatmungsgeräten beobachtet. Die Apparate setzen sie nur als letztes Mittel ein.

Daher könnten die USA bald mit Beatmungsgeräten überschwemmt werden und das Weiße Haus plant nun, Tausende der Maschinen ins Ausland zu schicken. Auch Deutschland brachte Trump als Abnehmer ins Gespräch.

Nach Darstellung von Daniel Adelman, Dozent für Healthcare Analytics in Chicago, kauft die US-Regierung nun mehr als doppelt so viele Respiratoren wie nötig - selbst unter Annahme eines Worst-Case-Szenarios für die Ausbreitung des Virus. „Es scheint nicht mit den Prognosen übereinzustimmen“, sagt Adelman. „Doch mir wäre wahrscheinlich lieber, sie würden zu viel bestellen als zu wenig.“

Die Notfallreserve der US-Regierung für medizinische Vorräte verfügte Anfang März über rund 16.660 einsatzbereite Beatmungsgeräte. Als sich die Pandemie verschärfte, sorgten sich Gesundheitsbehörden und die Gouverneure der am stärksten betroffenen Staaten, dass es nicht genug Maschinen geben würde. Ende März drängten dann Gouverneure und Kongressabgeordnete beider Parteien den Präsidenten, US-Unternehmen über ein Kriegsgesetz zur Herstellung von Beatmungsgeräten zu zwingen. Erst zögerte Trump, gab dann aber nach.

Innerhalb weniger Tage erteilte das Gesundheitsministerium ein Dutzend Großaufträge, von denen die meisten ohne Ausschreibung vergeben wurden. Normalerweise produzieren US-Unternehmen rund 29.000 Beatmungsgeräte im Jahr. Obwohl einige US-Hersteller schon angekündigt hatten, Extra-Schichten einzuführen und zusätzliche Mitarbeiter einzustellen, war klar: Es brauchte zusätzliche Kapazitäten, um bis zum Stichtag 100.000 Maschinen zu haben.

Zuerst gab das Gesundheitsministerium bekannt, es habe mit General Motors einen Vertrag über 489,4 Millionen Dollar zur Herstellung von 30.000 Beatmungsgeräten bis Ende August abgeschlossen. Ein 336-Millionen-Dollar-Vertrag mit Ford und General Electric für 50.000 Geräte bis 13. Juli folgte. Wenn alle Unternehmen die Fristen einhalten, könnte der US-Lagerbestand bis Mitte Juli die 100.000 Marke knacken. Bis Ende 2020 würde die Behörde mehr als 2,9 Milliarden Dollar für 198 890 Beatmungsgeräte ausgeben, der Stückpreis läge durchschnittlich bei 14.618 Dollar.

Ob das für die US-Steuerzahler ein guter Deal ist, lässt sich schwer sagen, da Hersteller medizinischer Geräte ihre Preise normalerweise nicht öffentlich machen. AP-Recherchen ergaben jedoch, dass das Verteidigungsministerium im Dezember ein einzelnes, tragbares Beatmungsgerät des Herstellers Zoll Medical für 12.260 Dollar erwarb.

18.900 Stück des gleichen Modells kauft das Gesundheitsministerium Zoll Medical nun unter einem aktuellen Vertrag ab. Dafür gibt es etwas mehr als 350 Millionen Dollar aus, was einen Stückpreis von rund 18.500 Dollar macht - deutlich mehr also, als das Pentagon vor fünf Monaten zahlte. Das Gesundheitsministerium beschwichtigt: Die Regierung zahle bloß 12.100 Dollar pro Gerät. Das Extrageld sei für Schläuche, Gesichtsmasken und anderes Zubehör, das bei der Behandlung von Covid-19-Patienten gebraucht werde.

Trump will derweil überzählige Apparate ins Ausland bringen: „Wir werden Tausende und Abertausende dieser Beatmungsgeräte an Länder geben, die sehr gelitten haben“, verkündete er vor kurzem. „Überall gibt es gewaltige Probleme. Deshalb sind sie sehr glücklich darüber.“

(ala/dpa)