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Klöckner will Fleisch teurer machen, Verbraucherzentrale lehnt das ab

Nach Corona-Ausbrüchen in Schlachthöfen : Klöckner will Fleisch teurer machen

Schlechte Bedingungen für Tiere, schlechte Bedingungen für Arbeiter: Die Industrie muss reformiert werden. Der Chef der Verbraucherzentralen, Klaus Müller, fordert statt einer Fleischsteuer ein Tierwohllabel und mehr Kontrollen.

Westfleisch, Vion, Tönnies: Immer wieder kommt es zu großen Corona-Ausbrüchen in Schlachthöfen. Nun wächst der Druck, die Konzerne an die Kandare zu nehmen und den Preiskampf bei Arbeitskräften und im Handel zu stoppen. „Fleisch ist zu billig“, sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU). Landwirte bräuchten faire Preise, um Stallumbauten zu ermöglichen. Daher setze sie sich für eine Tierwohlabgabe ein. „Auch für die Verbraucher wird sich etwas ändern müssen“, sagte Klöckner der dpa. Fleisch solle zwar kein Luxusprodukt für Reiche werden, aber auch keine Alltagsramschware.

Eine Kommission unter Leitung eines ihrer Vorgänger, Jochen Borchert, hatte aufgezeigt, wie nötige Verbesserungen in der Tierhaltung finanziert werden können. Sie schlägt eine Abgabe auf tierische Produkte vor, die wie eine Verbrauchsteuer funktioniert – und etwa 40 Cent mehr pro Kilo Fleisch zwei Cent mehr pro Kilo Milch bedeutet.

 Der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentrale (vzbv), Klaus Müller, hält davon nichts: „Ein höherer Preis durch eine neue Fleischsteuer oder Tierwohlabgabe garantiert leider keine bessere Qualität, kein höheres Tierwohl oder Arbeitssicherheit in Schlachtereien. Darum ist eine neue Fleischsteuer nicht der richtige nächste Schritt“, sagte er. „Was wir brauchen, sind höhere Tierwohlstandards, effiziente Kontrollen und ein gutes staatliches Tierwohllabel, um Qualität an der Fleischverpackung erkennen zu können.“ Zugleich verweist er auf einen Weg, um Bauern bei der Umstellung auf eine artgerechtere Produktion zu helfen: „Aus den europäischen und deutschen Agrarsubventionen und dem Konjunkturprogramm sollten Landwirte bei Stallumbauten unterstützt werden.“

Neben den Tieren leiden oft auch die Arbeitskräfte in den Betrieben, wie sich bei den aktuellen Corona-Ausbrüchen zeigt. Verbraucherschützer Müller kritisierte das Geschäftsmodell von Tönnies: „Tönnies ist ein arbeitsrechtlicher Skandal, das Geschäftsmodell organisierter Unverantwortlichkeit muss verboten werden.“

Am Samstag hatte der Kreis Gütersloh kritisiert, dass Tönnies nach dem dortigen Corona-Ausbruch nicht umgehend alle Adressen der Arbeiter herausgegeben hatte, die die Gesundheitsämter zur Nachverfolgung der Infektionskette brauchen. „Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich null“, sagte der Leiter des Gütersloher Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch. Tönnies machte für die Verzögerungen seine Subunternehmer verantwortlich.

Um Fleisch billig anbieten zu können, setzten Schlachthöfe häufig ausländische Kräfte ein, die offenkundig geringere Löhne durchsetzen können als deutsche Arbeitskräfte. Das jedenfalls geht aus Daten der Bundesagentur für Arbeit hervor: Demnach liegt das Median-Einkommen bei deutschen Beschäftigten in Schlachtbetrieben zuletzt bei 2300 Euro brutto im Monat. Bei rumänischen Beschäftigten waren es 1800 Euro, bei Bulgaren 1700 Euro, bei Polen 1900 Euro, bei Ungarn knapp 2000 Euro.

SPD und Grüne forderten schon 2019, den Fleischpreis zu erhöhen und dafür den ermäßigten Mehrwertsteuersatz zu kippen. Nach dem Ausbruch bei Tönnies hatte NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) angekündigt, zu niedrige Fleischpreise zu unterbinden.