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New York: Wie eine Stadt gegen das Coronavirus kämpft

Kampfgeist gegen Corona : New York? New York!

Während rund um die Sehenswürdigkeiten der Stadt seit Beginn der Corona-Krise gespenstische Leere herrscht, beweisen die New Yorker Kampfgeist und Nächstenliebe.

Die „New York Times“ bezeichnete Ditmas Park einst als „Immobilienversion des Computerspiels Tetris“: Häuser in allen Farben und Formen, die irgendwie trotzdem zusammenpassen. Nur 20 Bahnfahrminuten von Manhattan entfernt gibt es keine Wolkenkratzer und Menschenmassen. Stattdessen bestimmen baumgesäumte Straßen das Bild. Kinder toben in gepflegten Vorgärten. Ausladende Veranden bieten Raum für Schaukelstühle und nachbarlichen Plausch. Wäre da nicht das stete Hupen der New Yorker Verkehrsteilnehmer, es ließe sich glatt vergessen, dass Ditmas Park inmitten einer Millionenstadt liegt.

Martina Nevermann ist gebürtige Deutsche und lebt seit 17 Jahren hier, in einem dieser Häuser mit Veranda und Vorgarten. Anfang der 2000er war Ditmas Park noch ein Geheimtipp, laut US-Zensus sogar das ethnisch vielfältigste Viertel der USA. Doch die rasante Gentrifizierung Brooklyns machte auch hier keinen Halt. Leerstehende Ladenlokale auf der Haupteinkaufsstraße, der Cortelyou Road, verwandelten sich in Restaurants und Cafés. Immobilienpreise schossen in die Höhe; erst kürzlich bezog Star-Autor Jonathan Safran Foer eine Villa in der Gegend. Bevor es die steigenden Mieten gänzlich unmöglich machten, erfüllte sich Nevermann 2014 einen Traum und eröffnete in einem ehemaligen Staubsaugerladen an der Cortelyou Road ihr eigenes Pilates-Studio.

Das Geschäft lief gut – bis New York zum Epizentrum der Pandemie und somit quasi über Nacht lahmgelegt wurde. Zwar richtete Nevermann schnell Online-Kurse ein, um zumindest die Miete und Grundgehälter ihrer Angestellten decken zu können. Letztendlich war es aber nicht rentabel, viele Teilnehmer und zwei Pilates-Trainer sprangen ab. Ein vom US-Kongress verabschiedetes Hilfspaket für Kleinunternehmer wurde zur Rettungsleine. Die Finanzspritze verschaffte Nevermann die nötige Zeit, um ihr Geschäftskonzept zu überarbeiten.

„Im Grunde fand ich diese Herausforderung eher angenehm“, sagt sie. „Wenn einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wird, verliert man seine Bequemlichkeit“. Als die Corona-Einschränkungen dann im Juni gelockert wurden, verfrachtete Nevermann das sperrige Equipment aus ihrem Studio kurzerhand in den privaten Garten: Pilates unter freiem Himmel. „Die Kurse waren im Nullkommanix voll“, erzählt sie. Für den Winter hat sie bereits Heizstrahler bestellt.

Gleichzeitig beobachtet Nevermann mit einer Art stolzer Verwunderung den Innovationsgeist ihres Viertels. So verlagerte sich auch der Restaurantbetrieb komplett nach draußen. Das ist vor allem deshalb ungewöhnlich, weil für Außen­gastronomie in New York sonst exorbitant hohe Sondernutzungsgebühren anfallen. Unter normalen Bedingungen können sich dies gerade kleinere Restaurants kaum leisten. Als plötzlich ein Großteil der Kundschaft wegfiel, verloren knapp 300.000 Beschäftigte in der Branche ihren Job. Die ersten, die fielen, waren die Einzelhandelsgeschäfte rund um Manhattans Bürotürme, da ihre Einkünfte wesentlich vom täglichen Pendler- und Touristenstrom abhingen. Im Juli waren 83 Prozent aller New Yorker Restaurants nicht in der Lage, die volle Miete zu zahlen.

Um zumindest im Freien Arbeitsplätze zu schaffen, strich Bürgermeister Bill de Blasio deshalb die städtischen Sondernutzungsgebühren und ließ zudem komplette Straßen für den Verkehr sperren. Die Maßnahme hat die Stadt sichtbar verändert. Gehwege und Busspuren teilen sich nun den Platz mit liebevoll dekorierten Essbereichen, Lichterketten, Sonnenschirmen und Blumenkästen. Auch in Ditmas Park. „So lebendig habe ich Cortelyou noch nie gesehen“, sagt Nevermann. „Es ist jetzt viel europäischer.“

Das findet auch der Brite Raj Singh. Er betreibt an (und auf) der Cortelyou Road das Restaurant Castello Plan, inklusive eines neu erweiterten Außenbereichs. Zwar hätte die Politik seiner Meinung nach etwas schneller reagieren können, dennoch ist er dankbar für das Entgegenkommen der Stadt. Als die Außengastronomie noch komplett geschlossen war, erlaubte man ihnen zum Beispiel, über den Lieferdienst und als „take out” alkoholische Getränke zu verkaufen. Das ist Restaurants in New York sonst verboten. „Die Einnahmen vom Essen allein waren nicht ausreichend. Aber mit Hamburgern plus Bier hat es geklappt“.

In den ersten Monaten hielt sich der Gastronom mit teils ungewöhnlichen Mitteln über Wasser. Da er als Restaurantbetreiber andere Zulieferer hat als etwa Supermärkte, konnte er auf den Mangel gewisser Waren reagieren. Via Instagram fragte er also nach den Bedürfnissen seiner Kunden. „Leute kamen dann zu uns und nicht in die großen Lebensmittelgeschäfte, um Brot, Milch oder Toilettenpapier zu kaufen“, sagt Singh und fügt grinsend hinzu: „Ich habe übrigens noch sehr viel Trockenhefe übrig.“

Als die Corona-Neuinfektionen im April ihren Höhepunkt erreichten, war es ihm außerdem wichtig, das New Yorker Krankenhauspersonal so gut es ging zu unterstützen. Mithilfe von gemeinnützigen Organisationen kreierten Singh und sein Koch kostenlose Mahlzeiten für Ärzte und Krankenschwestern, ausgelegt auf deren stressigen Berufsalltag. „Die sitzen nicht mit Messern und Gabeln herum. Die haben höchstens eine halbe Stunde Zeit zum Essen. Dann gehen sie wieder an die Arbeit. Wir haben ihnen Mahlzeiten geliefert, die man essen kann, ohne viel nachzudenken“.

In Anbetracht einer unsicheren Zukunft ohne Impfstoff musste Singh aber auch längerfristiger planen. So verwandelte sich Castello Plan, geboren aus der Not, in einen Impromptu-Delikatessenladen – wie viele andere Restaurants an der Cortelyou Road. „Diese Straße war viel innovativer, als ich es in anderen Stadtteilen von Brooklyn gesehen habe“, sagt Singh, der selbst in Park Slope lebt. „Ich habe versucht, mich an ein Konzept zu halten, für das ich auch über Corona hinweg bekannt sein möchte. Wir führen jetzt selbst eingelegte Oliven, Käse, und hausgemachte Pralinen. Außerdem haben wir Hunderte, wenn nicht Tausende unsere berühmten Cocktails in Einmachgläsern verkauft.“

Zwei Türen weiter eröffnete Katie Richey Anfang 2020 mit ihrer Geschäftspartnerin Erika Lesser das Weinlokal King Mother, auf 35 Quadratmetern. Nach sechs Wochen Corona-bedingter Schließung errichteten die beiden Frauen phasenweise eine Art alkoholischen Limonadenstand und verkauften Frosé zum Mitnehmen. „Das Schöne an so einem kleinen Restaurant ist, dass wir sehr flink sind. Wir können unser Geschäftsmodell schnell ändern“, erklärt Richey. „Wie ein Diamant, der unter Druck entsteht, haben wir uns buchstäblich neu erfunden.“

Dank der neuen Gesetzgebung konnte King Mother im Juni den Außenbetrieb eröffnen. Inzwischen bedienen Richey und Lesser pro Tag mehr Weinliebhaber als vor der Pandemie. Überdies konnten sie alle Angestellten zurückholen. Gerade das war ihnen besonders wichtig. „Wir wollten schon vor Corona eine fortschrittlichere Restaurantkultur schaffen, uns tatsächlich um unsere Mitarbeiter kümmern und sie als Menschen wertschätzen. In den ersten Schließungswochen haben wir die Leute aus eigener Tasche bezahlt.“ Jeden Sonntag spendet das Lokal außerdem übriggebliebene Lebensmittel an einen neu entstandenen Gemeinschaftskühlschrank in der Nachbarschaft.

Dass es Restaurants wie Castello Plan und King Mother verhältnismäßig gut geht, ist zweifelsohne der Lage von Ditmas Park und dessen demografischer Zusammensetzung geschuldet. Im Gegensatz zu anderen Teilen der Stadt war das Viertel außerdem nie wirklich touristisch, das Wegbleiben von Touristen betrifft Ditmas Park also kaum.

Die meisten Anwohner können zudem von Zuhause aus arbeiten und haben nicht ihren Job verloren wie viele Menschen in den ärmeren Vierteln Brooklyns. Gleichzeitig ist hier kaum jemand geflohen – viele New Yorker, zu großen Teilen aus der Oberschicht, verließen angesichts der besorgniserregenden Infektionszahlen bereits im Frühling die Stadt. Darunter litten vor allem Gastronomiebetriebe in wohlhabenden Vierteln wie der Upper East Side, dem West Village, SoHo und Brooklyn Heights. Dort verringerte sich die Einwohnerzahl um 40 Prozent oder mehr, während Ditmas Park vergleichsweise bescheidene Veränderungen verzeichnete. Richey ist sich dieses Privilegs durchaus bewusst. „Es gibt extreme Ungleichheit in New York. Die Viertel mit besonders hohen und besonders niedrigen Einkommen haben besonders gelitten. In Ditmas Park gibt es hingegen eine ziemlich robuste Community.“

Aaron Lisman ist Teil dieser robusten Community. Als Corona ihn Ende März ins Home-Office zwang, gründete der IT-Spezialist und Hobbymusiker die Operation Gig. Die Idee: die zahlreichen Veranden in Bühnen verwandeln und um Spenden zum Zuhören bitten, um arbeitssuchenden Musikern ein wenig extra Einkommen zu verschaffen.

„Musiker haben ihren Einkommensstrom komplett verloren. Das ist das Mindeste, was wir tun können“, erklärt Lisman. „Die Veranden mit Einfahrten und breiten Gehwegen auf relativ ruhigen Straßen sind dafür ideal. Die Hausbesitzer müssen keine Erlaubnis einholen, es ist ihr Privateigentum. Zuschauer gibt es genug, alle sind ja sowieso zu Hause. Und wir können die Konzerte distanziert abhalten, sodass es sicher ist.”

Lismans Plan ging auf – inzwischen hat es sich in der Nachbarschaft herumgesprochen, und man hört in Ditmas Park an jedem Wochenende Live-Musik auf verschiedenen Veranden, von Klassik über Jazz bis Folk. Durchschnittlich nehmen die Musiker rund 500 Dollar pro Auftritt ein. Das ist oft mehr, als sie bei einem Gig in einem kleinen Club verdienen würden. Der Veranstaltungskalender reicht momentan bis Ende Oktober. Lisman hofft aber, dass Operation Gig die Pandemie überdauert und vielleicht sogar expandiert. „Es wäre wirklich cool, dies in anderen Stadtteilen zu kopieren. Es dient vielen verschiedenen Zwecken. Die Stadt braucht das.”

Er spielt darauf an, was viele New Yorker trotz einer zerstörten Wirtschaft und unsicheren Zukunft fühlen: „Corona ist destruktiv. Aber ich hoffe, dass diese Zerstörung zu einer Wiedergeburt der Stadt führt, vor allem kulturell”, sagt Lisman. „New York hat sich vorher so sehr über die alltägliche Hektik definiert. Es gab so wenig Zeit für die Menschen, sich wirklich miteinander zu beschäftigen. Corona hat etwas wachgerüttelt. Mein ganzes Selbstverständnis von Nachbarschaft hat sich verschoben.”