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IW-Chef: „Grundschulen zum 1. Februar wieder öffnen“

Interview mit IW-Chef Michael Hüther : „Grundschulen zum 1. Februar wieder öffnen“

Michael Hüther kritisiert die Verlängerung des Lockdowns: Deutschland drohe ein Bildungs-Desaster, das Land hänge Kinder aus bildungsfernen Haushalten ab. Zugleich müssten Pflegeheime besser geschützt werden.

Im Kampf gegen die Pandemie setzt der Staat weiter auf harte Beschränkungen. Darüber sprachen wir mit Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), in Köln. Er ist auch im Expertengremium, das Ministerpräsident Armin Laschet berät.

Was halten Sie von der Verlängerung des Lockdowns, obwohl er bislang kaum etwas gebracht hat?

Hüther Bund und Länder haben den Lockdown bundesweit verlängert und verschärft, ohne zu differenzieren. Sie hätte sich längst mehr Informationen beschaffen müssen und können. Die Covid-Ausbrüche finden nicht in Schulen statt, sondern in Pflegeheimen. Hätte man hier konsequenter Personal und Bewohner getestet, hätte man viele Todesfälle vermeiden können. Die Chancen der WarnApp hat man vertan, weil man kein echtes Tracing, also Nachverfolgen der Kontakte, zugelassen hat. Das ist frustrierend.

Die Schulen bleiben weiterhin geschlossen. Ist das richtig?

Hüther Hier droht uns ein Bildungs-Desaster. Deutschland hängt die Kinder aus bildungsfernen Haushalten ab, der wochenlange Distanzunterricht verschärft die sozialen Gegensätze weiter. Schulöffnungen sind vor allem eine Gerechtigkeitsfrage. Man hätte die Grundschulen zum 1. Februar wieder öffnen und für die weiterführenden Schulen Wechselunterricht einführen müssen. Und man sollte dies den Ländern überlassen: Die Lage in NRW oder gar Mecklenburg-Vorpommern ist eine ganz andere als in Thüringen.

Wie lange kann die Wirtschaft den Lockdown noch aushalten?

Hüther Stationärer Handel, Gastronomie, Hotels, Veranstalter, Sport und Kultur sind hart getroffen. Hier müssen endlich die Hilfen schneller und unbürokratischer fließen. Dass von den Novemberhilfen vielfach nur Abschlagszahlungen angekommen sind, ist ein Armutszeugnis für die Wirtschaftspolitik. Die Industrie ist dagegen ziemlich robust, sie profitiert vor allem von der Erholung Chinas. Damit die Lieferketten intakt bleiben, müssen die Grenzen offen gehalten werden. Ich erwarte einen leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal, bevor es im zweiten Quartal wieder aufwärts geht.

Wie beurteilen Sie die Impfpolitik? Nordrhein-Westfalen hat gerade den Start der Impfzentren wegen Lieferengpässen verschoben.

Hüther Die Impfkampagne ist nicht gut organisiert. Die Bundesregierung hat erst auf das falsche Pferd gesetzt und dann zu spät nachbestellt, als klar wurde, dass Biontech die erste Zulassung erhält. Die Länder haben die Impfzentren nicht gut organisiert, die noch immer nicht starten können.  Dabei sind schnelle Impfungen die beste Pandemiebekämpfung und die beste Wirtschaftspolitik.