1. Panorama
  2. Coronavirus

"Deutschland spricht" 2020 im Selbstversuch: Wie unsere Autorin ihr Gespräch erlebt hat

„Deutschland spricht“ im Selbstversuch : „Habe Angst, dass es bald nicht mehr reicht, nur an die Leute zu appellieren“

Einmal mit jemandem diskutieren, der ganz anderer Meinung ist – darum geht es bei der Aktion „Deutschland spricht“. Unsere Autorin hat auch mitgemacht. Erwartet hatte sie ein Streitgespräch, bekommen hat sie etwas viel Besseres, schreibt sie. Ein Selbstversuch.

Befremdlich, das war das erste Gefühl. Wann kommt man schon mal dazu, sich mit einem Wildfremden zu verabreden, nur um über ein bestimmtes Thema zu diskutieren? Ein Wildfremder, der ganz anderer Meinung ist, wohlgemerkt. Und wann verabredet man sich dabei schon per Videokonferenz? Genau das ist die Idee der Aktion „Deutschland spricht“, zu der die Rheinische Post gemeinsam mit der „Zeit“ und anderen Medien aufgerufen hat. Das Ziel der Aktion: Menschen miteinander ins Gespräch bringen, die sich sonst vermutlich niemals über den Weg laufen und erst recht kein langes Gespräch miteinander führen würden.

Meine Gesprächspartnerin heißt Leonie, ist 26 und studiert. Sie findet – im Gegensatz zu mir –, dass man in der Corona-Krise den Datenschutz unter Umständen lockern sollte, um Infektionsketten schneller verfolgen zu können. Sie findet auch, dass Online-Unterricht nach der Pandemie kein fester Bestandteil des Lehrplans werden sollte. Ich sehe das anders. In den restlichen fünf Fragen zum Thema Corona sind wir – laut Anmeldeformular – gleicher Meinung. Aus diesen Informationen habe ich mir also mein Bild gemacht. Von Leonie, meiner fremden Gesprächspartnerin. Und aufgrund dieser Informationen hat mit ein Algorithmus Leonie vermittelt - als Gesprächspartnerin, mit der ich garantiert in einigen Punkten unterschiedlicher Meinung bin.

„Hallo Leonie! Ja cool … Schön, dass das geklappt hat!“, ist das, was ich rausbringe, als ich sie das erste Mal sehe. Leonie sitzt an ihrem Schreibtisch und grüßt sehr nett durch den Bildschirm meines Laptops zurück. Erste Hürde geschafft. Wie vermutlich alle anderen Teilnehmer in Deutschland – es waren mehrere Tausend, allein in NRW über 1300 – sprechen wir nun darüber, wer wir denn eigentlich sind. Ich: Aus Düsseldorf, absolviere eine Ausbildung zur Redakteurin bei der Rheinischen Post. Sie: Schreibt ihre Masterarbeit im Fach Ernährungswissenschaften in der Nähe von Stuttgart, kommt ursprünglich aus Hannover. Okay, kann losgehen.

„Ich finde es bemerkenswert, wie Angela Merkel das Ganze managt“, sagt Leonie auf die erste Frage, die wir uns stellen: Hat die Bundesregierung richtig auf die Corona-Krise reagiert? Wir beide finden: Ja. „Ich wüsste nicht, wie man es groß besser hätte machen können“, sagt Leonie. „Politiker sind auch nur Menschen“, sage ich. „Es ist schade, dass immer im Nachhinein ein Sündenbock gefunden werden muss.“ Auch in den Fragen, ob die Einschränkungen in der Corona-Krise verhältnismäßig sind, oder ob für jüngere und ältere Menschen dieselben Einschränkungen gelten sollten, sind wir einer Meinung. Die Verhältmäßigkeit ist gegeben, und für alle Menschen sollten gleiche Einschränkungen gelten.

Aber fühlen wir uns ausreichend und transparent genug informiert? Ausreichend schon, meint Leonie, aber transparent – naja. „Überall liest man etwas anderes. Manchmal fühle ich mich da einfach ein bisschen verloren, weil ich teilweise gar nicht mehr weiß, was erlaubt ist und was nicht“, sagt sie. „Ich sehe da die Landesregierung noch mehr in der Pflicht“, entgegne ich. Nicht die Medien. Oft blieben auch für uns Medienvertreter noch offene Fragen und Unklarheiten: „Ich denke, es ist mehr die Situation an sich, die einfach oft sehr unübersichtlich ist.“

Leonie (l.) und ich im Gespräch. Foto: Maren Könemann

Auch beim Thema Datenschutz sehen wir die Dinge unterschiedlich. Sollten die strengen Regelungen in Deutschland gelockert werden, um Infektionsketten besser nachverfolgen zu können? Eher nicht, finde ich. „Man sollte mit so etwas gar nicht erst anfangen, auch wenn es extrem verlockend klingt.“ Wäre es nicht besser, noch einmal mehr an die Menschen zu appellieren, die Maßnahmen besser einzuhalten und weiter vorsichtig zu sein? Nein, findet Leonie. „Ich habe Angst, dass es bald nicht mehr reicht, nur an die Leute zu appellieren“, sagt sie. Vielleicht hat sie damit recht, denke ich mir. „Ich habe das Gefühl, dass so viel Müdigkeit da ist. Ich denke, dass im Nachverfolgen von Infektionsketten einfach sehr viel Potential steckt, um die Pandemie einzudämmen. Die Daten müssten natürlich extrem gut verschlüsselt und geschützt sein.“

Und dann geht es um Glauben. Also den religiösen. Denn der gebe Leonie gerade jetzt in der Krise Hoffnung, wie sie mir gegen Ende unseres eineinhalbstündigen Gesprächs erzählt. „Der Blick auf Gott, der so allmächtig ist, beruhigt mich, weil im Anbetracht seiner Größe das Ausmaß und die Gewalt der Corona-Krise ein stückweit relativiert wird. Weil Gott einfach so, so viel größer ist.“ Ein interessanter Gedanke, finde ich. Ich, die auf die Frage, was mir in der Corona-Krise denn Sorgen mache, nur eine egoistische Meine-Reisefreiheit-soll-nicht-so-lange-eingeschränkt-bleiben-Antwort ins Anmeldeformular getippt hatte. Am liebsten hätte ich meine Antwort gleich wieder gelöscht und etwas Positives und Optimisches eingefügt, so wie Leonie.

Denn, wenn ich es mir recht überlege: Wer so wie Leonie denkt, der hat eigentlich kaum etwas Schlimmes zu befürchten. Der hat die Fähigkeit, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Und der sieht die Welt sicherlich in vielen Dingen etwas rosiger. Und das könnten viele von uns wahrscheinlich derzeit etwas mehr gebrauchen. Oder?