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Omikron-Coronavirus: „Das Virus ist ein schonungsloser Opportunist"

Omikron : „Das Virus ist ein schonungsloser Opportunist“

Reichere Länder haben sich Impfstoff im Überfluss gesichert, ärmere Länder blicken weitgehend in die Röhre. Bemühungen um mehr Fairness sind bislang gescheitert - das rächt sich jetzt.

Wissenschaftler haben schon seit vielen Monaten gewarnt: Das Coronavirus wird gedeihen, so lange es weiten Teilen der Welt an Impfstoffen mangelt. Das Auftauchen der neuen Omikron-Variante und verzweifelte Versuche von Ländern, sie von der eigenen Haustür fernzuhalten, führen drastisch vor Augen, wie richtig sie damit lagen.

Dass reichere Staaten die nur begrenzt verfügbaren Corona-Vakzine horten, während viele ärmere in die Röhre gucken, bedeutet nicht nur ein Risiko für jene Teile der Welt, in denen Impfstoffe rar sind: Es ist eine globale Bedrohung. Denn je stärker sich die Krankheit unter nicht geimpften Bevölkerungen ausbreitet, desto mehr Möglichkeiten gibt es für das Virus, zu mutieren und potenziell gefährlicher zu werden - was die Pandemie für jedermann verlängert. Bereits im Juni hatte die WHO vor einer „sehr, sehr besorgniserregenden“ Lage in Afrika gewarnt.

„Das Virus ist ein schonungsloser Opportunist, und die Ungleichheit, die die globale Antwort charakterisiert, rächt sich jetzt“, sagt Richard Hatchett, Topmanager der Organisation Cepi. Das ist einer der Partner in der UN-gestützten Initiative Covax, die auf einen faireren Zugang zu den Corona-Vakzinen abzielt.

Wie weit man davon noch entfernt ist, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in Afrika, wo weniger als sieben Prozent der Einwohner geimpft sind. Es waren südafrikanische Wissenschaftler, die in der vergangenen Woche die Weltgesundheitsorganisation WHO über das Auftauchen der Omikron-Variante informierten, obwohl vielleicht für immer unklar bleiben wird, wo genau sie ihren Ursprung hatte. Forscher versuchen nun, so schnell wie möglich herauszufinden, ob sie ansteckender ist und ob sie gegenwärtigen Impfstoffen Paroli bieten kann.

Die Initiative Covax wurde von Anfang an dadurch behindert, dass bei weitem zu wenige Vakzine für eine gerechtere Verteilung zur Verfügung standen. Das ursprüngliche Ziel war die Verteilung von zwei Milliarden Dosen, aber das wurde bereits auf 1,4 Milliarden bis Ende 2021 zurückgeschraubt. Um wenigstens das zu erreichen, müssten jeden Tag mehr als 25 Millionen Dosen verschickt werden, aber seit Anfang Oktober waren es im Durchschnitt gerade mal über vier Millionen, wie eine Analyse der Nachrichtenagentur AP ergab. In den vergangenen Tagen wurde mehr verschickt, aber bei weitem nicht genug, um die Zielmarke zu erreichen.

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Derweil verfügen reichere Nationen oft über Impfstoffe in Hülle und Fülle, und viele bieten jetzt Booster an, das heißt, eine dritte Injektion zur verstärkten Wirkung. Die WHO hat sich dagegen gewendet, denn jede Booster-Spritze ist eine Dosis, die nicht an jemanden gehen kann, der nicht einmal eine erste Injektion erhalten hat. Trotzdem werden sie jetzt in mehr als 60 Ländern verabreicht.

Reichere Nationen hätten Covax in der Reihe der Impfstoff-Empfänger hinten angestellt und die Initiative dadurch von vornherein gehemmt, sagt Anna Marriott von Oxfam, einem internationalen Verbund von Hilfs- und Entwicklungsorganisationen. „Das Covax-Team mag so schnell ausliefern wie es kann, aber es kann keine Vakzine ausliefern, die es nicht hat.“

Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds Mitte November sind gerade mal 13 Prozent der Impfstoffe, die Covax bestellt hatte, und zwölf Prozent versprochener Spenden tatsächlich auch ausgehändigt worden. Ungefähr ein Drittel der von Covax verschickten Vakzine waren Spenden, wie die Impfstoff-Allianz Gavi, neben der WHO einer der Hauptkoordinatoren der Initiative, sagt.

In der vergangenen Woche veröffentlichte Covax eine Pressemitteilung mit einen Lob für das Versprechen der EU, bis zum Jahresende 100 Millionen Impfstoff-Dosen nach Afrika zu schicken - aber nur ein Zwanzigstel dieser Menge befand sich tatsächlich an Bord von Flugzeugen.

Danach gefragt, wie man denn die Lieferung der anderen 94 Millionen Dosen innerhalb von nur wenigen Wochen bewerkstelligen könne, versicherte Covax-Direktorin Aurelia Nguyen, es bestünden Arrangements für das Verschicken einer „hohen Zahl von Dosen“ bis zum Jahresende. Es gehe darum sicherzustellen, dass die Bedingungen für ein Verabreichen der Dosen in dem Empfängerländern stimmten.

Am vergangenen Montag kritisierten die WHO, Afrikanische Union, Gavi und andere Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung, dass die „Mehrheit der bisherigen Spenden aus dem Augenblick heraus gekommen sind, mit wenig Vorankündigung und kurzer Haltbarkeit“. Das heißt, manche Dosen waren schon dem Verfallsdatum nahe, als sie das Empfängerland erreichten. So wurden etwa in Malawi und Südsudan Zehntausende Dosen vernichtet, weil sie verfallen waren, was verbreitet Zorn auslöste.

Aber nicht nur die Anlieferung der Impfstoffe ist ein Problem, sondern auch die Verteilung vor Ort, wie manche Experten meinen. Für die oft unterfinanzierten Gesundheitssysteme in Empfängerländern sei es beispielsweise manchmal schwer, die Dosen - samt Spritzen und anderer Ausrüstung - dort auszugeben, wo sie am dringendsten benötigt würden, und das rechtzeitig. So schickten Behörden im Kongo im vergangenen Sommer eine ganze Lieferung zurück, als ihnen klar wurde, dass die Impfstoffe nicht vor dem Ablauf der Haltbarkeit verwendet werden könnten.

Bei den meisten der bislang von Covax verteilten Dosen handelte es sich um AstraZeneca-Vakzine, die etwa in den USA noch gar nicht zugelassen wurden. Die dort und in Europa zumeist verwendeten Impfstoffe von Pfizer/BionTech sowie Moderna sind nur in kleinen Mengen via Covax an ärmere Länder gegangen. Die USA haben bislang insgesamt 275 Millionen Dosen gespendet, mehr als jedes andere Land, die EU hat etwa ein Drittel ihrer versprochenen 500 Millionen Dosen geliefert.

(peng/dpa)