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"Markus Lanz" mit Gerhard Scheuch und Michael Müller: Über Aerosol & Ausgangssperre

Michael Müller bei Markus Lanz : „Unsere Entscheidungsprozesse sind zu schwerfällig“

Ausgangssperren und Aerosole waren am Abend Themen bei Markus Lanz. Wieviel Spielraum haben die Länder? Warum hält Berlins Bürgermeister nichts vom verordneten Stubenhocken und was haben die Aerosole damit zu tun?

Darum ging es

Nächtliche Ausgangssperren – „Warum greift die Politik jetzt zu diesem Mittel, das lange ein echtes Tabu war?“, fragt Markus Lanz am Abend seine Diskussionsrunde im ZDF

Die Gäste

  • Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, SPD
  • Helene Bubrowski, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)
  • Ferdinand von Schirach, Autor und Jurist
  • Gerhard Scheuch, Bio-Chemiker

Der Talkverlauf

Schon das Wort „Ausgangssperre“ müsse verboten werden, findet Bio-Chemiker Dr. Gerhard Scheuch, nicht zuletzt weil es suggeriere, dass es draußen besonders gefährlich sei. Der Idee, Menschen bei Nacht in ihre vier Wände zu verbannen, kann auch Berlins Regierender Bürgermeister nichts abgewinnen. Michael Müller erklärt zu Beginn der Sendung, warum er einigen der neuen Beschlüsse nicht folgt. Dem Notbremse-Beschluss zufolge müsse man handeln bei einer Inzidenz von 130 wie derzeit in Berlin. Und er handle auch, als Länderchef greife er in einigen Bereichen sogar härter durch, etwa bei Kontaktbeschränkungen.

Für ihn gebe es allerdings zwei Ausnahmen: Dazu gehöre der Einzelhandel, der in Berlin geöffnet bleibt aber an ein tagesaktuelles negatives Corona-Testergebnis gebunden ist. Und einer Ausgangssperre will er in der Hauptstadt erst folgen, wenn sie Bundesgesetz wird. „Es ist ein harter Grundrechtseingriff, jemandem zu sagen, du darfst nachts alleine nicht mehr vor die Tür gehen“, sagt er und will wissen: „Warum eigentlich nicht?” Seiner Ansicht nach hält sich das Infektionsrisiko beim nächtlichen Gang um den Block oder Joggen in Grenzen.

Natürlich höre er von den Intensivmedizinern, dass die Situation auf den Stationen teils besorgniserregend sei und dass eingegriffen werden müsse. „Ich stelle auch die Notbremse nicht in Frage”, sagt Müller. In Berlin dürften noch maximal nachts zwei Menschen raus. „Aber bringt das wirklich etwas, wenn nun niemand mehr raus darf?” Als Lanz allerdings wissen möchte, welche Schritte als nächstes folgen und wann sie umgesetzt werden, räumt der SPD-Politiker ein: „Unsere Entscheidungsprozesse sind zu schwerfällig.“

Auch Journalistin Helene Bubrowski kritisiert die Ausgangssperren, durch die etwa Hamburgs Bürger nach 21 Uhr nicht vor die Tür dürfen: „Das verstehen Menschen nicht mehr”, sagt Bubrowski. Über ein Jahr nach Beginn der Pandemie erwarteten die Bürger passgenaue Regeln, und zwar „Regeln, deren Sinnhaftigkeit sie verstehen“, so die FAZ-Redakteurin, „sonst sagen sie: Da mache ich nicht mit.“ Dass der Gang um den Block abends verboten ist, verstünden die Menschen nicht mehr. Das sieht auch Müller so: „Aufmachen und zumachen ist die Antwort vom letzten Jahr, heute wissen wir doch mehr und haben mehr Instrumente.“

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Ferdinand von Schirach findet, man solle „diese blöde Inzidenz“ nicht als einzigen Wert für Entscheidungen hernehmen, ihn irritieren die Widersprüche der Wissenschaftler, die mit vielen Stimmen sprechen und dann erwarteten, „dass die Politik das löst.”

Aerosolforscher Gerhard Scheuch belehrt ihn: „Man erlebt im Augenblick Wissenschaft live“ – und dazu gehöre nun einmal Unsicherheit. Klar und eindeutig sind für den Biochemiker allerdings die Studien, die ermittelt haben, wo Ansteckungen stattfinden: und zwar zu über 99 Prozent in Innenräumen. Scheuch zitiert eine irische Untersuchung, die 232.000 Infektionen untersucht hat, von denen 262 im Außenbereich stattfanden. Eine chinesische Studie habe das gleiche belegt.

Als Lanz wissen will, ob er Ansteckungen im Biergarten damit ausschließe, sagt er: „Als Wissenschaftler schließe ich gar nichts aus.“ Er bittet: „Lassen Sie uns doch nicht den Fokus verlieren.“ Es sei doch offensichtlich, wo man ansetzen müsse. „Wir müssen uns darum kümmern, dass wir die Innenräume sicher machen“, sagt Scheuch. „Wir überlegen das jetzt seit einem Jahr und haben vielerorts immer noch keine Raumluftfilter.“ Schon allein über Ansteckungen im Freien zu diskutieren, halte er für überflüssig.

Der Forscher gibt noch eine Lehrstunde zum Thema Aerosol, einem „Gemisch aus Luft und Teilchen: Wenn irgendwas im Raum schwebt, ist das kein Aerosol sondern ein Aerosolteilchen.“ Diese Teilchen hätten die Eigenschaft, sich sehr schnell im Raum zu verteilen, erst recht in kleinen, und „da hilft auch keine Plexiglaswand.“ Er erinnert daran, wie wichtig Lüften in Innenräumen ist und erklärt, warum in großen Räumen die Gefahr kleiner ist. Die effektivste Maßnahme sei, mit möglichst wenigen Menschen in einem Raum zu sein, und auch das nur kurz. Draußen hingegen bestehe jedoch wie belegt eine deutlich geringere Gefahr, sich durch diese Teilchen zu infizieren.

Bubrowski verteidigt: Auch in der Regierung glaube niemand, dass Joggen um den Block um 22 Uhr abends zu einer Ansteckung führe. Worum es eigentlich gehe, sei beispielsweise Treffen am Abend mit vielen Freunden zu Hause zu verhindern. Auch sie allerdings nennt die Ausgangssperre „das allerletzte Mittel, wenn nichts anderes mehr geht.“

Zur Impfsituation in Deutschland, zu der es wie Müller ankündigte noch eine Ministerpräsidentenkonferenz geben wird, wünscht sich die Journalistin „deutlich mehr Pragmatismus“. „Wir neigen eher dazu, eher keinen zu impfen oder große Gruppen gar nicht zu impfen“ wenn auch nur die Gefahr bestehe, dass ein Vordrängler zuerst dran komme. „Bevor es einem ein bisschen besser geht, soll es eher allen schlecht gehen“, kritisiert die Journalistin. Das sei eine „total deutsche Haltung“ ,die zum Problem werde. In anderen Ländern habe fast jeder, „der seinen Oberarm aus dem Auto hält, seine Spritze drin.“ Ganz so müsse es ja nicht laufen. „Aber ich frage mich, ob wir uns nicht etwas mehr trauen können. Da ist etwas mehr Mut gefragt und weniger Zögerlichkeit.“

Unterstützt wird ihre Position durch eine Rede von Michael Ryan aus dem Vorjahr, die Lanz einspielt. Darin plädiert der der WHO-Pandemiechef vor allem für rasches Handeln: „Wenn Sie sich erst sicher sein wollen, ehe Sie etwas entscheiden, werden Sie nie gewinnen“, zitiert er aus Erfahrungen mit Ebola und ergänzt: „Perfektion ist der Feind des Guten in einer Notfallsituation, Geschwindigkeit schlägt Perfektion.“