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Maybrit Illner: Corona-Talk im ZDF - "Eine Impfung wird uns jetzt nicht helfen"

Corona-Talk bei „Maybrit Illner“ : „Eine Impfung wird uns jetzt nicht helfen“

Impfstoff, Tests, Tracking-App: Bei „Maybrit Illner“ geht es um die Hoffnung auf einen klaren, schnellen Fahrplan im Kampf gegen das Coronavirus.

Am Donnerstagabend trafen sich Vertreter der Politik, Forschung und Ethik mit Moderatorin Maybrit Illner zur Talkrunde „Testen, Tracken, Impfen – Wettlauf gegen die Zeit“. Trotz des Themas ging es dabei recht gemächlich zu.

Darum ging’s:

Her mit dem Impfstoff und den aussagekräftigen Daten: Wenn es schnell gehen soll, können Fragen nach Sinn und Rechtmäßigkeit in den Hintergrund treten. Genau das sollen die Gäste diskutieren. Zum Streit führt das nicht; dennoch wird klar, wer eine Coronavirus-Tracking-App wie PEPP-PT befürwortet und wer skeptisch bleibt.

Die Gäste:

  • Melanie Brinkmann, Forschungsgruppenleiterin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
  • Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats
  • Helge Braun, Kanzleramtsminister
  • Michael Ziemons, Dezernent für Gesundheit und Soziales der Städteregion Aachen
  • Dirk Brockmann, Forschungsgruppenleiter am Robert-Koch-Institut

Der Talkverlauf:

Gleich zu Beginn der Sendung kommen die Probleme auf den Tisch. „Die Verlangsamung der Infektionsgeschwindigkeit ist ganz, ganz träge“, sagt Kanzleramtsminister Helge Braun. Da müssten die Bundesbürger leider auf Osterbesuche verzichten. Die massiven Freiheitseinschränkungen seien vorübergehend gerechtfertigt, sagt die Vorsitzende des Ethikrats, Christiane Woopen. Wie man Freiheitsbeschränkungen schrittweise wieder lockern kann, soll in einem Strategiepapier stehen, das sie für den heutigen Freitag ankündigt. Also schon wieder warten.

Aber es gäbe Schlimmeres, wie die Talkgäste enthüllen. „Aus Zahlen werden Gesichter“, berichtet etwa Michael Ziemons, Dezernent für Gesundheit und Soziales der Städteregion Aachen. Immer mehr Menschen wüssten von infizierten Nachbarn, und seiner Ansicht nach „scharren die Leute nicht mit den Hufen, wann sie wieder vor die Tür können“. Auch Braun sieht Tempo nicht als das Maß aller Dinge. „Was die Leute am meisten krank machen würde: Wenn ich heute ein Hoffnungssignal sende und morgen sage, da habe ich mich geirrt.“

Beim Thema Schutzkleidung kommt etwas Bewegung in die Runde. Die Virologin Melanie Brinkmann soll ihre Meinung zu einer Maskenpflicht wie in Österreich kundtun. „Ich finde es schwierig, etwas vorzuschreiben, wenn man das Material nicht hat“, sagt sie. Ziemons würde eine Maskenpflicht im Krankenhaus sowie in Alten- und Behindertenheimen unterstützen, berichtet aber auch, dass die Beschaffung schon für diesen Zweck eine Herausforderung sei. Es dürfe nicht zur Konkurrenz zwischen medizinischen Einrichtungen und der Bevölkerung kommen. An diesem Punkt gesteht auch Braun ein, dass die Beschaffung aus dem Ausland eine Belastung ist. „Es ist aus heutiger Sicht ein Fehler, dass wir eine solche Produktion nicht im Inland oder zumindest in Europa haben.“

Nach einem Einschub mit dem Datenexperten Dirk Brockmann rückt der Fokus auf die Idee einer App, die Kontakte zu positiv Getesteten nachhält und dann die Handybesitzer warnt, dass sie sich angesteckt haben könnten. Kanzleramtsminister Braun würde es begrüßen, wenn mehr als die Hälfte der Deutschen eine solche App freiwillig nutzen würde.

Ziemons zeigt zu diesem Thema mehrere Fallstricke auf. So müsse für die auf eine App-Mitteilung folgenden Anrufe sehr viel Personal bereitstehen. Dazu kann Ziemons regionale Erfahrungen aus der Telefonberatung beisteuern. „Wir haben drei Call Center aufgebaut und dafür viele hundert Mitarbeiter zusammengezogen, und trotzdem kommen immer wieder Bürger nicht durch.“

Ziemons berichtet davon, dass die telefonische Kontaktverfolgung in seiner Region gut laufe. Rufe dann aber das Gesundheitsamt bei Menschen an, die sich möglicherweise angesteckt haben, käme oft eine höchst ängstliche Reaktion. Entsprechend skeptisch sieht er eine Benachrichtigung ohne menschliches Miteinander. Außerdem macht er sich Sorgen, dass diese Methode zu Ausgrenzung führen könnte. „Wer Kontaktperson geworden ist oder infiziert ist, der hat ja nichts falsch gemacht.“

Die Forscherin Melanie Brinkmann sieht sich in der Talkrunde immer wieder in der Situation, auf die Bremse treten zu müssen. „Eine Impfung wird uns jetzt nicht helfen“, sagt sie etwa. Impfstoffe müssten daraufhin getestet werden, dass sie wirken und dass sie auch sicher sind, also keine gravierenden Nebenwirkungen haben. Und nein, der Herbst sei dafür kein realistischer Zeitrahmen. Was helfen könne: Junge, gesunde Menschen zum Mitmachen bei Impfstofftests zu bewegen.

Bei den potenziellen Medikamenten sei es auch noch zu früh zu sagen, was nun der erfolgversprechende Wirkstoff sei. In der jetzigen Lage sei es angezeigt, viele Optionen zu verfolgen. Am Ende buchstabiert Brinkmann eines der Grundprinzipien wissenschaftlicher Forschung vor: „Es reicht nicht, sich auf eine Studie zu verlassen.“ Stattdessen brauche es mehrere Studien, die das gleiche zeigen.

Bei der Frage nach medizinischen Lösungen würde Braun dennoch gern ein bisschen mehr Gas geben und zum Beispiel erkunden, ob in einer frühen Testphase mehr Patienten ethisch und medizinisch vertretbar beteiligt werden könnten. Gleichzeitig räumt er ein: „Erkenntnisgewinn lässt sich nicht beliebig beschleunigen.“