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Insolvenzverwalter Biner Bähr: „Ich rechne mit 30.000 Insolvenzen“

Folgen von Corona-Krise : Experte rechnet mit 30.000 Insolvenzen im kommenden Jahr

Der Insolvenzverwalter Biner Bähr, der auch bei Esprit tätig ist, spricht über die Folgen der Corona-Krise für Unternehmen und Arbeitsmarkt. Er ist überzeugt, dass die Immobilienpreise nun wegen der Leerstände in den Innenstädten sinken.

Herr Bähr, Sie sind einer der bekanntesten Insolvenzexperten und etwa für Esprit tätig. Was bedeutet die Corona-Krise für Ihre Arbeit?

Bähr Die Arbeitsbelastung ist bei meinem Team und mir eigentlich immer hoch. Die Tätigkeit als Insolvenzverwalter fordert, wenn man der Aufgabe gerecht werden möchte, große zeitlich Hingabe. Das ist wie bei einem Arzt, der operiert. Der kann dem Patienten auf dem OP-Tisch auch nicht einfach sagen: „Tut mir leid, ich muss jetzt mit meiner Frau in die Oper“. Tatsächlich erwarte ich aber, dass wir Insolvenzverwalter in Zukunft noch mehr zu tun bekommen.

Haben wir für die Bewältigung der Krise überhaupt genug Experten?

Bähr Es gibt in Deutschland nach meiner Einschätzung mindestens 2000 professionelle Rest-rukturierungs- und Insolvenzexperten. Viele von uns verfügen über große Teams von langjährig tätigen Mitarbeitern, die im Umgang mit Krisensituationen sehr erfahren sind. Was die personelle Ausstattung angeht, sehe ich deshalb kein Problem auf uns zukommen. In großen Anwaltskanzleien können zudem unproblematisch Experten auch aus anderen Praxisgruppen hinzugezogen werden.

Die Bundesregierung setzt die Insolvenzantragspflicht bis Ende September aus. Ist das eine vernünftige Lösung, wenn Unternehmen schon kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stehen?

Bähr In der gegenwärtigen Situation, in der ganzen Branchen über Nacht die kompletten Umsätze weggebrochen sind, ist die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht durchaus sinnvoll. Andernfalls wäre eine große Zahl von Unternehmen verpflichtet, sofort einen Insolvenzantrag zu stellen. Damit ist aber niemandem geholfen, ganz zu schweigen von der hohen Zahl an Arbeitslosen, die wir dann in Deutschland sofort hätten. Allerdings wird die Gefahr einer Insolvenzwelle dadurch nicht gebannt, sondern nur in die Zukunft verschoben. Denn viele Unternehmen werden die Umsätze, die ihnen durch die Schließungen entgehen, nicht oder nicht ganz nachholen können. Gleichzeitig bleiben die Verbindlichkeiten bestehen. Der Gesetzgeber hat nur die Möglichkeit geschaffen, einzelne Verbindlichkeiten wie etwa Mieten vorübergehend zu stunden. Zudem müssen auch die Darlehen, die nun unter erleichterten Bedingungen aufgenommen werden können, irgendwann zurückgezahlt werden. Dies werden insbesondere Unternehmen, die bereits vor der Pandemie mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten, nicht schaffen.

Womit rechnen Sie?

Bähr Seit 2010 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland kontinuierlich gesunken, bis auf knapp 19.000 im vergangenen Jahr. Das wird sich jetzt rapide ändern. Ich persönlich rechne für das kommende Jahr mit mehr als 30.000 Unternehmensinsolvenzen und einer Arbeitslosenzahl zwischen vier und fünf Millionen.

Auch die Bundesregierung ist seit kurzem sehr skeptisch. Wie ordnen Sie diese Krise im Vergleich zu vorangegangen Krisen ein?

Bähr Wenn Sie jeden Tag persönlich vor Ort in den Unternehmen sind, bekommen Sie die Probleme hautnah mit. Was jetzt gerade beginnt, fühlt sich anders an als etwa das Platzen der Spekulationsblase im Jahr 2000. Die von mir erwartete Corona-Rezession wird auch zu tiefgreifenderen Einschnitten führen als die weltweite Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009, wo es weitgehend „nur“ um Liquidität ging und die Realwirtschaft sich relativ schnell wieder erholen konnte. Ähnlich wie der Internationale Währungsfonds (IWF) erwarte ich die schlimmste ökonomische Krise seit der „Großen Depression“ der Zwanziger- und Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Selbst im besten Fall dürfte es im kommenden Jahr nach meiner Einschätzung nur eine teilweise Erholung geben.

Wo sind die größten Probleme?

Bähr Nahezu alle Branchen sind von der Pandemie betroffen. Automobilhersteller und -zulieferer, der gesamte Einzelhandel, hier insbesondere der Bereich Fashion, Hotels, Gastronomie, Tourismus, Kultur, Sport. Selbst die kleine Tanzschule in meinem Viertel kann im Moment nicht öffnen. Hinzu kommt, dass eine allgemeine „Schockstarre“ einsetzt. Niemand investiert mehr. Der zwischenzeitlich negative Ölpreis spricht für sich.

Liegt das alles nur an Corona?

Bähr Natürlich ist die Pandemie der maßgebliche Grund für die aktuellen Probleme. Aber jetzt zeigt sich auch, dass es sich viele Unternehmen in den letzten Jahren zu „gemütlich“ gemacht haben. Der lange Wirtschaftsaufschwung und die niedrigen Zinsen haben viele strukturelle Probleme verdeckt. Unternehmen waren in vielen Fällen nicht gezwungen, ihre Prozesse und Produkte laufend zu verbessern und sich zukunftsfähig aufzustellen. Deshalb werden viele den Wandel auch nicht überleben. Corona bringt das Fass jetzt zum Überlaufen.

Wie verändert Corona aus Ihrer Sicht das Wirtschaftsleben?

Bähr Vor allem das Verhalten der Verbraucher wird sich einschneidend verändern. Viele Menschen werden sich stärker als bisher etwa vom Bargeld verabschieden. Der Online-Handel wird nach meiner Überzeugung jetzt seinen endgültigen Durchbruch erleben. Die Innenstädte werden nach der Pandemie anders aussehen als heute.

Inwiefern?

Bähr Die Leerstände in den Zentren werden deutlich steigen, weil viele Handelsunternehmen in die Insolvenz gehen werden. Entsprechend werden auch die Immobilienpreise erst einmal sinken. Insgesamt wird es eine große Vermögensumverteilung geben. Darin liegt aber auch genau unsere Chance. Durch die Krise sind wir gezwungen, uns wieder wettbewerbsfähiger aufzustellen, kreativer nach innovativen Produkten zu suchen, den Umwelt-schutz noch stärker in unsere Entscheidungen einzubinden und vielleicht auch wieder härter zu arbeiten.