1. Panorama
  2. Coronavirus

"Omikron" - Wie gut wirken die Corona-Impfstoffe? Biontech, Moderna und Co.

Bekannte Impfstoffe, künftige Impfstoffe : Wie gut wirken die Impfstoffe gegen Omikron?

Biontech-Chef Sahin geht davon aus, dass die Impfstoffe an die neue Virusvariante angepasst werden müssen. Das könnte laut Stiko-Chef Mertens Monate dauern. Boostern aber hilft gegen schwere Verläufe. Aktuell prüft die Ema die Zulassung von Novavax und Valneva.

Die Omikron-Variante löst weltweit Besorgnis aus. Die Weltgesundheitsorganisation stufte das Risiko durch den neuen Erreger als „sehr hoch“ ein. Immer mehr Länder melden Fälle, auch in NRW gibt es erste Infektionen, und es können schnell mehr werden: Nach Auftritt der Delta-Variante hatte es nur wenige Wochen gedauert, bis diese die bis dahin vorherrschende Alpha-Variante verdrängt hatte. Omikron könnte noch fünf Mal ansteckender sein als Delta, fürchten Forscher. Offen ist, wie schwer die Verläufe sind.

Wirken die Impfstoffe gegen Omikron? Biontech-Chef Ugur Sahin geht inzwischen davon aus, dass ein neu angepasster  Impfstoff nötig sein wird. Die Frage sei nur, wann dieses neue Vakzin benötigt werde, sagte Sahin auf einer Konferenz der Agentur Reuters. Der Mainzer Hersteller könnte seinen Impfstoff bei Bedarf relativ schnell anpassen. Man erwarte, dass sich Omikron als so genannte Escape-Variante entwickeln dürfte.  Das heiße, dass sie wahrscheinlich auch Geimpfte infizieren könne. Er sei aber zuversichtlich, dass Geimpfte vor einer schweren Erkrankung ausreichend geschützt seien. Sahin erklärte weiter, er rechne damit, dass es bei Ungeimpften zu noch schwereren Verläufen kommen könnte. Zudem steige die Wahrscheinlichkeit, dass jährliche Corona-Impfungen erforderlich würden, das Virus mutiere schneller. Der US-Hersteller Moderna hatte sich schon früh ebenfalls skeptisch geäußert: Moderna-Chef Stephane Bancel geht von einer geringeren Wirksamkeit der derzeitigen Impfstoffe gegen die neue Omikron-Variante aus. Der Schutz dürfte nicht auf demselben Niveau wie bei der Delta-Variante liegen, sagte Bancel. Er erwarte einen „erheblichen Rückgang“.

Was ist das Problem bei Omikron? Nachteilig ist, dass Omikron sich stark von Delta unterscheidet. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden rund 30 Veränderungen allein im Spike-Protein festgestellt, das den Coronaviren ihr stacheliges Aussehen gibt. Das könnte es den durch die Impfstoffe animierten Antikörpern erschweren, Omikron zu erkennen und anzugreifen. Omikron wäre die erste so genannte „Escape-Variante“ – also die Variante, die sich den verfügbaren Impfstoffen entzieht. Biontech fährt daher doppelgleisig. Der Hersteller prüft das bestehende Mittel und arbeitet parallel an der Entwicklung eines angepassten Impfstoffs. „Vorbeugend für den Fall, dass dieser notwendig werden könnte“, so Biontech. Immerhin: „Man kann davon ausgehen, dass auch die jetzigen Impfstoffe einen Schutz vor schweren Verläufen mit Omikron-Infektionen bieten“, sagt Thomas Preis, Chef des Apothekerverbands Nordrhein.

Wie schnell könnte ein neuer Impfstoff entwickelt werden?

Die gute Nachricht ist, dass mindestens die mRNA-Impfstoffe grundsätzlich gut an neue Varianten angepasst werden können. Die schlechte Nachricht: Das braucht Zeit. Es könne Monate dauern, bevor ein auf das Omikron-Virus abgestimmtes Vakzin ausgeliefert werden könnte, erklärte Moderna. Ähnlich äußerte sich auch der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens. Auch er geht davon aus, dass es Monate bis zur Herstellung möglicher neuer Omikron-Impfstoffe dauert: „Drei bis sechs Monate dürften die Hersteller im Labor brauchen. Das ist nicht ganz trivial: Sie müssen einen Impfstoff kreieren, der gegen Omikron und Delta wirkt, denn noch ist Delta weit verbreitet. Dann kommt die Zulassung“, sagte Mertens unserer Redaktion. „Die Frage ist, ob die Behörden komplett neue Zulassungsstudien verlangen oder ein schnelles Zulassungsverfahren wählen.“

  • Eine Spritze wird mit dem Moderna-Impfstoff
    „Das wird nicht gut sein“ : Moderna-Chef warnt vor geringerer Impfstoff-Wirksamkeit gegen Omikron
  • China geht von einer normalen Austragung
    „Reibungslos und erfolgreich“ : China sieht trotz Omikron-Ausbreitung keine Gefahr für Winterspiele
  • Coronatests in der Schule werden noch
    Probleme bei Schnelltests : Leben mit Corona als Dauerzustand

Lohnt sich das Boostern mit der bisherigen Impfstoffen trotzdem?
Ja. Trotz eines möglichen neuen Impfstoffes sollten sich Bürger jetzt boostern lassen, rät Mertens: „Boostern lohnt auf jeden Fall. Der Kampf gegen die Delta-Variante geht weiter. Und es wäre kein Problem, sich wenige Monate nach der Booster-Impfung erneut impfen zu lassen, um sich gegebenenfalls vor Omikron zu schützen.“ Auf jeden Fall boostern, sagen auch das Robert-Koch-Institut, der Virologe Christian Drosten und die Apotheker. „Booster-Impfungen sind wichtig, auch wenn sehr wahrscheinlich immer mehr Omikron-Virus-Infektionen auftreten werden. Noch ist die Delta-Variante dominierend“, so Thomas Preis. Beim Boostern sei wichtig, dass über 60-Jährige möglichst vor Weihnachten geimpft seien, da treffe man sich Generationen-übergreifend in geschlossenen Räumen, da bestehe besondere Ansteckungs-Gefahr. „Deshalb sollte man bereits nach fünf Monaten boostern“, forderte er. „In Großbritannien wird bereits nach drei Monaten geboostert, um dem Omikron-Virus rechtzeitig Paroli zu bieten.“

Was sagt Südafrika zu Omikron?

In Südafrika war die Entdeckung der Variante mit der Bezeichnung B.1.1.529 bekannt gegeben worden. Anschließend hatten viele Länder kurzfristig den Flugverkehr mit Südafrika eingestellt. Die südafrikanische Regierung kritisierte dies scharf, schließlich war man nur Überbringer der Botschaft. Das sieht auch der Stiko-Chef so. Er warnte davor, Südafrika zu stigmatisieren: „Südafrika sequenziert sehr professionell, deshalb wurde Omikron dort entdeckt. Wo die Variante herkommt, weiß keiner. Womöglich ist sie durch Mutation in immungeschwächten Menschen entstanden, bei denen sich Viren mangels Gegenwehr besonders heftig und lange vermehren“, so Mertens.

Was ist mit neuen Impfstoffen, die in der Pipeline sind? Für den Tot-Impfstoff Novavax wurde der Zulassungsantrag bei der Europäischen Arzneimittelbehörde Ema bereits seit längerem gestellt, hier wartet man auf grünes Licht. Seit dem 2. Dezember prüft die Ema nun auch den Impfstoff des französischen Herstellers Valneva. Valneva enthält abgetötete Bestandteile des Coronavirus, so funktionieren auch klassische Grippeimpfstoffe. Wie gut sie gegen Omikron wirken, ist offen - auch sie wurden entwickelt, als es Omikron noch nicht gab. Aber neue Impfstoffe können womöglich Skeptiker überzeugen. Der Stiko-Chef blickt so auf die nächsten Kandidaten. „Als nächstes dürften wir mit Novavax einen Peptid-Impfstoff erhalten, auf den offenbar viele Menschen warten, die die mRNA-Impfstoffe kritisch sehen. In den USA wird zudem an einem Lebend-Impfstoff gearbeitet, der ähnlich wie die Polio-Schluckimpfung funktionieren soll. Das könnte von Wirksamkeit, Schleimhautimmunität und Akzeptanz her ein Hit werden“, sagte Mertens weiter. Von Astrazeneca erhofft er sich hingegen nichts mehr: „Meine gewisse Skepsis gegen Astrazeneca hat sich bestätigt, obwohl die Wirksamkeit durchaus hoch ist.“ Beim russischen Impfstoff ist noch immer wenig bekannt: „Sputnik können wir weiter nicht einschätzen, ich kenne weiter nur zwei publizierte Studien dazu“, sagte der Stiko-Chef.

Haben Ärzte überhaupt genug Impfstoff zum Boostern?

Ja – wenn sie nicht nur Biontech verimpfen. Zuletzt erhielten die Arztpraxen und mobilen Impfteams elf Millionen Impfdosen: drei Millionen von Biontech und acht Millionen von Moderna. „Würde sieben Tage gleichmäßig geimpft werden, wären das fast 1,6 Millionen Impfungen pro Tag. Es wäre absolut wichtig, wenn das auch alles verimpft würde“, so Preis. Der bisherige Rekord habe Anfang Juni bei 1,4 Millionen Impfungen gelegen, da waren aber noch alle Impfzentren aktiv. Preis riet den Praxen, vor allem auf die verfügbaren Impfstoffe Moderna und Johnson&Johnson zu setzen. „Biontech sollte für unter 30-Jährige und Schwangere eingesetzt werden.“ Er betonte: „Biontech- und Moderna-Impfstoffe sind gleichwertig und hochwirksam.“ Zugleich bot er an, dass die Apotheker häufiger liefern: „Sollten noch mehr Impfdosen benötigt werden, wird es nicht an den Apotheken scheitern. Wir könnten noch zusätzliche Lieferung in der Woche durchführen.“ Wichtig für Praxen und Apotheken wäre eine Entbürokratisierung des Bestellablaufs.