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Lockerung der Corona-Beschränkungen: Fachleute mahnen Vorsicht an

Corona-Beschränkungen : Mediziner und Gesundheitsexperten mahnen Vorsicht beim Öffnen an

Die Lockerungen in vielen Bundesländern sind dank niedriger Inzidenzen aus Expertensicht gerechtfertigt. Auf „der sicheren Seite“ aber sei man noch nicht. Deswegen wird weiter auf Hygiene, Abstand und Maske gepocht. Und für die Innenbereiche gibt es eine klare Warnung.

Die niedrigen Infektionszahlen bringen weitreichende Lockerungen der Corona-Beschränkungen in vielen Bundesländern mit sich. Hausärzte, Intensivmediziner und Gesundheitspolitiker verschiedener Parteien haben die weiteren Öffnungsschritte, die an diesem Freitag in Kraft traten, grundsätzlich gutgeheißen. Zugleich aber gibt es weiterhin mahnende Stimmen, die einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen nicht ausschließen. Auch die Warnung vor einer vierten Corona-Welle wird laut.

„Bei den Öffnungsschritten ist das Allesentscheidende, dass die Innenräume nur für Geimpfte, Getestete oder Genesene zugänglich sind. Das betrifft alle Innenbereiche, egal ob in Restaurants, Cafés, Hotels, bei Veranstaltungen oder beim Sport“, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er begründete dies mit der Gefahr von Superspreading-Ereignissen, bei denen ein Infizierter viele weitere Personen ansteckt. Dazu könne es nur in Innenbereichen kommen. „Grundsätzlich halte ich eine vierte Welle für möglich“, sagte Lauterbach. Ob es tatsächlich dazu komme, hänge einzig vom Vorgehen in den Innenbereichen ab.

Eine ähnliche Einschätzung kommt von der Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. „Am meisten Sorgen bereiten mir größere Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen, z.B. Fitnessstudios, Hallensport oder Innengastronomie - mir wird dabei ganz anders“, sagte Brinkmann im Interview mit unserer Redaktion. Sie bezeichnete es als „großes Problem“, dass in vielen Bereichen gleichzeitig wieder geöffnet werde. Auch die Virologin hält eine vierte Welle nicht für ausgeschlossen. Der Eindruck trüge, dass man durch das Impfen „schon auf der sicheren Seite“ sei. „Das sind wir noch nicht. Das Ziel sollte sein, mit niedrigen Inzidenzen unter zehn in den Sommer zu gehen, und dazu braucht es Impfung, Testen, Masken“, so Brinkmann.

Seit diesem Freitag können etwa in Mecklenburg-Vorpommern wieder auswärtige Touristen mit Negativ-Test Urlaub machen. In Berlin entfällt nun die Testpflicht im Einzelhandel und in der Außengastronomie. In der Hauptstadt sowie in Hamburg öffnet auch die Innengastronomie wieder, allerdings bleibt hier der Negativ-Test die Voraussetzung. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will die EM-Fußballspiele ab Mitte Juni mit rund 14.000 Zuschauern in der Münchner Arena zulassen.

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Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen hält die Öffnungsschritte dank sinkender Fallzahlen für vertretbar, allerdings müssten diese „verantwortungsvoll statt unvorsichtig“ sein. Dabei machte er auch klar, war er unter unvorsichtig versteht. „Schutzmaßnahmen wie Maskenschutz in Supermärkten bleiben weiterhin notwendig“, sagte Dahmen. Um eine vierte Welle zu vermeiden hält er präzisere Daten „für ein realistisches Lagebild“ für notwendig. „Gerade zu den Impfungen fehlt es an wichtigen Daten“, so der Grünen-Politiker.

Auch die Intensivmediziner halten die Öffnungen angesichts der sinkenden Zahlen für gerechtfertigt. Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), verzeichnet auch täglich weniger Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Dennoch mahnte er auch weiterhin das Einhalten der Hygieneregeln, Maske tragen, Abstand und regelmäßiges Testen an. „Wenn viele Menschen unvorsichtig werden, könnten sich im Herbst wieder mehr Infektionen ereignen, vor allem, wenn die Mutation B.1.617.2 die bereits dominante Virus-Variante ist. Dann ist eine vierte Welle möglich“, so Marx.

Vor diesem Hintergrund wird auch Kritik am Auslaufen der bis 30. Juni befristeten Bundesnotbremse laut. „Ich würde die Bundesnotbremse nicht auslaufen lassen“, sagte Lauterbach. Sie habe sich als Reserve bei einer Verschlechterung der Lage bewährt. „Aber man muss einfach sagen, wir sind im Wahlkampf. Im Wahlkampf musste die Bundesnotbremse dran glauben“, räumte der SPD-Politiker ein. Auch Virologin Brinkmann kritisierte das Wegfallen dieses „wichtigen Notfallmechanismus“. „Man hat das mit so viel Mühe durchgesetzt und jetzt lässt man es einfach auslaufen. Das kann ich nicht nachvollziehen“, sagte sie.

Der Deutsche Hausärzteverband forderte ein durchdachtes und verlässliches Reagieren auf das sinkende Infektionsrisiko. „Wenn man Maßnahmen, Einschränkungen wie Lockerungen, an eine – willkürlich festgelegte – Inzidenz oder ein Datum bindet, dann müssen die Regelungen auch zuverlässig greifen und das nicht nur bei steigenden Zahlen, sonst führt das schnell zu Frustration und Politikverdrossenheit“, sagte Ulrich Weigeldt, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes. Die strengen Einschränkungen hätten Auswirkungen auf Menschen, ganz besonders auf Kinder und Jugendliche. „Ich sehe in meinem Umfeld, dass uns diese Zeit, in der wir Hoffnung schöpfen und erste Grundrechte wieder gelebt werden können, unglaublich gut tut“, so Weigeldt.