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Selbstgemachte Mundschutzmasken: Tausende helfen an der Nähmaschine

Solidarität in Zeiten von Corona : Tausende helfen an der Nähmaschine

Die Not ist groß – und die Hilfsbereitschaft auch: Weil Mundschutzmasken derzeit Mangelware sind, haben sich viele zu Hause an die Nähmaschine gesetzt und mit der Eigenproduktion begonnen. In den sozialen Netzwerken wird die Aktion immer größer.

Christine Nilgen aus Neuss gehört zu ihnen. Zu den zahlreichen Näherinnen, die Mundschutzmasken aus Stoff – meist Baumwolle – zu Hause herstellen und diese an Mitarbeiter von Arztpraxen, Pflegeheimen oder Krankenhäusern weitergeben. Seit vergangenem Samstag hat die 50-Jährige die meiste Zeit vor ihrer Nähmaschine verbracht und etwa 100 Mundschutzmasken fertiggestellt. Ihre Masken hat sie bisher hauptsächlich an Bekannte verteilt – etwa an ihren Sohn und seine Kollegen, an eine befreundete Kinderkrankenschwester, oder an eine Bekannte, die in einer Psychiatrie arbeitet.

Wie viele arbeitet Nilgen mittlerweile mit Stoffspenden von Freunden und Bekannten, die fertigen Masken versendet sie gegen die Überweisung der Porto-Gebühren per Post. Für die Reinigungskraft war die Näh-Aktion aber ein reiner Zufall: „Ich bin vor zwei Tagen 50 geworden und mein Geburtstag ist natürlich total ins Wasser gefallen. Eine Freundin wollte mich deshalb ablenken und hat mich in diese Facebook-Gruppe eingeladen“, sagt Nilgen.

Es handelt sich dabei um die Gruppe „Mundschutz nähen ehrenamtlich“, die in nur wenigen Tagen auf über 3400 Mitglieder (Stand Montagabend) gewachsen ist. Dort werden Nachfrage und Angebot an den Baumwoll-Mundschutzmasken von sechs Administratoren koordiniert: Gesuche werden in einer internen, nicht öffentlichen Liste gespeichert und samt Adresse an die Bietenden vermittelt. Erst wird das Porto überwiesen, dann die „Ware“ verschickt. Viele Näherinnen arbeiten auch gegen Stoffspenden. Was sie selbst zum Nähen eines Mundschutzes benötigen, lesen Sie hier.

Doch obwohl tausende Gruppenmitglieder derzeit täglich hunderte von Masken produzieren, klaffen Angebot und Nachfrage weit auseinander. Die Nachfrage ist einfach zu groß. „Am Sonntagmittag waren wir bei etwa 1500 Masken Rückstand“, sagt Nadja Knapp, ehemalige Krankenschwester und Gründerin der Gruppe. Die 50-jährige gebürtige Dürenerin hat über 20 Jahre als chirurgische Krankenschwester gearbeitet und hat einen derartigen Mangel an Mundschutzmasken in Deutschland bereits kommen sehen. „Man konnte schon vor drei Wochen erahnen, wo die Reise hingehen würde. Ich wusste: Wir sind nicht vorbereitet.“ Also besorgte sich Knapp, die aufgrund einer Krebserkrankung selbst zur Risikogruppe gehört, ein offizielles Schnittmuster des Caritasverbandes, legte mit dem Nähen los und gründete vor etwa einer Woche die Facebook-Gruppe.

Seit der Nachricht der Bundesregierung, es soll eine Kontaktsperre geben, sei die Gruppe „explodiert“. Die Anfragen für Mundschutzmasken kämen mittlerweile von allen Seiten, sagt Knapp. Arztpraxen, Kinderintensivstationen, Alten- und Pflegeheime, Obdachlosenhilfen, Supermarktmitarbeiter, mobile Pflegedienste, örtliche Feuerwehren – alle benötigen einen Mundschutz. Und das obwohl die meisten Suchenden wissen, dass die selbstgenähten Masken nicht vor dem Coronavirus schützen, sondern lediglich den eigenen Speichel größtenteils davon abhalten, sein Gegenüber zu erreichen.

„Aber es hilft“, sagt Sandra Reinartz. Die 28-jährige Altenpflegefachkraft aus Solingen hat gemeinsam mit ihrer Schwester Sabrina Seehagen (31) eine Aufrufaktion für ihre Einrichtung über Facebook gestartet. Beide arbeiten in einer Senioreneinrichtung für Demenzkranke der Graf-Recke-Stiftung in Hilden. „Wir müssen sehr nah an die Bewohner ran, müssen mit ihnen sprechen, ihnen Essen geben“, sagt Reinartz. Da seien Mundschutzmasken – egal aus welchem Material – hilfreich, um die Bewohner zu schützen. Das Problem: An Schutzkleidung komme man derzeit aber einfach nicht ran, alles sei ausverkauft.

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Deshalb haben die Schwestern kurzerhand angefangen, selbst Masken zu nähen – doch die Masse, die für ihre Kollegen benötigt würde, können sie alleine nicht stemmen. „Wir brauchen mindestens 500 Masken. Alles was kommt, nehmen wir mit Kusshand“, sagt Reinartz. Ihrem Aufruf seien bisher über 20 Näherinnen gefolgt. „Das ging los wie ein Lauffeuer. Das hätten wir nicht erwartet“, sagt Sabrina Seehagen. Das Handy ihrer Schwester Sandra, über das die Anfragen laufen, gebe seitdem keine Ruhe mehr. Zum Glück.