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Düsseldorf: Altstadt entwickelt sich seit Corona-Lockerungen zum Brennpunkt

Seit Corona-Lockerungen : Polizei hat Aufgebot in Düsseldorfer Altstadt verdoppelt

Polizei und Anwohner beklagen eine explosive Stimmung in der Düsseldorfer Altstadt. Weil die Clubs geschlossen sind, treffen sich Gruppen im Freien und verhalten sich teilweise aggressiv. Die Polizeiführung hat eine klare Order bei Beleidigungen ausgegeben.

Die Polizei sieht sich seit den Corona-Lockerungen mit einer steigenden Aggression in der Altstadt konfrontiert. Sie ist derzeit an den Wochenendabenden mit doppelt so vielen Kräften unterwegs wie am Jahresanfang, im Vergleich zum Vorjahr ist der Unterschied sogar noch größer. Sorgen bereiten vor allem Gruppen von jungen Männern, die sich im Freien treffen. Der Leiter der Polizeiinspektion Mitte, Thorsten Fleiß, spricht auf Anfrage unserer Redaktion von einer schwierigen Lage. „Die Intensität hat uns überrascht“, sagt er.

Das Ordnungsamt, das mit seinem Außendienst OSD präsent ist, bestätigt den Eindruck. Auch Anwohner äußern sich alarmiert. Die Sicherheitskräfte beklagen, dass sie auch selbst häufiger zum Opfer werden: Polizei und Ordnungsamt registrieren eine Zunahme von Übergriffen auf Einsatzkräfte. Allein im August errichtete die Polizei sieben Mal eine sogenannte „Besondere Aufbauorganisation“ – das passiert, wenn Einsätze zu eskalieren drohen.

Thorsten Fleiß arbeitet auf der Altstadt-Wache an der Heinrich-Heine-Allee, aus der die Einsätze in dem Partyviertel koordiniert werden. Die Altstadt gilt seit Jahrzehnten als besondere Herausforderung für die Ordnungskräfte. Diese haben ihre Strategie immer wieder überarbeitet. So versucht die Polizei inzwischen, potenzielle Störer früh am Abend anzusprechen und später bei Vergehen zügig mit einem Platzverweis zu belegen. Es gibt Videoüberwachung an einigen Orten. Darüber hinaus sind die Beamten in hoher Stärke präsent.

In den vergangenen Monaten stieß die Polizei auf eine neue Situation. Im Frühjahr war die Altstadt über Wochen wegen des Shutdowns nahezu ausgestorben. Dann gingen zwar wieder mehr Menschen aus – allerdings anders als früher. Die Kneipen haben immer noch weniger Zulauf, die Clubs dürfen nicht wieder öffnen. Die Polizei beobachtet vermehrt Jugendgruppen, die sich mit Alkohol ins Freie setzen, vor allem am Rheinufer. Ein Haupttreffpunkt ist die Freitreppe am Burgplatz.

Polizeidirektor Fleiß spricht von vielen Besuchern, die „Action“ suchen – oft in der Konfrontation mit anderen Gruppen, aber auch mit Sicherheitskräften. Vor allem an Wochenendnächten ab 1 Uhr, wenn viele andere Besucher nach Hause aufbrechen, spitze sich die Lage zu.

Fleiß berichtet, dass sich häufig Unbeteiligte in Einsätze einmischen. Bei einem Einsatz am Burgplatz etwa versammelten sich kürzlich nach Schätzungen der Polizei rund 200 Menschen um den Einsatzort. Viele filmen in solchen Situationen mit dem Handy, aus der zweiten Reihe werden Beleidigungen gerufen – oder es fliegen Flaschen.

Auch Konflikte zwischen Besuchern eskalieren: In der Nacht zu Samstag hat ein 20-Jähriger einen 19-Jährigen nach einem Streit an der Freitreppe am Burgplatz mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Die Polizei stößt bei Kontrollen immer wieder auf solche Messer – sie sind nicht verboten.

Laut Fleiß zeigen die Daten aus Personalienfeststellungen, dass viele der Gruppen aus dem Umland und dem Ruhrgebiet kommen. Es seien weit überwiegend Männer, ein hoher Anteil habe den Namen nach Migrationshintergrund. Dieses Bild ergibt sich dem Vernehmen nach auch aus den Personalien, die das Ordnungsamt aufgenommen hat.

Die Polizei hat reagiert und ihr Aufgebot an Wochenendnächten vergrößert, sogar Reiterstaffeln patrouillieren. Zahlen zur Personalstärke nennt die Polizei grundsätzlich nicht. Auch eine Drohne ist im Einsatz, da die Jugendgruppen viel mobiler sind als Kneipenbesucher.

Polizeidirektor Fleiß berichtet auch von neuen Einsatzvorgaben. Mehr Beamte als früher sicherten ihre Kollegen ab. Darüber hinaus habe er die Order ausgegeben, dass die Kollegen bei Beleidigungen nicht weghören, sondern die Täter stellen sollen, auch wenn sie aus der Menge heraus agieren. „Wir wollen sie aus der Anonymität reißen.“

Das Ordnungsamt erfasst ebenfalls eine Zunahme von Übergriffen auf seine Mitarbeiter. Im ersten Halbjahr wurden 110 registriert, es handelte sich überwiegend um Beschimpfungen. „Der Schwerpunkt ist die Altstadt“, sagt Ordnungsdezernent Christian Zaum, der von einer belastenden Situation für die Mitarbeiter spricht.

Die Sprecherin der Altstadtwirte, Isa Fiedler, bestätigt die Beobachtungen. „Das ist ein Problem, das wir auch wahrnehmen“, sagt sie. Sie geht davon aus, dass sich die Lage bald „wetterbedingt“ von alleine entspannt. Die Wirte kämpfen zudem darum, wieder mehr Publikum in die Altstadt zu ziehen, Registrierungspflichtiger Inhalt: etwa auch mit Schutzvorrichtungen wie Lüftern.

Auch Anwohner berichten von einer angespannten Lage. Rund um die Lambertuskirche hat sich eine Bürgerinitiative gebildet. Die Anwohner berichten unserer Redaktion von schockierenden Zuständen, „die sich nach dem Shutdown dramatisch verschlimmerten, aber schon seit einigen Jahren ein leidiges Thema sind“. Die Anwohner, deren Namen unserer Redaktion bekannt sind, wollen sich nur anonym äußern. Es geht etwa um offenen Drogenhandel am Stiftsplatz. Die Anwohner werden laut eigenen Ausführungen bedroht von „laut und aggressiv bis in die Nacht feiernden Menschen“. Sie fordern, dass die Sicherheitskräfte stärker durchgreifen.

Polizeidirektor Fleiß erhofft sich Verbesserungen durch die Zusammenarbeit mit Stadt und Gastronomen, die in der Altstadt ständig im Gespräch sind – und später durch die Normalisierung des Altstadtbetriebs wie in den Zeiten vor der Corona-Pandemie.