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Fragen und Antworten: Wie die Impfkommission arbeitetund Entscheidungen trifft

Fragen und Antworten : Wie die Impfkommission arbeitet und Entscheidungen trifft

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern weiten das Impfangebot für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren aus, obwohl die Ständige Impfkommission bislang keine generelle Impfempfehlung für die Gruppe ausspricht. Ein Widerspruch? Wir haben Fragen und Antworten zum Themenkomplex zusammengestellt.

Wer ist die Ständige Impfkommission?

Der Stiko gehören 18 Mitglieder aus verschiedenen Disziplinen an, die ehrenamtlich in dem unabhängigen Gremium tätig sind. Sie werden vom Bundesgesundheitsministerium im Benehmen mit den obersten Landesgesundheitsbehörden für je drei Jahre berufen. Das vom Ulmer Virologen Thomas Mertens geleitete Gremium wird von Fachleuten des Robert Koch-Instituts (RKI) unterstützt. Was mit den Impfempfehlungen erreicht werden soll, ist im Infektionsschutzgesetz festgelegt.

Welche Relevanz hat die Arbeit der Stiko in der Medizin?

Wenn die Stiko eine Impfung empfiehlt, hat das für Ärztinnen und Ärzte mehr Gewicht, als der Begriff „Empfehlung“ Laien vermuten lässt: Es ist nicht nur ein gut gemeinter Ratschlag, sondern gilt vielmehr als maßgebliche Richtschnur. Manche Ärzte halten sich strikt daran. Normalerweise ist das Stiko-Urteil bedeutsam für Fragen der Haftung und der Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen - bei der Corona-Impfkampagne ist dies jedoch über den Bund geregelt. Formal sei das Impfen ohne Stiko-Empfehlung möglich, es widerspreche aber der „seit jeher etablierten Praxis“, erklärte die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin vor Wochen.

Wie arbeitet das Gremium?

Die Stiko beschäftigt sich nach eigenen Angaben fortlaufend mit der Bewertung von Studien und Daten und nimmt eine Abwägung vor: Welchen Nutzen und welche Risiken hat eine Impfung für den Einzelnen und für die Gemeinschaft? Die Empfehlungen sind nicht in Stein gemeißelt, sondern werden je nach Erkenntnislage angepasst: Für die Covid-19-Impfung liegen sie mittlerweile in der achten Aktualisierung vor. Die Stiko gibt dazu detaillierte, viele Seiten lange wissenschaftliche Begründungen ab. Mertens betonte am Dienstag im Gespräch mit der dpa: „Wir arbeiten sowieso unter größtem Druck. Die Politiker-Aufforderungen der vergangenen Wochen, dass wir unsere Empfehlung überdenken mögen, waren unnötig wie ein Kropf.“

Warum unterscheiden sich Einschätzungen von Stiko und EU-Einrichtungen zu Kinder-Impfungen?

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA und die EU-Kommission gaben grünes Licht für die Zulassung der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna ab zwölf Jahren, die Stiko hingegen empfiehlt den Einsatz bislang nur eingeschränkt. Das muss nicht verwundern: Die Stiko verweist auf die unterschiedliche Aufgaben. Bei der EMA geht es allgemeiner um die Prüfung von Daten zu Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität. Bei der Stiko steht das Regeln des Impfstoffeinsatzes zum besten Nutzen der einzelnen Menschen und der Bevölkerung hierzulande im Mittelpunkt. In anderen Ländern, etwa mit höherem Kinder-Anteil, können die Überlegungen anders aussehen.

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Was empfiehlt die Stiko bisher beim Impfen von Kindern gegen Corona?

Die Empfehlung stützt das Impfen einer Gruppe, die laut Mertens ungefähr 350 000 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren umfasst. Es geht um Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen wie Fettleibigkeit oder chronischen Lungenkrankheiten - und um solche mit stark coronagefährdeten Angehörigen oder Kontaktpersonen. Laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sind bisher mehr als 900 000 Menschen zwischen 12 und 17 mindestens einmal geimpft worden, etwa 20 Prozent dieser Altersgruppe.

Wie bewertet die Stiko das beschlossene Ausweiten des Impfangebots?

Die Entscheidung sei „keine Katastrophe“, ideal gelaufen sei es aber auch nicht, sagte Mertens. Er verweist auf einen Passus in der Impfempfehlung, durch den die Entscheidung gedeckt sei: Demnach ist der Einsatz des Impfstoffs „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich“. Der Virologe spricht aber auch von „unglücklicher Hektik“ und beklagt Aktionismus der Politik, den er sich auch mit dem kommenden Schulbeginn, dem Überfluss an Impfstoff und den nun nicht mehr ausgelasteten Impfzentren erklärt. Dabei brauche die Stiko nur noch rund zehn Tage für die Aktualisierung ihrer Empfehlung, sagte Mertens.

Heißt das, dass es nächste Woche die generelle Empfehlung geben wird?

Dem Stiko-Chef zufolge ist das bislang keineswegs klar: „Der Ausgang ist offen, wir sind im Prozess der Abwägung.“ Sein Stiko-Kollege Christian Bogdan sprach am Dienstag von derzeit nicht erfüllten Voraussetzungen dafür. Stiko-Mitglied Ulrich Heininger sagte unterdessen im „Deutschlandfunk“: „Entweder es bleibt wie es ist, oder - und das ist meine persönliche Hoffnung - wir kommen zu einer etwas weiter gefassten Empfehlung.“

Woran hängt die Entscheidung?

Der Stiko geht es nun vor allem noch um die Sicherheit der Impfung: Mertens zufolge fehlen Daten zu möglichen Folgen der Herzmuskelentzündungen, wenngleich der Akutverlauf meist nicht schwerwiegend sei. Diese Herzmuskelentzündungen seien in den USA in etwa einem Fall pro 18 000 Geimpfte aufgetreten. Diese Angabe komme jedoch aus einem System, in dem Betroffene selbst die Beschwerden melden, eine Dunkelziffer ist anzunehmen.

In manchen Fällen hätten die Betroffenen auf die Intensivstation gemusst, aber das genaue Ausmaß sei unbekannt, sagte Mertens: „Diese Zahl hat bisher kein Mensch, auch nicht Karl Lauterbach“. Der SPD-Gesundheitsexperte hatte der Stiko im „Deutschlandfunk“ eine „Außenseiterposition“ attestiert und gesagt, die wesentlichen Studien liefen darauf hinaus, „dass die Durchseuchung mit der Delta-Variante viel gefährlicher wäre als die Impfung, dass die Impfung mittlerweile gut untersucht ist“.

Warum ging die Impfempfehlung für Erwachsene so viel schneller?

Weil Erwachsene im Gegensatz zu Kindern schwerer an Covid-19 erkrankten und der Nutzen der Impfung für den Einzelnen damit klar sei, argumentiert Mertens. Er bekräftigte, dass es laut Modellierungen wichtig sei, zur Pandemiebekämpfung die Impfquote bei den 18-bis 59-Jährigen noch deutlich zu steigern. „Da liegt das Problem, nicht bei den Kindern.“ Es sei entscheidend, den Menschen dieser Altersgruppe deutlich zu machen, dass von ihrer Impfbereitschaft der weitere Verlauf der Pandemie in Deutschland wesentlich abhänge - mit Konsequenzen für das Leben der Einzelnen, der Gemeinschaft und letztlich auch die wirtschaftliche Erholung.

Was sagen Politik und Ärzteverbände?

Spahn verteidigte die geplanten zusätzlichen Impfgelegenheiten. „Es geht ausdrücklich nicht darum, Druck zu machen, den machen wir auch nicht.“ Wenn Eltern und Kinder sagten, dass sie noch auf mehr Daten warten wollten, sei das auch okay und kein Problem. Er wandte sich dagegen, einen Gegensatz zu konstruieren - der Beschluss von Bund und Ländern sei „durchaus im Einklang mit der Stiko“.

Der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, stärkt der Stiko schon länger den Rücken. Da Infektionen mit Corona bei Kindern und Jugendlichen relativ mild verliefen, sei keine Eile geboten - die eine Woche bis zur Neubewertung könne man in Ruhe abwarten, sagte er nun dem Sender phoenix. Der Deutsche Hausärzteverband kritisierte, dass das Vorgehen eher zur Verunsicherung führen könne.

(felt/dpa)