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Heinsberg-Studie zu Corona: SPD hinterfragt Seriosität der Studie

Corona-Pandemie : Zweifel an Seriosität der Heinsberg-Studie

Das Vorgehen der Verantwortlichen bei der Corona-Studie im Kreis Heinsberg ruft die NRW-Opposition auf den Plan. Auch die Deutsche Forschungsgesellschaft geht einem Hinweis auf wissenschaftliches Fehlverhalten nach.

Das Vorgehen der Verantwortlichen bei der Corona-Studie im Kreis Heinsberg ruft die NRW-Opposition auf den Plan. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion, Sarah Philipp, verlangte von der Landesregierung weitere Details zur Beteiligung der PR-Agentur Storymachine.

Auch wenn keine öffentlichen Mittel an Storymachine geflossen seien, so gebe es dennoch einen oder mehrere Financiers, die der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt seien. „Und das bei einem Projekt, das aus öffentlichen Mitteln finanziert wird und das für die Entscheidungsfindung politischer Entscheidungsträger maßgebliche Relevanz hat“, heißt es in ihrer Anfrage an die Landesregierung.

Die Öffentlichkeit habe ein Recht auf vollständige Transparenz über das Zustandekommen der Studie und ihrer Vermarktung. „Wenn ein paar Freunde im Hintergrund darüber entscheiden, wer die PR-Inszenierung zu diesem öffentlichen Projekt macht, und das Ganze auch noch privat finanziert wird, dann frage ich mich schon: Wessen Interessen werden hier eigentlich verfolgt?“, sagte Philipp unserer Redaktion. „Das der Öffentlichkeit oder das von Privatpersonen? Hier steht die Glaubwürdigkeit des gesamten Projekts auf dem Spiel.“

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, AfD, Martin Vincentz, verteidigte dagegen die Studie. Sie trage erheblich zum Erkenntnisgewinn bei. „Ich bin mir nur alles andere als sicher, ob die Landesregierung, nachdem sie mit ihrem letzten Gesetzesentwurf schon deutlich im Abseits stand, die richtigen Schlüsse aus den Ergebnissen ziehen wird“, sagte er.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte am Dienstag unterstrichen, dass die Erkenntnisse der Bonner Forscher mit als Grundlage für die Lockerungs-Entscheidungen vom Mittwoch dienten.

„Aktuell ist man sich nicht immer sicher, ob Laschet als Ministerpräsident agiert oder im Wettstreit um den CDU-Parteivorsitz Erster sein will in Sachen Exit-Strategie“, kritisierte Grünen-Fraktionsvize Mehrdad Mostofizadeh. „Tatsächlich brauchen wir einen klug ausgedachten Plan mit klaren Handlungskriterien und verantwortungsvolle Schritte, um angemessen die Krise zu bewältigen – und keinen Überbietungswettbewerb.“ Er warnte, dass sich das Land NRW nicht als Profilierungsbasis eigne.

Neben der Vermarktung der Studie rücken zunehmend auch inhaltliche Fragen ins Zentrum der Kritik. So bemängelte der Berliner Virologe Christian Drosten, dass der von Streeck verwendete Antikörpertest der Firma Euroimmun womöglich nicht so genau sei, wie das der Hersteller angebe. „Diese Labortests haben eine hohe Rate an falsch positiven Signalen, rein technisch“, sagte er. Sie könnten auch bei herkömmlichen, saisonalen Coronaviren anschlagen.

Der Epidemiologe Gérard Krause kritisierte, aus Haushalten könne man nicht einfach auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen. Wenn eine Person im Haushalt infiziert sei, seien es wahrscheinlich bald alle, und das Ergebnis werde dadurch verfälscht. Streeck bestätigte gegenüber „Zeit Online“, dass für die Zwischenergebnisse tatsächlich jede einzelne der eingeladenen Personen gezählt wurde – und nicht haushaltsweise. Die Studie sei „mit heißer Nadel gestrickt“ worden. Die Kernaussagen der „Heinsberg-Protokolle“ waren, dass 15 Prozent der Bewohner Gangelts mittlerweile gegen das Virus immun seien und die Sterblichkeitsrate bei 0,37 Prozent liege.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit Sitz in Bonn beschäftigt sich derzeit ebenfalls mit den „Heinsberg-Protokollen“. Ein Sprecher teilte mit: „Zu der genannten Studie hat sich ein Hinweisgeber an die DFG gewandt, der in der Studie wissenschaftliches Fehlverhalten vermutet. Diesen Hinweisen wird nun nachgegangen.“ Unter anderem müsse geklärt werden, ob es bei der Studie einen Bezug zu einer DFG-Förderung gebe und ob die Vermutungen inhaltlich begründet seien.

Die Universität Bonn erklärte die DFG für nicht zuständig, da keine Mittel geflossen seien. Auch bei der Uni habe sich ein Hinweisgeber gemeldet. Ein Sprecher des Rektorats erklärte, die Eingaben seien vom Ombudsmann „auf der Grundlage bewährter Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der Universität Bonn eingehend geprüft“ worden. Er habe keine Anhaltspunkte für das Vorliegen eines Fehlverhaltens feststellen können.