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Gerd Antes im Interview - Statistiker fordert Corona-Kohortenstudie

Deutschland in der Pandemie : „Die Zahlen sind dramatisch falsch“

Wie ist die Impfquote - und wann endet die Pandemie? Beide Fragen sind aktuell kaum zu beantworten, kritisiert der Medizinstatistiker Gerd Antes. Im Interview fordert er eine großangelegte Studie, um den Immunstatus der Deutschen zu erfassen.

Professor Dr. Gerd Antes ist ehemaliger Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums am Universitätsklinikum Freiburg. Bis 2011 war er Mitglied der Ständigen Impfkommission. Besonders stark gemacht hat der Mathematiker sich viele Jahre lang für evidenzbasierte Medizin.

Deutschland steht am Beginn des dritten Corona-Jahres – wie würden Sie den Status Quo beschreiben?

Gerd Antes Wir lavieren gegenwärtig durch diese Krise, indem wir versuchen, durch Impfen und natürliche Infektion ein Stadium maximaler Immunisierung bei minimalen Verlusten zu erreichen. Aber abgerechnet wird zum Schluss. Wir wissen nicht, was in den nächsten zwei Wochen passiert. Meine Kritik ist seit März 2020 dieselbe: Wir brauchen eine Kohorte von 40.000 bis 50.000 Deutschen, die sauber strukturiert die Gesellschaft abbildet, damit wir über Blutproben und Tests dieser Menschen genauer sehen können, wie der Immunstatus der Gesellschaft ist. Das ist bis heute versäumt worden und das fällt uns jetzt wieder auf die Füße.

Aber kämen die Erkenntnisse mithilfe dieser Methode nicht viel zu spät? Gerade bei einer schnellen Verbreitung wie die der Omikron-Variante kann die Politik mit ihren Entscheidungen doch eigentlich nicht warten.

Antes Dieser Verdacht ist natürlich berechtigt. Aber wir haben einen Gesundheitsminister, der über die Feiertage gesagt hat: Die Infektionszahlen liegen vermutlich zwei bis drei Mal über den gemeldeten Werten. Und wir sprechen immer von einer Dunkelziffer der schon Infizierten. Wir wissen gar nicht, wie viele Menschen schon mit Corona infiziert waren! Diese Probleme könnte man so mindestens in den Griff kriegen. Die haben mit Geschwindigkeit ja nichts zu tun.

Und was wäre dann politisch gewonnen?

Antes Das, was die Bevölkerung zu recht verrückt macht, ist doch, dass die Zielwerte ständig steigen. Erst heißt es, 76 Prozent der Deutschen müssten vollständig geimpft werden. Dann sagt die Leopoldina, unter 90 Prozent wird es nie reichen. Diese Zahlen sind dramatisch falsch. Der Puffer, der uns davor schützt, dass wir die Kontrolle verlieren, ist die Summe der vollständig Geimpften – wobei wir nicht mal diese Zahl wirklich kennen – und der natürlich Immunisierten. Mit einer Kohorte wüssten wir, wo wir stehen und was wir noch schaffen müssen.

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Schnell gute Daten zu haben, nützt ja nur etwas, wenn dann auch gehandelt wird. Immer wieder in der Kritik ist die Ständige Impfkommission (Stiko), deren Mitglied Sie auch einmal waren, weil sie mit ihren Empfehlungen augenscheinlich nicht so schnell ist wie die Gremien in anderen Staaten.

Antes Ich denke, die Stiko sollte über eine Professionalisierung nachdenken. In der nächsten Pandemie sollten die ehrenamtlichen Mitglieder, bei denen das möglich ist, sich freistellen lassen, und der Staat sollte die Kosten dafür übernehmen. Aber insgesamt hätten die Entscheidungen nicht schneller gefällt werden können. Das braucht Zeit und Sorgfalt. Da verstehe ich teilweise auch die Politik nicht, wie sie mit diesem hohen Gremium umspringt.

Sie müssten sich doch eigentlich freuen, dass mit Karl Lauterbach nun ein Wissenschaftler Gesundheitsminister ist.

Antes Da führen Sie mich auf dünnes Eis. Ich fand seine Auftritte in Talkshows extrem unglücklich. Er hat monoton gewarnt und dabei meiner Ansicht nach oft Kausalität und Korrelation verwechselt. Dann hat er immer behauptet, er lese alle Studien zu Corona. Es gab aber teilweise bis zu 2000 Studien pro Woche, nur zu Covid. Alleine die einzusammeln, ist extrem schwierig. Und die dann noch zu lesen… ich brauche dafür zwei bis drei Stunden pro Stück. Da kann man sich dann ausrechnen, dass das gar nicht möglich war. Eine schreckliche Wahrheit ist auch, dass in Zusammenfassungen von Studien meistens nicht das Gleiche steht wie in den Studien selbst. Herr Lauterbach hat auch in den letzten Jahren nichts wissenschaftlich Relevantes publiziert. Das ist nicht schlimm, aber dann muss man sagen: Er ist Politiker – kein Wissenschaftler.

Also: Was raten Sie Herrn Lauterbach? Was raten Sie Deutschland?

Antes Wir brauchen eine Frageliste, die zwischen Politik und Wissenschaft abgestimmt ist. Darauf stünden dann solche Fragen wie: Sind Schulen eigentlich Pandemietreiber? Was ist mit dem ÖPNV? Warum grassierte Corona zeitweilig unter Menschen mit Migrationshintergrund? Und dann müssen wir die entsprechenden Studien machen. Das ist dann ein Ressourcenproblem. Laborstudien können wir importieren, weil Chinesen sich nicht von Deutschen unterscheiden. Aber wenn Herr Lauterbach sagt, es gebe zum Infektionsgeschehen in Schulen doch Studienergebnisse aus Oxford, dann ist das falsch. Ergebnisse zu kulturell stark beeinflussten Situationen können wir nicht importieren. Die müssen wir vor Ort machen.