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Delta-Mutante: Großbritannien erwischt die dritte Corona-Welle

Virusmutante Delta : Großbritannien erwischt die dritte Welle

Die Freiheit in Großbritannien sollte am 21. Juni wieder voll eintreten, die Corona-Schutzmaßnahmen hätten an diesem Tag aufgehoben werden sollen, doch nun droht eine dritte Welle – die Variante Delta könnte die Lockerungen zunichte machen.

Während in Deutschland die dritte Welle der Corona-Pandemie abflaut, kommt sie in Großbritannien jetzt so richtig in Fahrt. Bis Anfang Mai waren die Infektions-, Einweisungs- und Todeszahlen stetig gefallen und man konnte sich über eine Inzidenz von etwas über 20 Fälle pro 100.000 Einwohner freuen. Doch seitdem sind die Kennziffern wieder gestiegen, und die Inzidenz liegt mittlerweile bei über 60. Das bringt den Fahrplan der Regierung durcheinander. Am 21. Juni, dem „Freedom Day“, sollten sämtliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder wegfallen und die Rückkehr zur Normalität vollzogen sein. Doch es sieht ganz danach aus, dass der Tag der Freiheit verschoben werden muss. Denn wenn die momentane Rate der Neuinfektionen so weitergeht wie bisher, hätte man am 21. Juni mehr als 15.000 neue Fälle täglich.

Schuld daran ist die sogenannte Delta-Variante. Die zuerst in Indien aufgetretene Mutation des Corona-Virus ist um rund 60 Prozent ansteckender als die bisher im Königreich dominante und zuerst in Kent aufgetretene Alpha-Variante, die im Frühjahr in Deutschland die dritte Welle ausgelöst hatte. „Die höhere Infektiosität“, meint der Professor für Experimentalmedizin Peter Openshaw, „bedeutet, dass das Virus sich im nicht immunisierten Teil der Bevölkerung stark ausbreiten wird, sollte das öffentliche Leben wieder zur Normalität zurückkehren.“

Bisher haben im Königreich rund die Hälfte aller Erwachsenen zwei Impfdosen empfangen, während rund drei Viertel eine erste Dosis bekommen haben. Das ist viel, aber nicht genug, um Herdenimmunität zu erreichen. Zwar hat die nationale Statistikbehörde ONS ermittelt, dass mittlerweile 80 Prozent aller Erwachsenen Covid-Antikörper – sei es durch Impfung oder Infektion – aufweisen, aber das bedeutet auch, dass es immer noch ein Reservoir von rund 22 Millionen Briten gibt, die sich infizieren könnten. Zwar sind das größten Teils Personen unter 18 Jahre, bei denen ein schwerer Verlauf der Krankheit unwahrscheinlich ist. Doch auch sie können die Krankheit weiter geben.

Hoffnung macht, dass aufgrund der Impfungen die Verkettung von Infektion, Krankenhauseinweisung und womöglich letalem Krankheitsverlauf abgeschwächt wird. Wer zwei Impfdosen empfangen hat, ist vor einem schweren Verlauf weitgehend geschützt. Am Anfang der Woche befanden sich 126 Personen, die mit der Delta-Variante infiziert waren, im Krankenhaus. Nur drei von ihnen waren mit zwei Impf-Dosen voll immunisiert, während die meisten keine oder nur eine Impfdosis empfangen hatten. Man schätzt jetzt, dass zwei Impfdosen einen 95-prozentigen Schutz vor Hospitalisierung verschaffen.

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Deborah Dunn-Walden von der „British Society for Immunology“ denkt, dass die Regierung am 21. Juni „nicht sämtliche Infektionskontrollen aufgeben“ sollte und spricht von einem „Rennen zwischen der Ausbreitung der Delta-Variante und der Immunisierung durch zwei Vakzindosen“. Tatsächlich könnte nach dem Trend des bisherigen Impftempos eine Verschiebung des „Freedom Day“ um zwei Wochen dazu führen, dass zusätzliche 2,2 Millionen Menschen eine erste und zusätzliche fünf Millionen eine zweite Impfung empfangen würden. Das wiederum könnte die Zahl der schweren Krankheitsverläufe oder gar Todesfälle stark reduzieren. „Eine Verzögerung“, meinte auch der renommierte Epidemiologe Professor Neil Ferguson vom Londoner Imperial College, „hätte klare Vorteile für das Gesundheitswesen und würde uns mehr Zeit geben, die Daten zu analysieren.“ Im Rennen zwischen Infektion und Injektion wird sich zeigen, ob der Delta-Variante die Zähne gezogen werden können.