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Hier in NRW: Welche Bedeutung das Brennglas in der Corona-Krise hat

Kolumne „Hier in NRW“ : Die Renaissance der Lupe

Ein altbackener Begriff erlebt mitten in der Corona-Krise eine Konjunktur. Dabei hätten Gesellschaft und Politik einfach nur früher genau hinsehen müssen – sichtbar sind die Missstände schon lange, findet unser Autor.

Es gibt Begriffe, die sind untrennbar mit der Corona-Pandemie verbunden. Welcher kommt Ihnen als erster in den Sinn? Der Mund-Nasen-Schutz vielleicht. Womöglich die Kontaktbeschränkung oder der Lockdown. Doch wenn man sich in diesen Tagen im politischen Raum umhört, dann ist es ein anderes Wort. Eines, das nicht nur etwas Patina angesetzt hat, sondern auch für gewöhnlich in unserem Alltagswortschatz keinen Platz hat: das Brennglas.

Egal, ob Talkshow, Pressekonferenz oder PR-Darreichung – es scheint fast unmöglich zu sein, dem Begriff auszuweichen. Irgendjemand wird immer verbal zur Lupe greifen. Der Fall Tönnies habe die Probleme in der Fleischindustrie wie unter einem Brennglas offenbart, sagte beispielsweise Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) jüngst nach einem Dialog mit der Fleischwirtschaft in Düsseldorf. Elternvertreter benutzen den Vergleich, um zu belegen, dass die Corona-Pandemie die Schwächen bei der Digitalisierung an den Schulen offenlegt. Der Verband der Pflegedirektoren an den Unikliniken weist mit ihm auf Missstände hin. Gewerkschafter nutzen ihn, um zu zeigen, dass die Krise auch die Menschen trifft, die für den Mindestlohn arbeiten. Die Liste ließe sich seit Beginn der Corona-Pandemie beliebig ergänzen.

Brennglas, das klingt nach brandgefährlich. Man hat gleich das Kind im Garten vor Augen, das bei Sonnenschein zündelt und dabei womöglich das Haus in Flammen setzt.

Der Begriff mag zwar schön plakativ sein, er kaschiert aber dies: Natürlich offenbart die Krise Missstände, gebrannt hat es aber in den meisten Fällen schon vorher. Bei den Werkverträgen etwa. Das Problem war nur, dass sich trotz des weithin sichtbaren Rauchs und der warnenden Rufe einiger weniger niemand recht dafür interessiert hat.

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