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Hohe Corona-Zahlen: Droht ein Lockdown für Ungeimpfte?

Hohe Corona-Zahlen : Droht ein Lockdown für Ungeimpfte?

Die Corona-Neuinfektionen haben in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Einige Bundesländer verschärfen bereits ihre Maßnahmen. Die Bundesregierung fordert eine Ausweitung von 2G-Regelungen. Unterdessen starten die USA Impfungen bei Kindern unter 12 Jahren – wie sieht es in Deutschland aus? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat vor einer „großen Wucht“ der vierten Corona-Welle gewarnt. „Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, wird die vierte Welle viel Leid bringen“, mahnte auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Mittwoch in Berlin zu Vorsicht. Hier ein Überblick, welche Hürden es bei den Auffrischungsimpfungen gibt, ob es zu Verschärfungen für Ungeimpfte kommen kann und was die Kinder-Impfungen in den USA für Deutschland bedeuten.

Wie sehen die aktuellen Corona-Zahlen aus?

Das RKI meldete am Donnerstagmorgen (4. November 2021) 33.949 Corona-Neuinfektionen – und damit 172 mehr als am 18. Dezember 2020, also noch mehr, als bis auf dem bisherigen Höhepunkt der Pandemie in Deutschland. Das sind zudem 5912 Fälle mehr als vor einer Woche. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg auf 154,5 nach 146,6 am Vortag. Es blieb zunächst offen, inwiefern der Feiertag Allerheiligen am Montag in fünf Bundesländern eine Rolle bei der Entwicklung der Zahlen spielte. Zudem registrierte das RKI 165 neue Todesfälle. Eine Übersicht aller Zahlen finden Sie hier.

Kann es zu weiteren Einschränkungen kommen, um die vierte Welle zu brechen?

Das scheint unvermeidbar, in einzelnen Bundesländern wurden die Maßnahmen bereits verschärft. So gilt in Baden-Württemberg seit Mittwoch die Corona-Warnstufe. Damit müssen Personen, die nicht geimpft oder genesen sind, etwa im Restaurant, Kino oder Schwimmbad einen negativen PCR-Test vorweisen. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte am Mittwoch schärfere Maßnahmen an. So soll in bayerischen Corona-Hotspots künftig eine 3G-Regelung am Arbeitsplatz gelten. Bei mehr als zehn Personen in einem Raum müssten dann alle Anwesenden geimpft, genesen oder auf eine Corona-Infektion getestet sein.

Droht ein Lockdown nur für Ungeimpfte?

Eine solch drastische Maßnahme ist derzeit nicht in Sicht und gilt als unwahrscheinlich. Mit der geplanten Abschaffung der epidemischen Lage zum 25. November soll der Spielraum der Länder für einen Lockdown ohnehin wegfallen. Allerdings müssen Ungeimpfte mit besonderen Verschärfungen rechnen. Regierungssprecher Steffen Seibert plädierte beispielsweise für eine Ausweitung der 2G-Regeln in den Bundesländern. Seibert sagte am Mittwoch: „Wenn sich die Pandemielage in Krankenhäusern weiter zuspitzt, sind weitere Beschränkungen nur bei Ungeimpften möglich", sagt er. Kanzlerin Angela Merkel sehe die Entwicklung mit großer Sorge.

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Wie sollen die Booster-Impfungen vorangebracht werden?

Spahn will an diesem Donnerstag mit Ärztevertretern über die nächsten Schritte beraten. Er kritisierte zudem das Tempo der Auffrisch-Impfungen in den Bundesländern als zu langsam. Obwohl bereits vor drei Monaten mit den Ländern vereinbart worden sei, dass zunächst Bewohnern in Pflegeeinrichtungen und allen über 60-Jährigen eine Booster-Impfung angeboten werden solle, habe es seither erst zwei Millionen Auffrisch-Impfungen gegeben, sagte er. Die Länder sollten die Betroffenen informieren, wie dies Nordrhein-Westfalen und Berlin täten.

Was sagen die Länder dazu?

Der neue nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), der auch Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist, betonte in seiner ersten Regierungserklärung, es brauche breite Auffrischungsimpfungen. „Wir müssen alles versuchen, Ungeimpfte von der Sicherheit des Impfangebots zu überzeugen und die Geimpften durch umfassende Booster-Impfungen weiter zu schützen“, sagte er im Düsseldorfer Landtag. Erforderlich sei eine abgestimmte Strategie von Bund und Ländern. Derzeit wird darüber debattiert, ob es eine weitere Bund-Länder-Runde geben soll. Mehrere SPD-Ministerpräsidenten hatten sich skeptisch gezeigt, die Wahrscheinlichkeit steigt jedoch für ein Treffen in der kommenden Woche. Die Gesundheitsminister beraten am Donnerstag und Freitag.

Wie reagieren die Ärzte selbst auf Forderungen nach schnelleren und häufigeren Booster-Impfungen?

Bei den deutschen Hausärzten, die in der ersten Reihe bei den Impfungen stehen, herrschen Skepsis und teils Unverständnis vor. „Ich wundere mich darüber, wie viel Aufmerksamkeit die Booster-Debatte aktuell erfährt, wo die größere Herausforderung doch eindeutig beim ungeimpften Bevölkerungsanteil liegt“, sagte etwa der Chef des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, unserer Redaktion. Das scheine ja auch die Kanzlerin so zu sehen, fügte er hinzu. Bezüglich der Auffrischungsimpfung wolle er bei jüngeren Impfwilligen um Verständnis bitten: „Viele Hausärztinnen und Hausärzte halten sich an die Stiko, deren Empfehlungen die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse widerspiegeln. Zudem gilt es – wie auch im vergangenen Frühjahr – zunächst die gefährdetste Patientengruppe zu schützen und das sind vorrangig Hochbetagte und Immungeschwächte.“ Damit stellte Weigeldt sich gegen den Ansatz von Jens Spahn, der auch jüngere Bevölkerungsgruppen zur dritten Impfung aufgerufen hatte. „Angesichts des hohen saisonalen Arbeitsaufkommens in den hausärztlichen Praxen etwa wegen der Infektwelle, Grippeschutzimpfung und Corona-Versorgung, ist zudem ein geordneter Impfprozess für die Praxen hilfreich, bei dem die vulnerablen Gruppen nach und nach geimpft werden“, betonte Weigeldt.

Politiker und Experten: Mehr Tempo bei Booster-Impfungen

Wie geht es mit den Impfungen bei jüngeren Kindern voran?

Was in Deutschland noch Zukunftsmusik ist, wird in den USA jetzt umgesetzt. Die US-Gesundheitsbehörde CDC hat grünes Licht für die Corona-Impfung von Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren gegeben. Seit Beginn der Pandemie wurden in den USA 1,9 Millionen Corona-Infektionen bei Fünf- bis Elfjährigen registriert, mehr als 8300 Kinder wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Mehr als hundert Kinder starben.

Wann kann es in Deutschland grünes Licht geben?

In Europa hat Biontech die Zulassung bei der Europäischen Arzneibehörde (Ema) im Oktober beantragt. Die Zulassungsstudie zeige, dass der Impfstoff gut verträglich sei und eine starke Immunantwort der Kinder hervorrufe, so der Hersteller. Knapp 2300 Kinder hatten an der Studie teilgenommen. Eine Zulassung der Ema könnte es bereits im November geben. Dennoch werden sich viele Familien gedulden müssen. Denn die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), nach der sich viele Kinderärzte richten, wird erst für 2022 erwartet: „Wir gehen davon aus, dass eine entsprechende Stiko-Empfehlung erst im nächsten Jahr erfolgen wird“, sagte ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein.

Was sagt die Stiko?

„Die Daten aus der Zulassungsstudie, die bei der Ema eingereicht wurden, stehen auch dem RKI und der Stiko zur Verfügung und müssen ausgewertet werden“, hatte Stiko-Chef Thomas Mertens unlängst unserer Redaktion gesagt. Er äußert sich zurückhaltend: „Für eine abwägende Entscheidung zu einer Empfehlung müssen erwartbare positive Effekte (klinisch, psychosozial) für die Kinder und mögliche Restrisiken bei im Wachstum befindlichen Kindern möglichst einigermaßen quantitativ fassbar sein. Je geringer die Krankheitslast in einer Gruppe, umso sicherer muss die Impfung sein.“ Die Stiko verweist auf die Unterschiede zu den USA. Kinder in den USA seien stärker von der Pandemie betroffen als bei uns, so der Stiko-Chef. Das kann am höheren Anteil von Kindern mit Risikofaktoren wie Diabetes und Übergewicht oder am (schlechteren) US-Gesundheitssystem liegen.

Welche Stiko-Empfehlung ist zu erwarten?

Der Apothekerverband Nordrhein erwartet, dass die Stiko die Impfung nur für Kinder mit Vorerkrankungen empfehlen wird. „Ich gehe nicht von einer generellen Impfempfehlung der Stiko und auch nicht der Politik aus“, sagte Verbandschef Thomas Preis. Gegen Masern, Mumps und Röteln werde aus gutem Grund jedes Kind geimpft, doch: „Coronavirus-Infektionen verursachen bei kleinen Kindern nicht so schwerwiegende Komplikationen, wie wir es von den typischen Kinderkrankheiten kennen.“ Für vorerkrankte Kinder aber ist das anders: „Die Zulassung wird für Kinder sehr wichtig sein, die bei einer Coronavirus-Infektion sehr schwere gesundheitliche Schäden zu erwarten haben. Das wird im Einzelfall der Kinderarzt mit den Eltern besprechen“, so Preis.

Welche Dosis soll es geben?

Kinder ab zwölf erhalten die gleiche Dosis Biontech wie Erwachsene. Bei Kindern unter zwölf soll es hingegen eine geringere Dosis gegeben werden. In den USA erhalten die Kinder unter zwölf ein Drittel der Menge, die Erwachsenen und Kindern ab zwölf verabreicht wird. Aber auch die Kleinen sollen zwei Dosen erhalten. In der Zulassungsstudie erfolgten diese im Abstand von drei Wochen.