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Klopapier in Corona-Zeiten: Warum Toilettenpapier knapp und teuer ist

Völlig von der Rolle : Warum Klopapier gerade knapp und teuer ist

In der Corona-Krise ist Toilettenpapier eine begehrte Ware geworden. Die Fabriken schieben Extraschichten, kommen mit der Nachfrage aber nicht hinterher. Warum müssen Verbraucher vielerorts mehr zahlen, obwohl die Abnehmerpreise der Industrie gleich geblieben sind?

Eine Rolle Toilettenpapier für einen Euro. Und dann noch nicht einmal mehrlagig, sondern rau und recycled. Mehrere Leser haben sich in den vergangenen Tagen über die horrenden Preise beschwert, nennen es „Wucher“. Das Geschäft mit dem Geschäft scheint so lukrativ geworden zu sein, dass sogar Bäckereien die Rollen in der Auslage haben. Das Geld verdienen aber offenbar andere, ohne dass es der Verbraucher überhaupt mitbekommt.

Ein türkischer Supermarkt in der Bonner Altstadt. Knapp zehn Euro kostet hier das Paket Toilettenpapier. „Wir bezahlen auf dem Kölner Großmarkt für vier Pakete selber 36 Euro“, erklärt ein Mitarbeiter. Andernorts, diesmal in einem Rewe-Markt im Bonner Norden, ein ähnliches Bild. 4,99 Euro steht auf den selbstgedruckten Zetteln am Regal, das spartanische Toilettenpapier hat kein Etikett, sondern sieht aus wie im Großhandel. Und auch hier versichert eine leitende Mitarbeiterin: „Wir verdienen daran nicht viel. Wir sind froh, dass wir überhaupt etwas bekommen haben, weil der Kunde das von uns erwartet.“

Von den großen Zentrallagern werde man schon seit Tagen nicht mehr mit Klopapier beliefert. „Wenn wir uns nicht selber kümmern würden, wären unsere Regale leer.“ Der Preis des Toilettenpapiers schwanke nahezu täglich, je nachdem, wo es gerade eingekauft wurde. „Sicher ist nur, dass es noch am selben Tag weg ist. Deshalb stellen wir auch nur noch die Paletten rein.“ Einen Vorteil hätten die höheren Preise jedoch: „Die Leute überlegen sich, ob sie es kaufen, sie gehen bedachter damit um.“ Eine andere Variante, damit das Toilettenpapier länger hält, ist, die Regale mehrmals am Tag, aber nicht mit der kompletten Lieferung, aufzufüllen.

Wenn eine Leistung zu einem Preis angeboten wird, der in einem deutlichen Missverhältnis zu der angebotenen Leistung steht, spricht man im Strafgesetzbuch vom Wuchertatbestand. Solche Fälle sind der Stadt Bonn bislang nicht bekannt. „Dies müsste im Einzelfall bei Vorliegen einer Anzeige von der zuständigen Staatsanwaltschaft überprüft werden“, erklärt Isabel Klotz vom Presseamt. Verboten sei es nicht, wenn Bäckereien oder Metzgereien Waren anböten, die nicht zum klassischen Sortiment gehörten. „Insbesondere in Lagen, in denen der nächste Supermarkt weiter entfernt ist, kam Derartiges schon immer vor.“

Wieviel eine Rolle Klopapier wert ist, regeln Angebot und Nachfrage. Auf dem Großmarkt im Kölner Süden bestimmt diese Regel den Alltag. „Wir bekommen täglich Anrufe von Kaufleuten, die Klopapier suchen“, erzählt ein Großhändler. Er ist einer von rund 200, die dort ihre Waren anbieten. „Weil die Nachfrage so groß ist, reagiert der Markt natürlich darauf.“ Heißt: Immer mehr versuchen damit zu spekulieren und Geld zu verdienen. Das sei vielleicht nicht der Lebensmittelhändler, der sich spezialisiert habe. „Aber die, die zum Beispiel ohnehin mit Verpackungen zu tun hatten, stürzen sich jetzt darauf und machen ein gutes Geschäft.“ Wer liefert, egal woher, kann hohe Preise verlangen.

Das ist auch schon dem Verband Deutscher Papierfabriken mit Sitz in Bonn aufgefallen. Der deutsche Klopapiermarkt hat ein empfindliches Gleichgewicht. „Und das ist durch diese ganzen irrsinnigen Hamsterkäufe komplett aus dem Tritt geraten“, erklärt Sprecher Gregor Andreas Geiger. Etwa 750.000 Tonnen Toilettenpapier werden ziemlich konstant pro Jahr in Deutschland produziert und auch verbraucht. Doch jetzt halte eine Palette nicht mehr drei Tage, sondern nur noch zehn Minuten.

Die Fabriken kämen nicht mehr hinterher, obwohl sie die Produktion beispielsweise durch 24-Stunden-Schichten gesteigert hätten. „Es wird sogar das Sortiment reduziert, um die Logistik zu entlasten.“ Die Grundpreise seien dieselben wie vor der Krise. „Die Industrie verdient sich keine goldene Nase“, sagt Geiger und prophezeit: Würden die Hamsterkäufe aufhören, wäre der Engpass schlagartig vorbei.

Dieser Text erschien zuerst beim Bonner "General-Anzeiger".